Reisebericht Transsib III: Graz - Hannover - Moskva

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Helmut Uttenthaler

Reisebericht Transsib III: Graz - Hannover - Moskva

Beitrag von Helmut Uttenthaler »

Sa 20.7.2002
Graz Hbf 6:48 (km 0) - Linz Hbf 9:51 (IC 510/500)
Linz Hbf 11:10 - Salzburg Hbf 12:27 (EC 162)
Salzburg Hbf 13:05 - München Hbf 14:36 (EC 192)
München Hbf 15:47 - Hannover Hbf 20:31 (ICE 786)
Hannover Hbf (km 1158) 22:15 - (D 245)

Dazu gibt es nicht recht viel zu sagen. Den Umweg über Linz habe ich gewählt, um den Schienenersatzverkehr im Ennstal zu umfahren. Und was spielen zwei Stunden mehr schon eine Rolle, wenn es nach Russland geht.
Der Schaffner im Zug nach Linz berechnet den Aufpreis für den Umweg falsch, statt der Differenz zwischen den beiden 50% ermässigten Preisen stellt er die Different zwischen dem 45% -Fahrpreis über Linz und dem 50%-Preis über Schladming (ich habe ein Online-Ticket Graz-Salzburg). Dies entpricht nicht den Tarifbestimmungen, da bin ich aber erst nachher draufgekommen. Naja, egal.

In München treffe ich Marcus, den ersten (er ist Lokführer bei der S-Bahn München) meiner beiden Mitreisenden, in der DB-Kantine gönnen wir uns ein günstiges Mittagessen.
Von München geht es mit einem trotz Samstagnachmittag vollen ICE über Nürnberg – Würsburg – NBS gen Norden, wobei ab Fulda die Gruppe komplett ist, denn dort steigt noch Dorothea, eine Freundin von Marcus zu. Sie ist per DB-Regionalexpress aus Gotha gekommen.

Die Wartezeit in Hannover vergeht auch schnell, als wir uns am Abfahrtsbahnsteig des „Jan Kiepura“ Köln – Warszawa (mit Kurswagen nach Moskau) einfinden, liegt schon ein Hauch Russland in der Luft, denn es sind zahlreiche Russen mit viel Gepäck (teils in Plasticksackerln) unter den Wartenden. Eine ähnliche Atmosphäre kann man auch in Wien am Südbahnhof vor der Abfahrt der Kurswagen nach Moskau und Kiew beobachten.
Der Zug besteht aus zahlreichen polnischen Schlaf- und Liegewagen sowie aus 3 russischen Schlafwagen nach Moskau und einem weissrussischem Schlafwagen nach Minsk.

RZD-Schlafwagen Köln – Moskau:
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Die RZD-Schlafwagenschaffner unseres Wagens machen zuerst Schwierigkeiten, da sie Zug- und Wagenummer auf der Reservierung (offenbar sind sie mit von den ÖBB ausgestellten Reservierungen nicht vertraut) verwechseln und meinen im Zug gäbe es keinen Wagen 245.

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Der Irrtum ist aber rasch geklärt und wir dürfen einsteigen.

Der Wagen ist einer der ab 1993 in Deutschland gebauten für 200 km/h lauffähigen RIC-Schlafwagen mit Klimaanlage. Derartige Wagen werden auch zwischen Wien und Moskau eingesetzt, wie auf diesem Bild von Ulf Fischer zu sehen ist:
Bild


Da die Klimaanlage den Waggon auf unter 20 Grad herabgekühlt hat, hole ich mir zuerst einmal einen Tee beim Schaffner. Ständig verfügbares kochendes Wasser gibt es in allen russischen Wagen, eine praktische Einrichtung.

Im 3er-Abteil habe ich mir das mittlere Bett geschnappt, da man aus dieser Perspektive die beste Aussicht nach draussen hat. Jetzt in der Nacht gibt es aber nichts mehr zu sehen, sodass ich mich zum Schlafen hinlege. Zuvor wird aber noch die Abteiltür verriegelt.


So 21.7.2002
im Zug (Warszawa - Brest - Minsk)

Gegen 3 Uhr wird der Schlaf jäh durch die Grenzkontrolle unterbrochen, der Zug ist an der deutsch-polnischen Grenze bei Frankfurt (Oder).

Nach ein bisschen Schlaf erreicht der Zug pünktlich den eigentlichen Zugendbahnhof Warszawa Wschodnia (Warschau Ostbahnhof), nachdem es zuvor einen Halt im unterirdischen Bahnhof Warszawa Centralna auf der Warschau durchquerenden West-Ost-Tunnelstrecke gegeben hat.

Die polnischen Wagen Köln – Warschau werden hier abgehängt, dafür kommen 4 polnische Schlafwagen (von Wroclaw und Szczecin (Stettin) nach Moskau) dazu.

Weissrussischer Schlafwagen Köln – Minsk in Warszawa Wschodnia:
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Nach knapp 50 Minuten geht es um 10:02 weiter gen Osten. Während der Fahrt teilt der Schaffner Zolldeklarationen für Weissrussland aus, diese sind nur in russischer Sprache. Mit Kyrillisch-Schriftkenntnisse, fragmentartigen Russisch-Kenntnissen meiner Mitreisenden und der Erfahrung vom Vorjahr, gelingt es aber diese korrekt auszufüllen...

In Terespol, dem letzten Bahnhof in Polen, finden während des 30-minütigen Aufenthalts (12:45-13:15) die polnischen Pass- und Zollkontrollen statt. Neben unserem Zug sind bereits Breitspurgleise zu sehen, ohne Massband nur dadurch zu erkennen, dass auf ihnen Güterwagen mit kyrillischen Anschriften herumstehen.
Kurz vor unserer Abfahrt kommt der Schnellzug "Vltava" (Moskwa - Praha) an, er besteht aus folgenden Wagen:

RZD WLABmee Moskwa – Wien
RZD WLABmee Moskwa – Praha
RZD WLABmee Moskwa – Praha
RZD WLABmee Moskwa – Praha
CD WLABm Moskvw – Praha
RZD WLABm S.Peterburg – Praha
RZD WLABm S.Peterburg – Budapest
ZSR WLABmee Moskwa – Bratislava

Der Versuch zwecks Fotos auszusteigen scheitert an ein paar polnischen Uniformierten, die meinem Vorhaben offenbar nicht viel abgewinnen können, und mich mit eindeutiger Gestik wieder zurück in den Waggon scheuchen...

Ein paar Minuten nach der Weiterfahrt wird der Grenzfluss „Bug“ (und damit auch eine Zeitzonengrenze) auf einer eingleisigen Stahlbrücke überquert, unmittelbar danach gibt es einen in keinem Kursbuch veröffentlichtem Halt in einem kleinen Bahnhof unmittelbar neben einer weissrussischen Kaserne. Der Zug wird von unzähligen Uniformierten gestürmt, die dann die weissrussische Pass- und Zollkontrolle vornehmen. Obwohl unsere Visa (Visum Russland + Transitvisum Weissrussland) und die Zolldeklaration in Ordnung sind, hat man irgendwie ein mulmiges Gefühl, denn derartige Grenzkontrollen sind in Österreich schon Geschichte...

Nach dem 35minütigem Aufenthalt ist es nicht mehr weit bis zum ersten echten Bahnhof in Weissrussland.
Beim Bahnhof Brest handelt es sich um einen Inselbahnhof. Nördlich des vor nicht allzu langer Zeit renovierten Bahnhofsgebäudes befinden sich normalspurige Gleise für die Züge von/nach Polen, auf der Südseite fahren die Züge auf Breitspurgleisen (1520 mm) weiter Richtung Osten. Offenbar für den Lokalverkehr gibt es auch auf der Nordseite Breitspurgleise.

Südseite des Bahnhofs Brest:
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Nach der Ankunft im Normalspurteil treffen wir unseren Gegenzug, der gerade in Richtung Warszawa - Köln abfährt - gezogen von einer PKP E-Lok des Typs EU07 - und aus folgenden Wagen besteht:

RZD WLABmee Moskwa – Köln
RZD WLABmee Moskwa – Köln
RZD WLABmee Moskwa – Köln
RZD WLABmee Moskwa – Köln
RZD WLABmee Moskwa – Köln
BC WLABmee Minsk – Köln
PKP WLABm Moskwa – Wroclaw
PKP WLABm Moskwa – Wroclaw
PKP WLABm Moskwa – Szczecin
RZD WLABm S. Peterburg – Szczecin
RZD WLABm S. Peterburg – Szczecin


Nach ca. 15 min wird unser Zug aus dem Normalspurteil vorbei an der Umspurhalle ein paar hundert Meter nach Westen gezogen.
Nach weiteren 10 Minuten wird ein Teil unseres Zuges (darunter auch unser Wagen 257) in die Umspurhalle geschoben. Auf dem Nachbargleis steht (besser gesagt: schwebt, denn die Waggons hängen gerade drehgestelllos ca. 2 m in der Luft) noch ein Teil des Schnellzuges Praha - Moskwa, darunter zwei Schlafwagen Wien - Moskwa (neben dem planmässigen Wagen Nr. 356 noch ein Verstärkungswagen Nr. 756, beides RZD-Wagen vom Typ WLABmee).
Nachdem die Wagen unseres Zuges richtig positioniert wurden, werden die
Drehgestelle entriegelt und danach die Waggons angehoben. Ob man während des
Umspurvorgangs aussteigen darf, hängt von den jeweiligen Schlafwagenschaffnern ab. Wir dürfen nicht aussteigen, aufgrund irgendwelcher Sicherheitsvorschriften, die aber nicht jeder Schaffner so ernst nimmt. Immerhin bleibt die Tür (die Fenster lassen sich nicht öffnen)
offen, und so komme ich doch zu ein paar Fotos. Nachdem alle Normalspurdrehgestelle unter uns weggerollt wurden und die Breitspurdrehgestelle bereitgestellt wurden, wird der Waggon wieder abgesenkt.
In der Umspurhalle gibt es übrigens kein Drei- oder Vierschienengleis, sondern Normal- und Breitspurdrehgestelle rollen auf einem Gleis mittlerer Spurweite, das geht offenbar irgendwie..
Danach müssen noch die Kupplungen getauscht werden, im Breitspurbereich gibt es Mittelpufferkupplungen welche mit einem kleinen Kran zu den Waggonenden "eingeflogen" werden.

Umspuren in Brest:
Bild

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Die Umspurung ist eine ziemlich personalintensive Sache, an jedem Waggon werkeln ca. 2 Leute herum. Nachdem auch der restliche Teil des Zuges umgespurt wurde, wird unser Zug wieder zusammengestellt und in den Breitspurteil verschoben.

Dort werden am Zugschluss noch ein paar RZD-Breitprofilwagen für den "Binnenverkehr" angehängt, darunter auch ein Halbspeisewagen.
Die im Breistpurbereich verwendeten Wagen sind breiter und höher als die im internationalen Verkehr nach Westeuropa. Auf manchen Strecken dürfen dank Ausnahmegenehmigungen aber auch Breitprofilwagen fahren, z.B. nach Berlin Lichtenberg im Schnellzug Saratow – Berlin (mit Kurswagen von Nowosibirsk und Astana (Kasachstan)).
Der Bahnsteig ist gut besucht, einerseits warten viele Leute auf Vorortzüge, andererseits gibt es zahlreiche Mütterchen, die Beeren, Obst und andere ess- und trinkbare Sachen an die Reisenden verkaufen. Ausserdem zahlreiche bettelnde Kinder.

Die Abfahrt in Brest erfolgt nach fast 2,5 Stunden planmässigem Aufenthalt pünktlich um 17:29 Ortszeit (= 16:29 MEZ). Von der Ankunft in Terespol (12:45) bis zur Abfahrt im 7 km entfernten Brest sind also 4 3/4 Stunden vergangen...
Die Strecke ist in einem besseren Zustand als jene vor der Grenze in Polen, die Zug fährt mit maximal 120 km/h über verschweisste Schienen.

Weissrussland ist recht dünn besiedelt, Wälder und Wiesen wechseln sich ab, ab und zu durchfährt der Zug kleinere Orte. Dort wo es Besiedelung gibt, ist meist auch irgendeine Industrieruine nicht weit. Vom Zug aus hat man den Eindruck als würden 90% der Industrie darniederliegen...

Am Abend steht dann noch ein Besuch des Halbspeisewagens (1/2 Schlafwagen, 1/2 Speisewagen) auf dem Programm. Eigentlich handelt es sich eher um einen Halbbuffettwagen, es gibt aber doch ein recht umfangreiches Speisenangebot (Speisekarte auf russisch und englisch). Die Preise sind für uns zwar recht billig, für Inländer aber wohl eher unerschwinglich (Hauptspeisen ab. 120 RUB ~ 4 EUR), weshalb wir auch die einzigen Gäste sind. Bezahlen können wir problemlos mit Euro.

In Minsk gibt es einen längeren Aufenthalt (21:28 - 21:50) den ich zu einem kleinem Spaziergang am Bahnsteig nutze. Der Bahnhof macht einen recht modernen und gepflegten Eindruck. Wie fast überall in der ex-UdSSR gibt es hier statt einem Fussgängertunnel einen Übergang, der hier in einer etwas grösseren und überdachten Variante auch als Warteraum dient. Zahlreiche Fahrgäste aus unserem Waggon steigen hier aus. Der Wagen Köln - Minsk, der sich and der Zugspitze befindet, wird abgehängt. Die Abfahrt erfolgt pünktlich um 21:50.


Mo 22.7.2002
- Moskwa Belorusskaja (km 3432) 9:09
MOSKAU
Übernachtung in Hotel


In der Nacht wird die weissrussisch-russiche Grenze überquert, wovon man aber als Fahrgast nichts merkt, denn es gibt keine Grenzkontrollen. Russland und Weissrussland haben untereinander so eine Art Schengener Abkommen...
Nach längerer Fahrt durch die Moskauer Vororte (ein Plattenbau nach dem anderen, zahlreiche Vorortzüge auf dem Gegengleis) kommt unser Zug pünktlich um 9:09 am Weissrussischen Bahnhof in Moskau an.

ChS-7 052 mit Schnellzug Köln – Moskau:
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Schnellzug Minsk – Moskau der weissrussischen Bahn (BC, http://www.rw.by/):
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Moskwa Belorusskaja:
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Nachdem bei einem Geldwechselkiosk ein paar Rubel erstanden werden, fahren wir mit der
U-Bahn (Kolzewaja - die U-Bahn-Linien haben dort Namen - bis Prospekt Mira, weiter mit Kaluschsko-Rischskaja bis Kitaj-Gorod) zum neben Basilius-Kathedrale und Kreml gelegenen Hotel "Rossija", Ankunft dort kurz vor 10h.
Neben dem üblichen Sightseeing stehen bis zum nächsten Abend auch der Kauf eines RZD-Kursbuches (das man nur in einer bestimmten Buchhandlung bekommt) sowie eine Besichtigung diverser Bahnhöfe auf dem Programm.


Moskwa Kazanskaja (Kazaner Bahnhof): Schnellzug 16 „Ural“ nach Jekaterinburg“
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ChS-2 873 in der Halle des Kazaner Bahnhofs
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Sonderlackierung „100 Jahre Transsib“ im Schnellzug „Altaj“ (Moskwa – Barnaul)
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ChS-2 857 vor Schnellzug 122 nach Ulan Ude
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Kasanski Vokzal – Kazaner Bahnhof von der Straßenseite
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Tagesschnellzug „Aurora“ nach Sankt Petersburg, Moskwa Oktabrskaja (Oktober-Bahnhof)
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Jaroslawler Bahnhof, Zug 26 „Sibirjak“ nach Novosibirsk (links) und Zug 18 „Kama“ nach Perm (rechts)
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ChS-7 085 vor Zug 26 nach Novosibirsk
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Jaroslawler Bahnhof
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Abfahrt von Zug 26 nach Nowosibirsk:
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Zug Nr. 1 „Rossija“ von Wladiwostok fährt nach 9259 km und 149 Stunden und 52 Minuten pünktlich auf die Minute in seinem Endbahnhof ein. Der Zug besteht aus knapp 20 Wagen.
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