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KRITIK: Russischer Brain Drain Richtung USA

Verfasst: 26 Feb 2008, 10:14
von Simone
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mens ... 42,00.html

Interview mit Sergej Kapiza auf Spiegel online über den russischen Brain Drain Richtung USA
"Bill Gates wird auf Russlands Kosten reich"
Russische Forscher gehörten einst zur Weltspitze - und suchen heute ihr Glück im Westen. Sergej Kapiza, in Russland mit Wissenschafts-TV berühmt geworden, fordert ein Eingreifen des Staates, um die "amoralischen und verbrecherischen Werte" im Fernsehen zu bekämpfen und Forschung zu fördern.

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SPIEGEL ONLINE: Warum konnten die großen Privatunternehmen mit den sogenannten Oligarchen an der Spitze nicht die Lücke füllen, die der Staat hinterlassen hat?

Kapiza: Da ist tatsächlich nicht viel passiert. Sie sind am schnellen Geld interessiert. Mit der Wissenschaft ist es wie mit einer Familie und Kindern. Man muss viel und lange investieren, damit es zu einem guten Resultat kommt. Für schnellen Sex gibt es Prostituierte.

SPIEGEL ONLINE: Was muss getan werden, um die russische Wissenschaft wieder auf breiter Front zur Weltspitze zu führen?

Kapiza: Kürzlich hat mir unser Finanzminister Sergej Kudrin die gleiche Frage gestellt. Ich sagte ihm, dass wir den Wissenschaftlern die Gehälter dramatisch erhöhen müssen. Die gleiche Summe in Dollar, die sie in Rubel bekommen! Das wäre etwa 25 Mal so viel. Kudrin dachte erst, er hätte sich verhört. Aber warum soll ein Institutsleiter weniger verdienen als ein Bankchef? Ich habe einen Bekannten, einen jungen Studenten, der bekommt in Russland ein monatliches Stipendium von 1500 Rubel, umgerechnet gerade 40 Euro. Die amerikanische Columbia University hat ihm 1500 Dollar angeboten. Was denken Sie, wie sich junge Menschen in dieser Situation entscheiden? Präsident Putin hat angekündigt, Geld aus dem Staatshaushalt und dem Stabilitätsfonds, den Überschüssen aus Öl- und Gaseinnahmen in moderne Technologien zu stecken. Die Richtung stimmt. Aber vom Schreibtisch des Präsidenten bis zur Umsetzung ist es auch in Russland ein weiter Weg.

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Re: KRITIK: Russischer Brain Drain Richtung USA

Verfasst: 27 Feb 2008, 01:47
von Zeppelin
Welcher anständige Mensch gibt sich schon für das System Putin zur Verfügung?

Re: KRITIK: Russischer Brain Drain Richtung USA

Verfasst: 27 Feb 2008, 09:50
von Dietrich
Immerhin ist ja die Fremdsprachenausbildung schlecht genug, dass nicht alle auf die Idee kommen, im Ausland ein ordentliches Leben zu fuehren.

Auch eine Art die Leute im Inland zu halten. Klappt nur bei den wirklich Guten nicht....

Re: KRITIK: Russischer Brain Drain Richtung USA

Verfasst: 12 Mär 2008, 17:49
von Andy
Dass die russische Wissenschaft mal Weltspitze war gehoert zu den vielen russischen Mythen. In vielen Bereichen herrschte ein relativ hohes Niveau, es gab auch einige Spitzenleistungen in theoretischen Naturwissenschaften (Mathematik, Physik etc.) sowie Spezialbereichen (Raumfahrt, Ruestung etc.). Wieweit hinterher die russische Wissenschaft war und ist, ist sogar vielen Wissenschaftlern unbekannt, da sie kaum ueber Fremdsprachenkenntnisse verfuegen und nicht wissen was so in der Welt los ist. Die russische Wissenschaft war auch immer ein Elfenbeinturm, den die Wissenschaftler gepflegt und abgeschirmt haben, um ihre Privilegien zu geniessen. Ein typischer Elfenbeinturm war die Wissenschaftlerstadt "Akademgorodok" bei Novosibirsk. Als in neunziger Jahren westliche Spezialisten einen Einblick bekamen, waren sie eher belustigt. Es gab zwar viele faehige Leute (die auch rasch abgeworben wurden), aber sinnvolle wissenschaftliche Arbeit wurde da wenig betrieben.
Heute bildet der Wissenschaftsbereich mit der russischen Akademie der Wissenschaften an der Spizte eher eine Clan-Wirtschaft, die um Budgetgelder herumtanzt. Dabei wird dann noch viel public relation betrieben, um Politiker und Volk einzulullen.
Die im Interview kritisierten Oligarchen kennen die Situation nur zu genau - einige von Ihnen oder ihnen Nahestehende kommen aus dem Wissenschaftsbereich und wissen, das es da nicht viel foerderungswuerdiges gibt.

tja, das ist meine kritsiche Meinung und Erfahrung zu dem Thema. Warte auf Widerspruch ;)

Re: KRITIK: Russischer Brain Drain Richtung USA

Verfasst: 13 Mär 2008, 19:03
von Xottabych
Nee, kein Widerspruch, im Gegenteil. Ich weiß nicht, inwiefern man das allgemein sagen kann, aber meine Erfahrung ist: In der russischen Wissenschaft sitzt man wie auf einer Insel. Zu wissenschaftlichen Arbeiten werden praktisch nur russischsprachige Quellen herangezogen, die Methodologie scheint sich im sozialwissenschaftlichen Bereich seit Jahrzehnten nicht weiterentwickelt zu haben, nichts außer Empirie und quantitativer Ansätze. Ich habe in Europa schon ein paar russische Doktoranden kennengelernt, die natürlich wahnsinnig viel wussten, aber von Methodologie praktisch keine Ahnung hatten. Das müssen die erst bei der Erstellung ihrer Arbeit lernen. Noch so ein Ding: Ein Professor, bei dem ich studiert habe, hat eine Liste mit über 200 Publikationen. Bei der Erstellung einer Seminararbeit fiel mir auf, dass sich gut 80% der Publikationen auf ursprünglich gerade einmal 2(!) Lehrbücher reduzieren ließen, die an meiner Hochschule auch noch selbst herausgegeben wurden. Was in Journalen stand, war dann einmal Kapitel 2.2 in komprimierter Form, dann wieder Kapitel 3.1 usw. Mir wurde dann von Aspiranten erzählt, das mache man nun einmal so. Warum ist der Mann Professor? Erstens, weil es Anfang der 90er keinen anderen russischen Spezialisten in seinem Bereich gab; zweitens, weil er ein raffinierter Machtmensch ist; drittens, weil das wissenschaftliche System es zulässt.

Wie gesagt, ist vielleicht nicht allgemeingültig, aber in meinem Fachgebiet ist es wirklich so. Wehe nur, man wagt es, so etwas als Nichtrusse laut auszusprechen: Dann bricht ein Theater los, wie es schlimmer kaum noch kommen kann.

Allgemein: Der Brain Drain betrifft bekanntlich nicht nur Russland. Das Argument ist eigentlich immer: Die brauchen mehr Geld, dann bleiben sie schon da. Kann sein, gar keine Frage, gerade in Russland, wo ein Forscher normalerweise so wenig verdient. Das ist aber nicht alles. Als Wissenschaftler will man ja auch ernstgenommen werden, an einem Institut mit internationalem Renommee arbeiten usw. Da gibts in Russland recht wenige von (die Katze beisst sich hier selber in den Schwanz).

Ach so, noch ein wichtiger Nachtrag zum wissenschaftlichen System (fällt mir gerade ein): Viele Forscher arbeiten nebenher noch in Vollzeit. Da muss ja die Qualität der Forschung zwangsläufig drunter leiden. Seinen Titel kriegt man in der Regel trotzdem.