Eine meiner ersten Gedanken, als ich die Postings gelesen habe, war : NA, ENDLICH.
Ich habe bisher noch keinen Ausländer gesehen, der mit dieser dunklen Seite unseres Lebens kofrontiert hat bzw. sich SO verbittert darüber geäußert. Bisher habe ich nur viele gegenseitige Aussagen gehört, die mich einerseits sehr gefreut haben, andererseits aber auch gewundert.
Dabei klingt der ErnstJuengerCoD nicht schadensfroh, nur mißbilligend, aber auch vielleicht (sogar) ein bisschen schmerzhaft o. betroffen.
Ich bitte mich im voraus zu entschuldigen, da ich eine lange monologische Rede halten werde - da ich irgendwie viel zu sagen habe. ausserdem wird sie euch wahrscheinlich nicht gefallen.
Ich versuche mich kurzzufassen und einige Thesen dann nacher zu entwickeln.
Also,
1) ich lebe in Moskau, liebe mein Land,
2) zu dem, was Ernst erzählt hat, kann ich sagen: das ist lebensecht. (nur Politik mitsamt dem Gussinski und verschiedenen Freiheiten würde ich absondern und erstmals weglassen, weil es eine andere, sehr spezifische Sache ist und einer besonderen Rede wert ist, und mit den Geheimzahlen beim Geldabheben kenne ich micht nicht so aus). das gibts in Russland. es gibt auch schlimmere Sachen.
3) es gibt ganz viel zum Heulen in Russland - mit Schmerz im Herzen.
4) ich glaube das Schlüsselwort in Ernsts Rede ist GOTTLOS.
Unsere Massenmedien versuchen uns zu überzeugen, das alle unseren Schrecken und Probleme davon kommen, dass wir immer noch nicht genug Demokratie und Pressefreiheit haben, schlecht in die Europa integriert sind, dumme Politiker haben usw. Geklapper.Ich bin Christ. Für mich zählen die 10 Gebote. Selbstverständlich.
Die Russen sind Gottlos. Die haben ganz andere (keine) Werte- und Moralvorstellungen.
Das Leitmotiv unserer "offener Gesellschaft“ wurde für uns formuliert bzw. beigebracht – durch die Massenmedien: Nimm vom Leben Alles. Das andere Motto lautet „Deine Probleme gehen mich nichts an“. Und das Hauptprinzip ist Gewissenslosigkeit. die kommt vor Gottlosigkeit.
Zu Lebzeiten von Dostojewski (19.Jh.) wurden die Ideen von "Fortschritt", Liberalismus, Nihilismus modisch. Man wollte um jeden preis die Menschheit beglücken. Er hat sehr genau den Geist der russ. Revolution gespührt. Sein Werk „Dämonen“ wird heute als eine Prophezeiung empfunden. Einer seiner handelnden Personen sagt: „Wenn es kein Gott gibt – dann ist alles erlaubt“.
5) Ob ihr weißt, „Politik der militanten Gottlosigkeit“ – das war eine offizie Bezeichnung der sowjetischen Staatspolitik gegenüber der Kirche, Religion, der Gläubigen nach der Revolution.
6) Heute ist natürlich diese Politik offiziell aufgehoben worden, aber alles ist mit agressiver propaganda von Hedonismus und Laster durchtunken. Die Geistlichen haben sich die Kehle heiser geschriehen, an die Massenmedien und Machtpersonen appellierend, aber die wissen ja besser, was der „Plebs“ (dh das Volk) braucht. Und die Kirche soll gefälligst leise in ihrer Ecke sitzen und das genießen, was sie heute bekommt, und happy sein.
7) Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen - davon können wir in Russland nur träumen. Vor ein paar Jahren wurde es vorgeschlagen, ein FAKULTATIVER Fach „Grundlagen der othodoxer Kultur“ an den Schullen einzuführen und ein entsprechendes Programm ausgearbeitet. - das kann man nicht einmal eine Light-Version vom Religionsunterricht nennen, sondern einfach ein Versuch, den Kindern ein bisschen zu erzählen, was für ihre Vorfahren heilig war, dass unsere Kultur christliche Grundlagen hat, welche Werte es damals gab – ungefähr so.
Also, was glaubt ihr, wer sich degegen eingesetzt hat? die hochrangigen Bildungsbeamten: Staat und damit auch die Schule seien von der Kirche abgetrennt (das war einer der ersten Lenins „Dekrets“. Bleibt ein Trumpf bis heute). (Leider gibts in unserem Bildungssystem, vor allem unter den Beamten und den Hochschullehrer sehr viele Fans von Theosophie und verschiedener New-Age-Variationen. Sie lassen allen Dreck in die Schule rein, Sekten, Scientologie, Valeologie, sw. Hauptsache nur „keine Popen") . Und wer war noch dagegen? richtig. „Menschenrechtler“: dieser Fach darf nicht eingeführt werden, da in unserem Lande sich nur noch 85% der Bevölkerung sich als Orthodox bezeichnet. Die Kirche werde die Rechte der nicht-christlichen Denominationen verletzen.
Wer hat sich FÜR diesen Fach eingesetzt? Der Haupt-Rabbiner und der muslimische Haupt. Sie meinten, es wird uns allen besser gehen, wenn wir in der religiosen, christlichen Umgebung leben würden.
Die Menschen sind dermassen unalphaben in religiosen Sachen, selbst darin, was der Christliche Glaube ist — über einige ihre Vorstellungen und Aussagen weiss man manchmal nicht, ob zu weinen oder zu lachen.
Jetzt - als Christ zu Christ:
8 ) das, worüber du lieber Ernst dich empörst und was du so widerlich findest, ist die „Helle Zukunft“, an die sich die ganze Menscheit so stürmisch eilt. alle Grenzen und Hindernisse abbauend. Zauberwörter dabei sind Demokratie, Freiheiten und viele andere.
9) Zitat: „... ehrgeizig, geldliebend, stolz, anmassend, lästernd, den Eltern ungehorsam, undankbar, ruchlos, unfreundlich, unversöhnlich, Verleumder, ausschweifend, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, frech, aufgeblasen, werden mehr Genuss leiben und nicht Gott, den Anschein von Gutsittlichkeit habend aber deren Wesen verleugnend ...“
(die Worte sind wie ein Spiegel, was?)
- das ist keine Klage über Russland, sonder Abschnitt aus dem 2.Epistel an Timofei vom Apostel Paulus. Es geht um die Zeit, wenn die Menschheit zum Empfang vom Antichristus bereit wird.
Der Anfang und das Ende gehen so: „Du brauchst es zu wissen, dass in den letzten Tagen schwierige Zeiten kommen werden.
Weil die Menschen werden ehrgeizig, stolz, anmassend, lästernd, ........(siehe oben). ..... ..... ...... . Von dennen entferne dich.
Zu diesen gehören diejenigen, die sich in die Häuser einschleichen und Frauen verführen, die in Sünden sinken, sich von verschiedenen Lusten führen lassen, stets lernend und nie ans Erkennen der Wahrheit gelangen könnend. ...
Und böse Menschen und Lügner werden mit dem Bösen vorankommen, irreführend und irregeführt."
es gibt auch weiter viel interessantes. die Schriften sind überhaupt außergewönlich spannend und inhaltsintensiv. die Übersetzung ist von mir und kann unpräzise sein.
10) also wie kann man sich dazu verhalten?
unser Glaube lehrt uns so (in grossen Umrißen):
erstens - man muss sich selbst prüfen, eigene unheilvolle Neigungen bemerken und sein eigenes Leben und eigene Seele ausjähten (Gott um Hilfe bitten, eigene Verdorbenheit und miese Taten erkennen, bereuen, es mit den Sakramenten Buße und Eucharistie heilen. und das - regelmässig, immer wieder, das ganze Leben lang) je tüchtiger man das übt, desto weniger sucht man Stäubchen im Auge von anderen Menschen.
zweitens- wenn man vor sich einen furtchbaren Sündner sieht, muss man die Sünde hassen und nicht den Sündner. dem Sündner gegenüber muss man sich wie zu einem (Tot)kranken verhalten – d.h. mit Mitleid. und für ihn beten.
weiter - man hat Recht nur sich selbst zu verurteilen, nicht die anderen. es gibt ein solches geistliches Gesetz (o. Beobachtung): wenn man einen Anderen wegen der zB Völlerei verurteit, wird man selbst dieser Neigung ausgesetzt. so gewöhnt man sich ab, sich über andere Menschen zu erheben.
also, nimm es mir nicht übel, Ernst, aber wenn du es schon problematisierst:
du sagst, du wärest ein Christ? – schau mal genauer, ob man das an deinem Leben (alltägliches handeln) erkennen kann
und überhaupt. wie der heilige Seraphim Sarowski sagte:
„Meine Freude! [- er hat alle Menschen so angeredet: Радость моя] ich flehe dich: erlange den Friedensgeist und Tausende um dich herum werden gerettet."
11) was kann man in einer extremaler Situation tun bzw. sie vorbeugen?
sich an Gott wenden, an Gottesmutter, an die Heiligen (als Menschen, die sich erkühnen, sich vor Gottes Gesicht zu stellen und für uns bitten), an den Engel-Hüter (hmm, in der fremden Sprache ist es sehr schwierig passende Wörter zu finden. sie klingen so komisch und haben ständich andere Konnotationen. besonders schlimm in der Religionslexik). - ist irgendwie selbstverständlich
12) wie du das Wort „Kreml“ gebrauchst, könnte man denken, dass du entweder eine lange Zeit Umgang mit journalisten hattest oder zu viel „Echo Moskwi“ gehört hast.
Apropo unsere Journalisten: man sagt scherzhaft, das sie in eine Risikogruppe gehören: der Prozentanteil von gottlosen o. nicht-gläubigen ist dort enorm hoch. das ist ernst.
Noch Paul Chlebnikov (der Leiter der russ Ausgabe „Forbes“, ein guter, mutiger Mensch, glaubig, ermordet 2004) staunte sich darüber, wie sehr doch die russ. journalisten ihr eigenes land hassen und verachten.
13) Luxemburg. das Unheil gibts fast überall, nur mancherorts ists gut aufpoliert.
ausserdem glücklicherweise wird Luxemburg nicht so bekämpft, ausgeplundert und vergewaltigt wie unser Russland
Danke für eure Aufmerksamkeit. Hoffe, mein Gerede war zumindest unterhaltsam.
es tut mir leid, aber es folgt noch die Fortzetzung
