Nikolaus hat geschrieben:Danke fuer das Angebot, Barbara, ich wuerde schon ganz gern mal die Geschichte des Bankers lesen, naja, vielleicht nicht alle 400 Seiten. Ich moechte ja nur einen Eindruck.
Ich bin zwar etwas misstrauisch hinsichtlich "seiner Wahrheit"; es ist schon alles sehr seltsam verlaufen, und bei den "Russischkenntnissen" gab es sicherlich nicht nur beim Zoll am Flughafen "Missverstaendnisse" ...
Ich befuerchte freilich, dass ich nicht alles richtig aufnehme; in den letzten Jahrzehnten habe ich zwar gelernt, mich auch englisch ganz passabel zu verstaendigen, aber in so einem Bericht kommt es doch sehr auf die Akzente an ... Es sei denn, er flucht dort nur russisch, das soll er wohl in den zwei Jahren gelernt haben ...

Mail ist unterwegs an Dich, Nikolaus!
Das Buch von Herrn Hague liest sich - dafür, dass er ein Laie ist - ganz gut und flüssig, auch wenn er natürlich keinen Literaturnobelpreis dafür bekommen wird. Was mich am meisten stört (das sind meine subjektiven Empfindungen), ist die Tatsache, dass alle russischen Worte, die er in seine Erzählung einstreut, mal mehr mal weniger falsch sind - teilweise nur falsch "aufgeschnappt" (preverka statt proverka, divsheniya anstelle dvizheniye, atrad anstatt otryad etc.), teilweise aber überhaupt nicht nachzuvollziehen sind. Z.B. ist mir nicht klar, was er mit dem berühmten Moskauer Gefängnis "Piet Central" meint, in dem er vor seinem Prozess einsass. Kann ja nur ein Untersuchungsgefängnis gewesen sein, davon gibt es sechs in Moskau und keins hört auf den Namen "Piet Central". Meine Interpretation ist, dass er Nr. 5 (Piet wie Pjat'?) meint, aber das ist nur eine Vermutung... Auch nennt er den Typen, der das Essen in die Zellen bringt "Bilander", abgeleitet vom russischen Wort für Essen. Darauf kann ich mir bis jetzt keinen Reim machen, alle russischen Worte für Essen, die mir bekannt sind, haben mit bilander nicht das Geringste gemeinsam. Na ja, solche Sachen eben - ich finde, da hätte neben dem regulären Lektor vielleicht mal jemand drüberschauen sollen, der Russisch kann. Muss ja kein Russe sein. Ich mag da als Linguistin vielleicht besonders empfindlich sein, aber irgendwie schleicht sich da auch so ein bisschen der Verdacht ein "Wenn er bei einzelnen Worten solche gravierenden Fehler macht, was ist denn dann mit den Fakten bzw. wie viel davon ist denn wirklich passiert?"
Er beschreibt die Gegend in Mordwinien, wo er sich befand und die ja mit Lagern nur so gespickt ist, als sehr unwirtlich (vor allem im Winter) und "strukturschwach", was ich ihm auch durchaus abnehme und mein Kollege aus dem Sprachendienst auch bestätigt hat, was ich aber etwas sehr merkwürdig finde (vor allem vor dem Hintergrund, dass er in den Jahren 2003-2005 dort einsaß), ist die Tatsache, dass die Insassen die Wächter dort noch mit 1-2 Teelöffeln Instant-Nescafe und Schokoriegeln bestochen haben. Dass die Beamten des Strafvollzugsdienstes keine Spitzenlöhne dort gezahlt bekommen, ist mir schon klar, aber einen Wächter/Beamten mit 1-2 Löffeln Kaffee (in Folie eingewickelt) zu bestechen - das hört sich irgendwie sehr nach Märchen an. Eine Dose Instant-Kaffee oder einen Riegel Mars sollte man sich doch auch in Leplej im Dorfladen mit dem Gehalt eines Gefängniswächters leisten können, oder etwa nicht? Und wie sieht es heute mit Marlboro als Universalware aus? Intuitiv würde ich sagen, dass man, wenn man jemanden 2 Zigaretten zur Bestechung hinhält, nicht mit einer besonders großen Dienstleistung rechnen kann.
Also, ich finde den Bericht sehr informativ, schockierend zum Teil, aber ich bin mir schon bewusst, dass manche Informationen mit einer gesunden Prise Skepsis zu nehmen sind. Vor allem, wenn mir jemand Hintergrundinformationen zu Land und Leuten gibt, der die universelle Geste für Schmiergeld bei der Zollkontrolle falsch interpretiert hat...
Danke übrigens auch für den Link, Nikolaus - werde mir das Ganze in der Mittagspause mal zur Brust nehmen.
Beste Grüße
Barbara