Als hochgradig altersnörgeliger Sack gebe ich mal meinen Senf zum Thema:
Meine Schulbildung habe ich in der britischen Besatzungszone, also dem zurzeit als Nordhein-Westfalen bezeichneten Teil Preußens erworben. Ja richtig: "erworben", denn meine Eltern und Großeltern mussten "Schulgeld" zahlen. Kostenlos war nur die achtklassige Volksschule. Das aufkommende Gejammer, Bildung sei von Geld abhängig, ist zwar verständlich, bezeichnet aber einen seit den Pharaonen, Platon und Cicero unveränderten Zustand. Umsonst gibt's nix auf der Welt, nicht mal Trinkwasser, wieso dann Bildung?
'Zu meiner Zeit' schlossen etwa 8 bis 15% der Schüler die Schule mit dem Abitur ab. Und das ging so: In der Sexta, heute volkstümlich fünfte Klasse genannt, saßen 40 Schüler, in der Oberprima (13. Klasse) noch zwölf. Wie sagt der Hesse: E bisje Schwund is immer. Aus diesem 'Schwund' sind brave Postbeamte, Buchhalter und Handwerker geworden, auf jeden Fall keine Arbeitslosen. Da ein Volk, wenn überhaupt, dann nur gaaaanz langsam über Generationen und Jahrhunderte klüger wird, kann die heutige Abiturientenquote von gut 50% nicht bei gleichbleibendem Qualitätsstandard von vor 40 Jahren erreicht werden. Wer also klügere Bürger will, muss die Leistungsanforderungen steigern (ungefähr so, dass das aktuelle Abitur zum Maßstab für den Realschulabschluss wird), die Abiturientenzahlen beschränken und - ganz wichtig - das Image der mittleren Reife und des Hauptschulabschlusses deutlich verbessern. Die nackten Schülerabschlusszahlen sagen überhaupt nichts Sinnvolles aus. Nur weil BMW die höchsten Produktionszahlen hat, Opel aber vor der Pleite steht, sind wir ja auch kein Volk von talentierteren Autofahrern geworden.
Wir haben ein phantastisches Berufsschulsystem. Kann mir jemand sagen, warum auch alle anderen Schultypen neuerdings auf ihren Nutzwert fürs Berufsleben und für 'die Wirtschaft' beurteilt werden? Schule dient nicht der Vorbereitung aufs Geldverdienen, sondern der Verwandlung eines menschenähnlichen Zellhaufens in einen mündigen Staatsbürger durch Verinnerlichung der sozialen, kulturellen und ethischen Grundlagen der abendländischen Gesellschaft. Erst danach beginnt die Ausbildung zu einem Beruf.
Unter diesen Gesichtspunkten sind Pisa- und ähnliche Untersuchungen von geringem Sinn und Nutzen. Unter Bildung und kulturellen Fertigkeiten versteht jeder Mensch, jede Gesellschaftsschicht und jedes Land etwas anderes. Der deutsche Autokäufer kontrolliert das Spaltmaß von Tür und Motorhaube, der amerikanische Fließbandarbeiter wusste gar nicht, dass es sowas gibt. In den östlichen Staaten wurde und wird m.W. immer viel Wert aufs Lernen von Fakten gelegt. In den westlichen Ländern stehen (leider?) eher die Strukturen und Zusammenhänge im Vordergrund. Deswegen sagt ein Platz in einer Tabelle überhaupt nichts aus.
Unmaßgebliche Meinung von:
Armin
Vielleicht nicht so wichtig, aber …
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Re: Vielleicht nicht so wichtig, aber …
Super formuliert, absolut einverstanden, denn: non scholae sed vitae discimusDaten-Salat hat geschrieben:Schule dient nicht der Vorbereitung aufs Geldverdienen, sondern der Verwandlung eines menschenähnlichen Zellhaufens in einen mündigen Staatsbürger durch Verinnerlichung der sozialen, kulturellen und ethischen Grundlagen der abendländischen Gesellschaft.
"Eines der zentralen Probleme heutzutage ist, dass die Politik so eine Schande ist. Gute Menschen gehen nicht in die Politik." (Donald Trump)
Re: Vielleicht nicht so wichtig, aber …
Die Schule kann die Familie nicht ersetzen, die Bedeutung der Familie für Erziehung und Lernen, auch in Sachen Moral, Ethik, soziales Denken und eben der Suche nach dem Platz in einer Gesellschaft. Leider schieben in Deutschland nicht wenige Eltern die Erziehung ihrer Kinder auf Schule ab, sollen die denen mal was beibringen. Ich erlebe fast täglich im Job, wie sich Eltern und ihre Kinder oft entfremden, fast nicht mehr richtig kennen oder verstehen. dazu kommt in Deutschland jetzt auch das Wirken verschiedener Kulturkreise in der Gesellschaft, auch in den Schulen, man muss da aufpassen, welchen Kulturkreis gehört jemand an, das setzt sich dann in dr Berufsausbildung und im Beruf fort. Da wird es normal, da bekommen Migranten und sich zum Islam bekennende Menschen an islamischen Feiertagen frei, in der Schule besonders, haben dann aber auch frei an den Feiertagen, kirchlichen Feiertagen, die man ja mit einem islamischen Glauben eigentlich nicht feiert. Wir sind in Deutschland eine alternde Gesellschaft, im Umbruch, da verändern sich auch immer mehr die Wertemaßstäbe von Kindern, Jugendlichen und eben den Eltern.
Re: Vielleicht nicht so wichtig, aber …
Also wenn die Vermittlung der "sozialen, kulturellen und ethischen Grundlagen der abendländischen Gesellschaft." erst in der Schule losgeht, dann ist das definitiv zu spät!
Die Schule sollte die Eltern da natürlich unterstützen (und nicht kontraproduktiv wirken), aber ich würde trotzdem die Vermittlung von Wissen und Methoden doch als den vordergründigen Zweck von Schule sehen.
Wobei sich gewisse soziale Grundlagen, besonders gruppendynamische Aspekte natürlich teilweise erst richtig in der Schuld lehren lassen. Aber auch hier muss die Grundkonditionierung definitiv bereits zuhause (und gff. im Kindergarten) erfolgen.
Die Schule sollte die Eltern da natürlich unterstützen (und nicht kontraproduktiv wirken), aber ich würde trotzdem die Vermittlung von Wissen und Methoden doch als den vordergründigen Zweck von Schule sehen.
Wobei sich gewisse soziale Grundlagen, besonders gruppendynamische Aspekte natürlich teilweise erst richtig in der Schuld lehren lassen. Aber auch hier muss die Grundkonditionierung definitiv bereits zuhause (und gff. im Kindergarten) erfolgen.
"Each one hopes that if he feeds the crocodile enough, the crocodile will eat him last."
W. Churchill (1940)
W. Churchill (1940)
Re: Vielleicht nicht so wichtig, aber …
Der Unterschied zwischen Erziehung und Bildung, auch Wissensvermittlung ist oft schwer zu trennen. Die Schule hat schon eine wichtige Bedeutung, aber es fängt heute ja schon in manchen Schulen an, dass die Lehrer die Schüler kaum noch erreichen, sprachlich die Schüler vieles nicht verstehen, da die Eltern selber nicht deutsch können oder es kaum benutzen. Da merkt man eben, wie sich eine Gesellschaft einfach verändert, wie auch unterschiedliche Kulturkreise und damit auch Erziehungsnormen in den Familien wirken.
