Was ich an Russland mag
Verfasst: 21 Jan 2008, 11:49
Ich habe kürzlich nochmal ein wenig darüber nachgedacht, was mir an Russland eigentlich gefällt, und irgendwann damit begonnen, ein bisschen differenzierter aufgeschreiben, was mir dazu einfällt. Vielleicht passt das ja ganz gut zum Thema, auch wenn sich das Folgende mit früheren Beiträgen überschneiden sollte. Darum dieser etwas längere Beitrag.
Leider, das muss ich eingestehen, komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass mir sehr viele Dinge sehr unsympathisch sind, bzw. geworden sind, je länger ich über sie nachgedacht habe. Besonders die Aspekte, über die es sich lohnt, zu reden (oder vielleicht auch einmal freundschaftlich zu streiten), führen bei mir regelmäßig zu der Erkenntnis, dass es andernorts einfach besser ist. Das betrifft fast alle Bereiche der Politik, sei es Außen- oder Innenpolitik, Umweltschutz, Ressourcenmanagement, Rechtssicherheit, soziale Gerechtigkeit oder von mir aus auch Nichtraucherschutz. Natürlich die Bürokratie. Die Menschen in Russland können zuweilen auch ziemlich rücksichtslos zueinander sein, zumindest im Vergleich vielen anderen Ländern.
Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Aspekte, die ich an Russland und den Russen sehr mag.
Zum einen finde ich den Fleiß bewundernswert, mit dem viele sich für ihre Sache ins Zeug legen, zum Beispiel bei der Arbeit (sofern sie anständig bezahlt wird), aber nicht nur dort. Die Menschen übernehmen sehr früh für sich selbst Verantwortung und sind auch dazu in der Lage, sich ihr Recht zur Not auch auf informellem Wege zu erkämpfen, etwa beim Umgang mit Gesetzeshütern. Russen sind allgemein, meiner Erfahrung nach, ziemlich durchsetzungsfähig.
Mir fällt auch auf, dass Familienwerte sehr hochgehalten werden. Ich will sicher nicht behaupten, dass Deutsche zum Beispiel ihre nächsten Verwandten weniger liebten, aber Russen sind sich dessen vielleicht eher bewusst. Eine ganze Menge Westeuropäer denkt ganz unwillkürlich zuerst oft an sich selbst, dann erst an Eltern oder Geschwister. Ich möchte es einmal so erklären: Ich frage Bekannte und Freunde manchmal, was sie tun würden für den Fall, eine Million Euro frei zur Verfügung zu haben. Bei Westeuropäern hört man viel eher Antworten wie: „eine Weltreise machen“, „das Geld gewinnbringend anlegen“, „ein Haus [oder etwas anderes beliebiges] kaufen“. Russen haben mir dagegen öfter auch geantwortet: „Meine Eltern im Sommer in den Kurort schicken“, oder: „meinem Bruder das Studium finanzieren“.
Das Leben in Russland ist auch in vielerlei Hinsicht nicht so kompliziert wie in westlichen Ländern. In Russland weiß man normalerweise ziemlich klar, welche Rolle man zu erfüllen hat. In Deutschland hingegen herrscht breite Orientierungslosigkeit. Beispielsweise wird Frauen von den Medien das Bild der Frau suggeriert, die problemlos und selbstbewusst Karriere, Kinder und einen interessanten gutaussehenden Ehemann miteinander vereinbart – was letzten Endes aber frustriert, weil das nur eine Minderheit wirklich vollbringen kann. Aufgrund dieser Unsicherheit wissen aber auch viele Männer nicht, was nun eigentlich von ihnen erwartet wird: Einerseits will man sich den modernen Bedürfnissen der Frauen anpassen, andererseits haben auch Männer ein traditionelles (womöglich aber ebeso durch Medien vermiteltes) Idealbild von sich vor Augen, nämlich als erfolgreicher, durchsetzungsfähiger Leader im Beruf und normalerweise auch in der Beziehung (welcher Mann würde schon „pod kablukom“ leben wollen?). Unheimlich viele Menschen aus meinem Umfeld, also etwas Mitte bis Ende 20, finden nicht mehr zueinander, weil niemand den Erwartungen des Anderen entspricht. Irgendwie macht das die Menschen ziemlich schizophren, oft auch unglücklich. In Russland ist das aber tendenziell nicht so.
Nur, um das klarzustellen. Ich bin nicht gegen die Emanzipation von Frauen. Sie passiert, und Frauen haben natürlich ebenso das Recht auf freie Entfaltung wie Männer. Ich sage nur: Es ist echt kompliziert geworden.
Zum Schluss: Russen haben ein Identitätsbewusstsein. Sicher, das schlägt insbesondere in letzter Zeit mit dem Nationalismus eine ganz ungesunde Richtung ein. Aber allgemein fehlt mir zuweilen die Bekenntnis zum eigenen kulturellen Erbe in einem Land wie Deutschland. Das Volkslied wird doch nur von ein paar Seniorengesangsvereinen gepflegt, Volkstänze sind praktisch ausgestorben. Klar, auch in Russland habe ich noch nie erlebt, dass irgendwer auf einer Party anfängt, einen Säbeltanz aufzuführen, die Volkskultur wird nicht so gepflegt wie z.B. auf dem Balkan; aber Russen kennen wenigstens noch ein paar Lieder, die sie gemeinsam singen können.
Ich bin schon lange nicht mehr der Meinung, dass abseits der Poesie eine Art „russische Seele“ existiert, die das alles erklärten könnte. So könnte man die hohe Wertschätzung der Familie beispielsweise darauf zurückführen, dass auf den Schutz durch die Gesellschaft nunmal kein Verlass ist, man also Freunde und Familie einfach viel dringender braucht als in Westeuropa. Aber das ändert nichts an meiner Sichtweise.
So, das nur als persönliche Meinung, natürlich ohne Anspruch auf Richtigkeit.
Leider, das muss ich eingestehen, komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass mir sehr viele Dinge sehr unsympathisch sind, bzw. geworden sind, je länger ich über sie nachgedacht habe. Besonders die Aspekte, über die es sich lohnt, zu reden (oder vielleicht auch einmal freundschaftlich zu streiten), führen bei mir regelmäßig zu der Erkenntnis, dass es andernorts einfach besser ist. Das betrifft fast alle Bereiche der Politik, sei es Außen- oder Innenpolitik, Umweltschutz, Ressourcenmanagement, Rechtssicherheit, soziale Gerechtigkeit oder von mir aus auch Nichtraucherschutz. Natürlich die Bürokratie. Die Menschen in Russland können zuweilen auch ziemlich rücksichtslos zueinander sein, zumindest im Vergleich vielen anderen Ländern.
Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Aspekte, die ich an Russland und den Russen sehr mag.
Zum einen finde ich den Fleiß bewundernswert, mit dem viele sich für ihre Sache ins Zeug legen, zum Beispiel bei der Arbeit (sofern sie anständig bezahlt wird), aber nicht nur dort. Die Menschen übernehmen sehr früh für sich selbst Verantwortung und sind auch dazu in der Lage, sich ihr Recht zur Not auch auf informellem Wege zu erkämpfen, etwa beim Umgang mit Gesetzeshütern. Russen sind allgemein, meiner Erfahrung nach, ziemlich durchsetzungsfähig.
Mir fällt auch auf, dass Familienwerte sehr hochgehalten werden. Ich will sicher nicht behaupten, dass Deutsche zum Beispiel ihre nächsten Verwandten weniger liebten, aber Russen sind sich dessen vielleicht eher bewusst. Eine ganze Menge Westeuropäer denkt ganz unwillkürlich zuerst oft an sich selbst, dann erst an Eltern oder Geschwister. Ich möchte es einmal so erklären: Ich frage Bekannte und Freunde manchmal, was sie tun würden für den Fall, eine Million Euro frei zur Verfügung zu haben. Bei Westeuropäern hört man viel eher Antworten wie: „eine Weltreise machen“, „das Geld gewinnbringend anlegen“, „ein Haus [oder etwas anderes beliebiges] kaufen“. Russen haben mir dagegen öfter auch geantwortet: „Meine Eltern im Sommer in den Kurort schicken“, oder: „meinem Bruder das Studium finanzieren“.
Das Leben in Russland ist auch in vielerlei Hinsicht nicht so kompliziert wie in westlichen Ländern. In Russland weiß man normalerweise ziemlich klar, welche Rolle man zu erfüllen hat. In Deutschland hingegen herrscht breite Orientierungslosigkeit. Beispielsweise wird Frauen von den Medien das Bild der Frau suggeriert, die problemlos und selbstbewusst Karriere, Kinder und einen interessanten gutaussehenden Ehemann miteinander vereinbart – was letzten Endes aber frustriert, weil das nur eine Minderheit wirklich vollbringen kann. Aufgrund dieser Unsicherheit wissen aber auch viele Männer nicht, was nun eigentlich von ihnen erwartet wird: Einerseits will man sich den modernen Bedürfnissen der Frauen anpassen, andererseits haben auch Männer ein traditionelles (womöglich aber ebeso durch Medien vermiteltes) Idealbild von sich vor Augen, nämlich als erfolgreicher, durchsetzungsfähiger Leader im Beruf und normalerweise auch in der Beziehung (welcher Mann würde schon „pod kablukom“ leben wollen?). Unheimlich viele Menschen aus meinem Umfeld, also etwas Mitte bis Ende 20, finden nicht mehr zueinander, weil niemand den Erwartungen des Anderen entspricht. Irgendwie macht das die Menschen ziemlich schizophren, oft auch unglücklich. In Russland ist das aber tendenziell nicht so.
Nur, um das klarzustellen. Ich bin nicht gegen die Emanzipation von Frauen. Sie passiert, und Frauen haben natürlich ebenso das Recht auf freie Entfaltung wie Männer. Ich sage nur: Es ist echt kompliziert geworden.
Zum Schluss: Russen haben ein Identitätsbewusstsein. Sicher, das schlägt insbesondere in letzter Zeit mit dem Nationalismus eine ganz ungesunde Richtung ein. Aber allgemein fehlt mir zuweilen die Bekenntnis zum eigenen kulturellen Erbe in einem Land wie Deutschland. Das Volkslied wird doch nur von ein paar Seniorengesangsvereinen gepflegt, Volkstänze sind praktisch ausgestorben. Klar, auch in Russland habe ich noch nie erlebt, dass irgendwer auf einer Party anfängt, einen Säbeltanz aufzuführen, die Volkskultur wird nicht so gepflegt wie z.B. auf dem Balkan; aber Russen kennen wenigstens noch ein paar Lieder, die sie gemeinsam singen können.
Ich bin schon lange nicht mehr der Meinung, dass abseits der Poesie eine Art „russische Seele“ existiert, die das alles erklärten könnte. So könnte man die hohe Wertschätzung der Familie beispielsweise darauf zurückführen, dass auf den Schutz durch die Gesellschaft nunmal kein Verlass ist, man also Freunde und Familie einfach viel dringender braucht als in Westeuropa. Aber das ändert nichts an meiner Sichtweise.
So, das nur als persönliche Meinung, natürlich ohne Anspruch auf Richtigkeit.