[Hinweis: Ich habe im Thread etwas aufgeräumt, einige Diskussionen laufen nun hier: http://forum.aktuell.ru/viewtopic.php?f=108&t=16464]
Mich wundert nun doch, wie schnell Janukowitsch zusammengebrochen ist. Nachdem ich tagelang nicht verstehen konnte, ob nun die europäische oder die russische Presse mehr Propaganda betreiben, scheint mir nun, dass offensichtlich die westliche Darstellung näher an der Realität war - sprich ein in der Tat frustriertes Volk, viele friedliche Demonstranten, wenige verrückte Idioten.
Dafür spricht in meinen Augen, dass es nur auf der Krim Proteste gegen den Staatsstreich gibt, dass selbst Grenzer in Donetsk Janukowitsch nicht rausgelassen haben, dass Timoschenko im russlandfreundlichen Charkow freigelassen wurde, dass das Parlament (wo ja auch die Partei der Regionen sitzt) mit 2/3 Mehrheit Janukowitsch absetzt, dass selbst die Truppen von Berkut nicht mehr feuern, dass niemand das Landhaus von Janukowitsch beschützen wollte, ...
Selbst im russischen Fernsehen wurden zwar die Proteste als Ansammlung von Chaoten präsentiert, aber echte Freunde Janukowitschs konnten nur auf der Krim aufgetrieben werden. Bei Diskussionen mit Russen am Wochenende musste ich aber feststellen, dass selbst diese Propaganda vollkommen unvoreingenommen übernommen wird. Während ich beispielsweise an beiden Darstellungsweisen zweifle, so hört man bei den meisten Russen ausschließlich: "Dieser Waschlappen hätte sofort schießen sollen!" Um so spannender finde ich die Frage, wie man nun die aktuelle Entwicklung darstellen wird. Sicher ist natürlich dennoch, dass die Bilder dem russischen Publikum eines gezeigt haben: Eine Änderung der aktuellen Politik kostet viele Tote - wer kann dies denn wollen?
Und genau an diesem Punkt setzt auch meine Kritik an beiden Seiten dieses Konflikts an:
Ja, Janukowitsch war gewählt. Aber wenn ich als Präsident sehe, dass Teile meines Volkes bereit ist, sich mit Keulen und Äxten bewaffnet gegen mich zu stellen - dann rufe ich Neuwahlen aus und zeige, dass diese Verrückten keinen Rückhalt im Land haben! (Wenn ich solche Wahlen nicht gewinnen kann, dann ist meine Legitimation fragwürdig - und warum sollte ich dann an diesem Posten kleben?)
Ja, die Protestierenden waren wütend und wollten etwas erreichen. Aber wenn ich als Oppositionsführer sehe, dass eine Demonstration sicher zum Tod dutzender Menschen führen wird - sei es aufgrund von Provokateuren oder aufgrund von irren Radikalen in meinen Reihen -, dann bin ich klug genug und vermeide ich eine solche Eskalation.
Dass beiden Seiten diese Vernunft fehlte, ist unglaublich traurig.
Was der Ukraine fehlt, ist eine nicht korrupte Führungsperson, welche klar aufzeigt, welche Folgen welche Politik hat. Eine Annäherung an Russland mit finanziellen Vorteilen aber einer von Moskau diktierten Politik. Oder eine Annäherung an Europa, mit liberaler Politik, aber auch mit einer langen finanziellen Durststrecke. Beides geht nicht, und alle fünf Jahre hin oder her führt nur zu noch mehr Armut und im schlimmsten Fall noch mehr Toten.
Ich vermisse in der Ukraine eine Person, bei der man als Bewohner ähnlich wie bei Putin ein gutes Bauchgefühl hat: Ja, diese Person möchte unser Land voranbringen (und hat nicht den eigenen Reichtum als vorrangiges Ziel). Klitschko nehme ich dies ab (er ist reich genug) - aber ihm fehlt das politische Geschick für diese Rolle.