"Revolution" ist gescheitert

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Dietrich
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Re: "Revolution" ist gescheitert

Beitrag von Dietrich »

zimdriver hat geschrieben:Ist diese "Revolution" nicht eher ein Wunschdenken gewesen [....] War es nicht eher ein Ereignis, das gierige Journalisten herbeigeredet haben?
Von welcher Art von Revolution redest du da genau?
Irgendwas "oranges", wo die Leute in Zeltstädten ausharren, bis der Präsident abgetreten ist? Das war wohl nie eine echte Möglichkeit für Russland in den letzten Wochen und Monaten.
Aber die "Revolution in den Köpfen" vieler tausender Menschen, die hat stattgefunden. Auch wenn es bis jetzt nicht genug waren um eine grundlegende Änderung so schnell herbeizuführen. Aber der Funke war da und das Feuer brennt jetzt. Und wird auch wohl nicht endgültig zu löschen sein.
zimdriver hat geschrieben:Gibt es in Russland wirklich schon eine Grundlage für eine Gesellschaftsform, wie sie in Deutschland oder, von mir aus, in USA herrscht?
Ich habe Zweifel, vor allem aus der gelebten Realität hier und dem täglichen Kontakt mit "normalen" Menschen.
Was verlangst du als Grundlage? Echte Gewaltenteilung? Unabhängige Gerichte? Politisch aktive Menschen? - Das wohl nicht.

Aber eine Menge an gut ausgebildeten Menschen, die sich selbst unabhängig im Inernet informieren können? Die über das tatsächliche Ausmaß der Korruption im Bilde sind? Die ihre Alternativen zwischen "was ändern" und "auswandern" abwägen? Die gibt es. Und die werden hoffentlich dafür sorgen, dass es die o.g. Dinge früher oder später auch noch geben wird.
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Zejtnot
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Re: "Revolution" ist gescheitert

Beitrag von Zejtnot »

Dietrich hat geschrieben:Aber die "Revolution in den Köpfen" vieler tausender Menschen, die hat stattgefunden. Auch wenn es bis jetzt nicht genug waren um eine grundlegende Änderung so schnell herbeizuführen. Aber der Funke war da und das Feuer brennt jetzt. Und wird auch wohl nicht endgültig zu löschen sein.
Nein, Dietrich. Ich bin da ganz anderer Meinung. Ja, es gab im Dezember eine massive Welle von Protest gegen die ziemlich plump gefälschten Wahlen. Aber dieses Feuer ist in meinen Augen sehr wohl gelöscht worden! Die Berichte bei spiegel.de und tagesschau.de erzählten zwar bis Sonntag etwas anderes - aber vor Ort in Russland habe ich einen komplett anderen Eindruck.

Eher realistisch ist nun jener Bericht, den spiegel.de am Sonntag gemeldet hat: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0 ... 64,00.html

Ich halte sogar das Wahlresultat vom 4. März als weitestgehend korrekt. Die Prüfungen von GOLOS konzentrieren sich auf Hochburgen der Opposition, wo Putin natürlich schwächer ist als 64 %.
Bei gesellschaftlich wichtigen Bevölkerungsschichten hat Putin keine Mehrheit mehr. Noch nicht mal insgesamt in Moskau oder St. Petersburg gesehen.
Nein, auch diesen Eindruck kann ich nicht teilen. Selbst meine hoch gebildeten, gut verdienenden Kollegen und Verwandten haben zu weiten Teilen bewusst für Putin gestimmt. Und zwar nicht, weil sie keine andere Wahl hatten oder vom Fernsehen verblendet wären. Sie haben diese Entscheidung in wochenlangen Diskussionen getroffen, waren teilweise sogar auf den Wahlveranstaltungen von Prochorow und so weiter.

Warum spiegel.de etwas anderes erzählt? Schau mal auf das Rating der Artikel - die Berichte über Wahlfälschungen, Demonstrationen und so weiter hielten sich tagelang ganz oben auf der Startseite. Der von mir verlinkte Bericht von gestern ist heute schon nicht mehr auf der Hauptseite und nicht einmal unter "Politik, Ausland" zu finden. Nur über die Suchfunktion. Es wird das berichtet, was viel Aufmerksamkeit bringt - und eine angebliche Revolution ist halt spannender, als eine simple Meldung: "Revolution gescheitert, Putins Gunst dennoch um 8 % gesunken".

Meine Meinung habe ich recht ausführlich auf meiner Seite erläutert, den kompletten Text will ich hier nicht kopieren: http://deutsche-novosibirsk.de/geschich ... ibirsk/#54

P.S.: Die Proteste im Dezember waren dennoch ein Meilenstein - sowohl, weil sich Putin bewegen musste, als auch, weil die russische Bevölkerung seit Jahren nicht so aktiv über ihre eigenen politischen Ziele und Ideale diskutiert hat! Ich bin von all diesen Dingen sehr positiv beeindruckt.
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zimdriver
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Re: "Revolution" ist gescheitert

Beitrag von zimdriver »

Danke, Zejtnot, ich teile Deinen Eindruck vollkommen. Die Situation stellt sich mir exakt genauso dar. Da ist nichts mit revolutionärem Gedankengut, da ist noch nicht mal die städtische Mittelschicht, die an ihren teuren Importautos weisse Bänder spazieren fährt. Sie machen lieber wieder ihre Nachtrennen auf dem Gartenring, sobald der Schnee weg ist.
Was kümmerts in Moskau, wenn irgendwo 10.000 Leute sich versammeln? Es interessiert doch auch keinen, wenn sich am 1. Mai Nationalisten, Kommunisten, Faschisten, Zionisten und Antisemiten zwischen Belorusski Vokzal und Bolschoy Theater versammeln.

Die Russen haben gewählt- und gut.

Der Tenor der Medien wird sich vermutlich auch bald wieder ändern in Richtung Balalaika spielendes, Vodka trinkendes, wenig Qualität erreichendes, aber hart arbeitendes Volk jenseits des Urals, garniert von ein paar Oligarchen in St. Moritz, wahlweise Hamburger Schiffswerften, und wunderschönen, langbeinigen, leicht zu erobernden Blondinen. Irgendwo anders wird es schon wieder irgendeine Revolution/ bewaffneten Konflikt/ humanitäre Katastrophe geben, die die Titelseiten besser füllen.
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Dietrich
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Re: "Revolution" ist gescheitert

Beitrag von Dietrich »

Zejtnot hat geschrieben:P.S.: Die Proteste im Dezember waren dennoch ein Meilenstein - sowohl, weil sich Putin bewegen musste, als auch, weil die russische Bevölkerung seit Jahren nicht so aktiv über ihre eigenen politischen Ziele und Ideale diskutiert hat! Ich bin von all diesen Dingen sehr positiv beeindruckt.
Les dir meine letzten Postings durch. Das deckt sich mehr oder weniger mit dem was du schreibst, bzw. was im Spiegel-Artikel berichtet wurde.
Ich sprach ja auch nur von "vielen tausend Menschen", nicht von Millionen, die plötzlich selber politisch aktiv werden. Das Putin in Moskau in einigen Wahlbezirken nur bei ca. 35-40% liegt ist ja Fakt und auch ohne jegliche Korrektur von Wahlfälschungen so nachzulesen.
Auch wenn jetzt alle Fälschungen anerkannt und die Ergebnisse korrigiert würden, wäre Putin weiterhin Präsident. Selbst wenn er (was ich nicht glaube) dadurch in eine 2. Runde gemusst hätte, so hätte er diese wohl gewonnen.
Nein, Dietrich. Ich bin da ganz anderer Meinung. Ja, es gab im Dezember eine massive Welle von Protest gegen die ziemlich plump gefälschten Wahlen. Aber dieses Feuer ist in meinen Augen sehr wohl gelöscht worden! Die Berichte bei spiegel.de und tagesschau.de erzählten zwar bis Sonntag etwas anderes - aber vor Ort in Russland habe ich einen komplett anderen Eindruck.
Das Feuer was die Wahlfälschungen betrifft ist gelöscht. Das war an den nur 20.000 (oder so) Menschen auf dem Arbat klar zu erkennen. Die entsprechenden Berichte bei Tagesschau und Spiegel (und auch bei N24) sind lächerlich, um es mal höflich auszudrücken.
Aber das meinte ich nicht. Ich meinte das Feuer, jetzt selbst politisch aktiv zu werden und etwas im Land ändern zu wollen. Vom Thema Wahlfälschungen wird sich niemand mehr beeindrucken lassen, obwohl ich verstehen kann, dass Leute die da eine Menge Energie und Zeit investiert haben, das Thema jetzt nicht einfach fallenlassen wollen.
Aber es ist u.U. trotzdem sehr wichtig, diese Dinge jetzt trotzdem noch zu verfolgen. Wenn jetzt tatsächlich mal ein paar Wahlfälscher bestraft werden, dann ist die Hürde für das nächste Mal höher. Bisher (auch im Dezember) brauchte man selbst bei wirklich frechen Fälschungsversuchen nicht mit einer Strafe rechnen. Es wäre gut, wenn das jetzt anders würde.

Die Opposition muss jetzt aber schnellstens sehen, dass sie sich ein neues Thema aussuchen. Das ist denen teilweise auch bewusst. Dazu gibt es ein recht interessantes Gespräch auf Echo Moskva:
http://www.echo.msk.ru/programs/interce ... 6917-echo/
Da diskutieren Владимир Рыжков, Дмитрий Гудков, Виталий Дымарский und Ксения Собчак über den aktuellen Stand und die nächsten Schritte.
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zimdriver
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Re: "Revolution" ist gescheitert

Beitrag von zimdriver »

... wie auch auf der Mutterseite des Forums zu lesen, müssen sie sich jetzt erstmal bis zum Mai orientieren. Revolution sieht anders, wenn ich Lenin richtig gelesen habe vor vielen Jahren ...
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Zejtnot
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Re: "Revolution" ist gescheitert

Beitrag von Zejtnot »

Die Frage ist ja auch, ob eine Revolution nötig ist. Zielführender wäre es ja, in den folgenden sechs Jahren die Zivilgesellschaft weiter so voranzubringen wie die letzten drei Monate.

Und sei es, dass sich die Opposition in einer brauchbaren Form erneuert und wählbar macht. Ohne die alten, verbrauchten Köpfe.
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