KALTER KRIEG
"Wir glaubten keiner Propaganda"
Seite 4/4: "Russland ist kein Rechtsstaat"
ZEIT Geschichte: Für Deutschland war das Ende des Kalten Krieges eine Bereicherung: Das Land wurde wieder eins. Die Sowjetunion hingegen begann allmählich auseinanderzubrechen. Wie haben Sie die Jahre nach 1989 und nach dem Ende der Sowjetunion 1991 in Moskau erlebt?
Scherbakowa: Das war eine extrem schwierige Zeit für viele – wirtschaftlich, aber auch psychisch. Die Vorstellung, dass Russland nur stark sein kann, wenn es ein mächtiges Imperium ist, das von einem starken Mann regiert wird – diese Vorstellung sitzt sehr tief. Als nun das Imperium zerbrach, stand dieses Ideal auf einmal infrage, und das brachte eine große Verunsicherung mit sich, die das Land geradezu traumatisierte.
ZEIT Geschichte: Hat nicht auch der Westen zu diesem Trauma beigetragen? Durch seine Siegerrhetorik, der zufolge der Westen den Kalten Krieg gewonnen habe?
Scherbakowa: Ja, da traf eine gewisse Überheblichkeit auf einen tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplex. Gorbatschow war ja nach langer, langer Zeit in der russischen Geschichte der Erste, der keine Angst hatte von der westlichen Welt und frei war von Unterlegenheitsgefühlen. Über Jahrzehnte hatten die Russen geglaubt, ihr Land müsse eine Festung sein. Gorbatschow veränderte diese Sichtweise – und beendete so den Kalten Krieg. Zum ersten Zeichen dieses Wandels wurde eine komische Episode: die Landung von Matthias Rust auf dem Roten Platz im Mai 1987. Dass ein Hobbypilot aus dem Westen einfach so vor dem Kreml landet und dieses bis an die Zähne bewaffnete Riesenimperium hilflos davorsteht – das war ein Bild von unglaublicher Kraft. Wir witzelten damals, dass man jetzt besser schnell alle Pfützen auf dem Roten Platz trockenlegen sollte, bevor noch ein amerikanisches U-Boot auftaucht!
ZEIT Geschichte: Wie erinnert man sich heute an Gorbatschow?
Scherbakowa: Ziemlich bald nach 1991 sah man in ihm nur noch einen Mann, der Fehler gemacht und dessen Politik Russland in eine chaotische Situation gebracht habe. Seine historische Leistung geriet in Vergessenheit. Zudem war sein Nachfolger Boris Jelzin ein Mann, dem der Westen zeitlebens fremd blieb. Als Putin an die Macht kam, schien das aus westlicher Sicht erst einmal ein Signal des Aufbruchs und der Modernisierung zu sein, dabei ist dieser Mann als ehemaliger KGB-Agent vor allem eines: ein Produkt des Kalten Krieges! Dennoch hat sich der lange Zeit sehr negative Blick auf Gorbatschow ein wenig relativiert. Er wird heute wieder mehr geschätzt als noch vor ein paar Jahren, vor allem von den Intellektuellen.
Zitat aus ZEIT Geschichte:
Artikuliert sich darin womöglich auch eine Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Regierung?
Scherbakowa: Tatsächlich nimmt die Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung zu, wie es sich ja bei den Großdemonstrationen in Moskau gezeigt hat anlässlich der Vereidigung Putins zum neuen, alten Präsidenten im Mai dieses Jahres und davor gegen die gefälschten Wahlen.
ZEIT Geschichte: Droht Russland womöglich ein Rückfall in die Muster des Kalten Krieges – im Konflikt mit dem Westen wie im Umgang mit der eigenen Bevölkerung?
Scherbakowa: Der Kalte Krieg ist vorbei, der Eiserne Vorhang existiert nicht mehr, und vielleicht ist ein eiserner Vorhang dieser Dimension unmöglich geworden. So genießen wir heute in Russland zwei sehr wichtige Freiheiten: den freien Zugang zu Information durch das Internet und die Möglichkeit zu reisen. An so gut wie allen anderen demokratischen Freiheiten – von denen die Unabhängigkeit der Justiz vielleicht die wichtigste ist – fehlt es uns. Russland ist kein Rechtsstaat. In der Politik regiert das Recht des Stärkeren. Auch das Internet versucht man zu zensieren.
ZEIT Geschichte: Macht nicht gerade sein hartes Auftreten Putin bei vielen populär?
Scherbakowa: Das glaube ich nicht. Im Gegenteil, die Politik der Härte führt dazu, dass vor allem die jungen Menschen in den Großstädten immer kritischer werden. Und mittlerweile trägt Putins Regierungsstil ja nicht nur sehr brutale, sondern auch wirklich bizarre Züge. Manches erinnert mich tatsächlich an den Kalten Krieg. Etwa wenn er, wie kürzlich, in Rüstungsfabriken auftritt und großspurige Reden vor den Arbeitern hält. Oder wenn Regimekritiker sofort unter den Verdacht gestellt werden, vom Westen bezahlte Unruhestifter und Spione zu sein.
ZEIT Geschichte: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, angesichts dieser Entwicklungen aus Russland fortzugehen?
Scherbakowa: Nein. Ich bleibe. In Russland ist meine Familie, dort leben meine Freunde, dort bin ich zu Hause. Und warum sollte man das Feld für diejenigen räumen, die drauf und dran sind, Russland erneut in eine Sackgasse zu treiben? Nein, man muss etwas dagegen tun. Und ich hoffe, viele andere denken genauso.
Die Fragen stellten Gunter Hofmann und Christian Staas
und hier der Link dazu
http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2012 ... wa/seite-4
M.f.G. manfredsa
Wer kämpft kann verlieren,wer nicht kämpft hat schon verloren. von Berthold Brecht