Uwe, schau Dir doch an, wie es IKEA erging. Ich habe das vor einigen Jahren mal so beschrieben (Kopie aus meiner eigenen Webseite):
Auf den Tag genau durchkalkulierte Businesspläne sind in Russland eher ungewöhnlich – was IKEA inzwischen mehrfach erfahren durfte. Angesetzte Eröffnungstermine wurden mehrmals durch die lokalen Behörden, Gerichte oder Baufirmen durchkreuzt.
Neuestes Beispiel ist Nowosibirsk: Am späten Vorabend der Eröffnung der neuen MEGA-Mall meldete das Rathaus offiziell, dass die Eröffnung untersagt worden sei, weil eine vertraglich zugesicherte Zufahrtsstraße nicht im vereinbarten Umfang fertiggestellt worden wäre. Kurz vor Mitternacht gaben die Schweden klein bei und akzeptierten die Verordnung. Die aufziehende Polizei, die am nächsten Tag das gesamte Einkaufszentrum demonstrativ abriegelte, dürfte bei der Entscheidung geholfen haben.
In Interviews mit lokalen Zeitungen klingt Peer Kaufmann, Generaldirektor von IKEA Russland, auffällig zahm. Die strittige Zufährt wäre natürlich schon fertig, man hätte jedoch selbst eingesehen, dass man sie noch besser machen könnte. „Aber ich weiß, dass der Bürgermeister hofft, dass wir in nächster Zeit alle notwendigen Genehmigungen bekommen“, so Kaufmann gegenüber dem Onlineportal ngs.ru.
Die Nowosibirsker reagieren gemischt. Die einen jubeln, dass es der Bürgermeister den ausländischen Kapitalisten mal richtig gezeigt hat, die anderen finden das Verhalten beschämend und vermuten, dass nicht genug Schmiergeld geflossen ist. Hier zeigt sich ein anderes Problem für Investoren: Wer, wie IKEA, nicht bereit ist, Geld in schwarze Kassen fließen zu lassen, muss sich auf derartige Widrigkeiten einstellen.
Auch in Moskau 2004 sollte die Erweiterung des Möbelhauses um ein Einkaufszentrum an der Zufahrtstraße scheitern, die zu nahe an einer Gasleitung lag. Eine alternative Brücke wurde jedoch jahrelang durch die Behörden blockiert. Letztendlich wurde das Problem durch eine offizielle Spende von einer Million Dollar für den Aufbau von Sporteinrichtungen gelöst.
Ähnliche bürokratische Probleme gab es mit der Umweltverträglichkeit der Filiale in St. Petersburg 2002 sowie mit dem Brandschutz in Nischni Nowgorod 2006. Hier waren ernsthafte Mängel jedoch nicht von der Hand zu weisen – nach einem tödlichen Unfall mit Einkaufswagen auf einer Rolltreppe wurde der Markt für mehrere Wochen geschlossen.
Nun ist der IKEA [in Nowosibirsk] also offen, Herr Kaufmann erklärt freudig, dass dies der "fertigste IKEA ist, welcher je in der Firmengeschichte eröffnet wurde". Und auch der stellvertretende Bürgermeister war vor Ort und erzählt, wie toll er doch alles findet.
Ach ja, was ich damals noch nicht wusste: Für die zweite Bauphase musste IKEA noch eine Brücke bauen. Bei der Eröffnung sagte der IKEA-Chef: "Wir danken der Stadt für den Hinweis, dass unser erster Bauunternehmer schlecht war. Beim von der Stadt empfohlen war die Brücke natürlich teurer, aber auch wesentlich besser!" Aha, Schmiergeld wurde keines bezahlt, der Mehrpreis wurde ordentlich versteuert! Gesicht gewahrt - alter Schwede!
Uwe, keine große Firma kann es sich leisten, einfach mal monatelang auf die Produktion zu verzichten, für ein sicher idealistisches Ziel.