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Russische Augenwischerei - Existenzminimum vs. Forbeslist

Verfasst: 13 Mär 2007, 11:36
von Simone
Gegensätzlicher könnten die Zeitungsartikel der letzten Tage nicht sein:

Das Existenzminimum wird mit einer Summe von 3532 Rubel für Rentner festgelegt, im Durchschnitt für Moskau mit 5121 Rubel.
http://news.yandex.ru/yandsearch?cl4url ... ssia&cat=0

Auf der anderen Seite stehen die Russen in der weltweiten Forbes-list der reichsten Menschen ganz oben - Platz 3 mit 53 Milliardären nach USA und D und Platz 2 mit einem Gesamtvermögen von 282 Mrd. USD nach USA vor D.

Die da oben, wir da unten.

Die Distanz wächst, Parallelgesellschaften entfernen sich voneinander.

Die soziale Schieflage bringt aber offensichtlich keinen Widerstand hervor, im Gegenteil! Es scheint, daß die russische Glitzerwelt eines kleinen, aber durchaus sehr sichtbaren Bevölkerungsanteils für die meisten Bewohner Russlands als "sexy" und erstrebenswert gilt.

Interessiert sich die Gesellschaft für die Rentner, Invaliden, Waisen... für die Schwachen? Gibt es soziales Engament? Es scheint, jeder sucht sich seine Nische und macht es sich dort gemütlich.

Welche Rolle spielt die russ.orth. Kirche bei der Bekämpfung bzw. Dämpfung der sozialen Schieflage?

Resultiert nicht die Korruption auch aus diesen eklatanten Unterschieden nach dem Motto "Ich will auch ein Stückchen vom fetten Kuchen abhaben"?

Re: Russische Augenwischerei - Existenzminimum vs. Forbeslis

Verfasst: 13 Mär 2007, 11:48
von Zejtnot
Simone hat geschrieben:Welche Rolle spielt die russ.orth. Kirche bei der Bekämpfung bzw. Dämpfung der sozialen Schieflage?
Keine, sie profitiert davon. Denn die ganzen Armen und Rentner rennen in die Kirche und beten, damit das Leben besser wird. Und werfen etwas in den Klingelbeutel.

Die russische Seele scheint mir so konstruiert, dass man Ungerechtigkeiten einfach hinnimmt und allenfalls beten geht, wenn man betroffen ist.
Die soziale Schieflage bringt aber offensichtlich keinen Widerstand hervor, im Gegenteil!
Den Armen geht es noch nicht schlecht genug, um Widerstand zu leisten. Es verhungert ja keiner, aber zum Protestieren reicht die Zeit (und der Wille) nicht. Und warum sollten die Reichen für die Armen auf die Straße gehen? Bei den Hartz-IV-Demos waren doch auch keine Besserverdienenden unterwegs!

Weiterer Gedankenansatz: Die Schieflage nimmt zu, weil es den Reichen unverhältnismäßig stärker besser geht. Die Lage der Armen wird aber nicht noch schlimmer, sondern es geht auch ein klitzekleines bisschen bergauf. Dieses klitzekleine bisschen reicht aus, um einen Aufstand zu verhindern.
Resultiert nicht die Korruption auch aus diesen eklatanten Unterschieden nach dem Motto "Ich will auch ein Stückchen vom fetten Kuchen abhaben"?
Welche Korruption meinst Du genau? Der kleine Polizist, der die Strafe selbst kassiert? Der will nix vom Kuchen, der will einfach nur einen normalen Lohn - reich wird er von den 100 Rubel nicht!

Und die Korruption in den ganz hohen Schichten ... die Leute dort haben schon ein Stück vom Kuchen.
Die da oben, wir da unten.
Siehst Du Dich als Teil der armen Bevölkerung? Würde mich wundern! Sicher sind wir keine Milliardäre, aber wir gehören auch nicht zu den Pensionären und Niedriglohnbeschäftigten. Auf der anderen Seite: Wer geht von uns zur Caritas und hilft dort in der Armenküche??? Im Gegenteil, ich würde kühn behaupten: Der Großteil von uns profitiert von den russischen Verhältnissen, wenn auch im kleinen Maßstab.

Verfasst: 13 Mär 2007, 14:41
von Frank
Was da zu lesen ist, macht einfach nur traurig. Als sog. "Westeuropäer" frage ich mich nur, ob das nicht vielleicht auch die russische Leidensfähigkeit oder Leidenswille ist, der viele Russen diese Ungerechtigkeiten und Verwerfungen mit einer nahezu stoischen Gelassenheit ertragen lässt. Oder, wenn der Begriff erlaubt ist: eine Art seelischer Masochismus...?

Re: Russische Augenwischerei - Existenzminimum vs. Forbeslis

Verfasst: 13 Mär 2007, 15:21
von manuchka
Simone hat geschrieben:Welche Rolle spielt die russ.orth. Kirche bei der Bekämpfung bzw. Dämpfung der sozialen Schieflage?
Erst neulich gab es einen Synod (Versammlung) der obersten Geistlichen zu diesem Thema. Mein Mann, der orthodox ist, ist etwas frustriert zumindest von den Moskauer Kirchenvertretern - weil Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. In früheren Zeiten - und teilweise auch jetzt in den entlegeneren Gegenden - sorgte der Hirte sich um seine Herde, damals haben Klöster ganze Dörfer mitversorgt. In Moskau dagegen lebt der Großteil der Bevölkerung so dahin mit Ach und Krach, und der Kirchenvorstand kommt im Westauto dahergefahren.

Andererseits engagieren sich in Russland häufig kirchliche oder kirchennahe Organisationen, wenn es um die Betreuung von Kinderheimen, Altenheimen, Obdachlosen, Straßenkindern, Drogies und Alkoholikern und Strafgefangenen etc. geht. Beispiel: der soziale Dienst Miloserdie (Barmherzigkeit), der zur orthodoxen kirche gehört - die machen wirklich gute und wichtige Sachen: http://www.miloserdie.ru/
Simone hat geschrieben:Resultiert nicht die Korruption auch aus diesen eklatanten Unterschieden nach dem Motto "Ich will auch ein Stückchen vom fetten Kuchen abhaben"?
Den Eindruck habe ich auch manchmal. Wenn man z.B. weiß, dass ein normaler Milizionär um die 4.000 bis 5.000 Rubel regulären Sold bekommt, muss man sich nicht wundern, dass der dann irgendwie versucht, sich mit Strafgeldern etc. sein Einkommen aufzubessern. Genauso wie die Physiotherapeutin in der Klinik, die einen Bruchteil von dem Betrag erhält, die der Bezahl-Patient unten in der Administration für eine Physiotherapie-Sitzung bezahlen muss, und dann eben anbietet: "Du bezahlst pro Sitzung nur die Hälfte oder ein Drittel, dafür direkt mir und ohne Quittung, und ich nehm dich außer der Reihe dran." (Selbst erlebt.) Oder der Dozent, bei dem man sich die Prüfungsnote kaufen kann... Kann man schon irgendwie verstehen, diese Leute... da sagt man sich: die machen das, weil sie anders kaum um die Runden kommen. Und natürlich gibt es auch welche, die sich sagen: "Warum soll das nur funktionieren, um über die Runden zu kommen? Warum nicht auch, um sich das zweite Auto, ein schönes Häuschen, den Urlaub am Meer zu finanzieren?"

Re: Russische Augenwischerei - Existenzminimum vs. Forbeslis

Verfasst: 13 Mär 2007, 17:25
von Oletsch
Zejtnot_ hat geschrieben: Die russische Seele scheint mir so konstruiert, dass man Ungerechtigkeiten einfach hinnimmt und allenfalls beten geht, wenn man betroffen ist.
Das hast Du sehr richtig gemerkt. Fatalismus steckt tief im russischen Volk - erklärt auch meiner Meinung nach zum Teil, warum über die "rätselhafte russische Seele" gesprochen wird.
Das hat ja auch einen Grund - so viel Totalitarismus in der ganzen Geschichte hatte wohl kaum ein Volk ertragen müssen, da blieb ja nur hinnehmen und beten.

@Frank: Leidensfähigkeit ja, Leidenswille nein.

Gruß
Oletsch

Verfasst: 14 Mär 2007, 11:30
von Dietrich
Die Russen sind immer von oben beherrscht und um den Reichtum ihres Landes betrogen worden.
Und denen "oben" ging es dabei immer sehr viel besser als dem gemeinen Volk.

Die ueblichen Saetze von normalen Russen zu dem Thema sind

- Das war immer so
- da kann man soundso nichts gegen machen
- Das sind soundso alles Verbrecher
- Demonstrieren? Was soll das bringen
- Dafuer leben die auch viel gefaehrlicher als ich

Verfasst: 14 Mär 2007, 17:00
von StefanKlein
@ Dietrich

Gut gebruellt Loewe!!!!


Aber mal allgemein gesehen, wie war das mit der Korruption? Nur in RF nein schaut mal in D in die eigenen Reihen, die hoeheren Etagen. Ist es da nicht genauso oder sogar schlimmer?

Gruss

Stefan

Verfasst: 15 Mär 2007, 10:21
von Dietrich
Korruption gibt es auch in Deutschland. Klar.
Aber du willst doch nicht behaupten, dass es in Deutschland genauso weit verbreitet ist, wie in Russland. Oder?

Versuch mal mit einer Flasche guten Weins in deinem Einwohnermeldeamt die Ausstellung deines Passes ein wenig zu beschleunigen....
Oder versuch mal die Potlitesse zu ueberreden, das du nur die Haelfte der Strafe, dafuer aber ohne Quittung bezahlen musst....

Verfasst: 15 Mär 2007, 19:29
von Sportsfreund
noch zu Sowjetzeiten sagte man im Volk:
wir erschaffen immer neue Schwirigkeiten
um dann sie heroisch zu überwinden!


Seitdem hat sich in der ehem. UdSSR nicht viel geändert...
Immer gibt es objektive Schwirigkeiten, erklärbare Komplikationen,
gewisse Problemme...
:(


Es ist immer noch unmöglich jedem Ru-Bürger einen Reisepass ohne 3-4 monatiger Wartezeit auszustellen,
oder ihn sogar mit dem Inlandspass zu einem Pass irgendwie vereinigen,
Wohnanmeldeprozedur für jeden Sterblichen vereinfachen (oder sogar wegrationalisieren),
uws.

Verfasst: 15 Mär 2007, 21:54
von MpaK
Sportsfreund hat geschrieben: noch zu Sowjetzeiten sagte man im Volk:
wir erschaffen immer neue Schwirigkeiten
um dann sie heroisch zu überwinden!
Das wurde in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt, als du es hier verwendet hast.
Sportsfreund hat geschrieben: Seitdem hat sich in der ehem. UdSSR nicht viel geändert...
Immer gibt es objektive Schwirigkeiten, erklärbare Komplikationen,
gewisse Problemme...
:(
Du hast zwei "große" demokratische Revolutionen in Georgien und in der Ukraine vergessen. Damit sind wenigstens "demokratische" Eroberungen gesichert worden. Außerdem sind drei Staaten (ehem. Rep. der UdSSR) der Europäischen Union und NATO beigetreten. Und du sagst es ist nichts passiert. Sag mal, lebst du irgendwo in der Hölle, so dass du das ganze nicht mitbekommen hast?
Sportsfreund hat geschrieben: Es ist immer noch unmöglich jedem Ru-Bürger einen Reisepass ohne 3-4 monatiger Wartezeit auszustellen,
oder ihn sogar mit dem Inlandspass zu einem Pass irgendwie vereinigen,
Wohnanmeldeprozedur für jeden Sterblichen vereinfachen (oder sogar wegrationalisieren),
uws.
Na siehst du, es gibt doch noch so viel zu tun. Und du sitzt irgendwo in Deutschland und bist wahrscheinlich noch arbeitslos. Komm doch nach Hause, dein Land braucht deine Hilfe. Obwohl wenn du auch zu der UdSSR Zeiten nichts gemacht hast, damit das Land besser wird, und einfach abgehauen bist, um jetzt hier deine absurden Bekundungen zu machen, dann solltest du in De bleiben.