Tod und Nihilismus

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Xottabych
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Beitrag von Xottabych »

Saboteur hat geschrieben:Zur russischen Seele kann ich nur sagen dass ich denke das es ein Konstrukt der westlichen Welt /Deustchlands ist.
Ich glaube, das war eine Idee des 19. Jahrhunderts. Dostojewski hat sich dafür z.B. ziemlich begeistert.
Es gibt auch eine anerkannte soziologische Theorie aus der empirischen Kommunismusforschung, die aus der Frage entstand, warum sich auf der ganzen Welt [...] Systeme der leninistisch-stalinistischen Gewaltherrschaftsform haben durchsetzen können, die heute quasi automatisch mit dem Begriff Kommunismus assoziiert werden. [...]
Diese Theorie besagt nun, dass derartige System vor allem auf der Basis eines dem russisch-asiatischen Menschenbildes und Selbstverständnisses errichtet worden sind: Gleichzeitig militant und fürsorglich bis auf die Knochen - oder wie auch immer man diese Deine bezeichnen möge.
Hallo Zeppelin,
danke für Deinen ausführlichen Beitrag. Aber ich muss schon sagen: Das oben zitierte klingt für mich reichlich abenteuerlich. Ein "russisch-asiatisches Weltbild" - was soll das denn genau sein? Wo sind die vermeintlichen Gemeinsamkeiten einer konfuzianisch geprägten Kultur (und somit Menschen- bzw. Weltbild) wie in China mit kommunistischen Ideen, die auf dem Materialismus deutscher Philosophen aufbauen?
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harald63
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Beitrag von harald63 »

Saboteur hat geschrieben:Vielleicht kommt es mir nur so vor oder es liegt daran das im Winter scheinbar mehr Russland Reportagen gesendet werden.
Ist wohl so. Und in Russland ist immer Winter. Fällt mir manchmal in Spielfilmen auf, die an mehreren Orten spielen. "Red Heat" ist so ein Beispiel. Spielt in Moskau und Chicago. Auch Chicago hat einen ordentlichen Winter. Während aber Moskau schön eingeschneit ist, ist in Chicago normales Wetter. Auch Dokumentarfilme sind eher im Winter als im Sommer, besonders, wenn es um Sibirien geht. Wobei Sibirien im Winter wohl angenehmer ist als im Sommer. Sibirische Kälte ist bei uns ja auch sprichwörtlich...
Zeppelin
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Beitrag von Zeppelin »

waldmeister hat geschrieben:... danke für Deinen ausführlichen Beitrag. Aber ich muss schon sagen: Das oben zitierte klingt für mich reichlich abenteuerlich. Ein "russisch-asiatisches Weltbild" - was soll das denn genau sein? Wo sind die vermeintlichen Gemeinsamkeiten einer konfuzianisch geprägten Kultur (und somit Menschen- bzw. Weltbild) wie in China mit kommunistischen Ideen, die auf dem Materialismus deutscher Philosophen aufbauen?
Hallo Waldmeister,
es mag aus pholosophie- und religionstheoretischer Sicht heraus in der Tat abenteuerlich erscheinen. Doch letztere spielen in den Alltagspraxen der Völker eine weit geringere Rolle, als oft angenommen wird.
Daher mein Fable für Empirie und Phänomenologie - deren Sytematisierung dann

Die empirischen Stützen der für mich sehr plausieblen, oben angerissenen 'Theorie', ergeben sich vor allem aus der Sanktionspraxis in Militär-, Straf- und Zivil'recht' (sofern man hierbei eben von 'Recht' sprechen kann.)
Ebenso fragte man nach dem Umgang mit "Schwachen" im Allgemeinen.

Ob nun Mongolen, Tataren, Kaukasier etc. wirklich so sehr vom Konfuzianismus geprägt waren und ob sich die alten Wikinger am deutschen Materialismus der Spätromantik und des Biedermeiers orientierten, wage ich mal arg zu bezweifeln.
Aber das facettenreiche Stichwort Materialismus ist hier durchaus hilfreich zur Erklärung: Übersetzt Auge um Auge, Zahn um Zahn... bzw. fressen der gefressen werden oder auch den Nächsten das Schöne - den Fremden das Böse.
So gelangt man dann ohne viele Umwege zu den aktuellen Praktiken in der russ. Armee, zur Fürsorge für Alte, Behinderte, Waisen, zum Geschäftsgebaren der "Wirtschaftseliten", zum bojarenhaften Habitus vieler Regionalfürsten etc. und letztlich der Erklärung dafür, warum eine so große Völkergemeinschaft dies hinnimmt bzw. nur vereinzelt dagegen vorgeht.

Ich lass das erst einmal so stehen. Schließlich ging es ja um die Fragen im Eingangsposting, die m.E. nicht durch in Abredestellung des Beobachteten geklärt werden können.

Gruß,
Zeppelin
"Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen." (Ralf Dahrendorf)
Zeppelin
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Beitrag von Zeppelin »

Saboteur hat geschrieben:... Das Buch leihe ich dir gerne mal aus. Die Idee mit dem Berliner Forumtreffen finde ich gut. Wer ist denn noch alles aus Berlin???
Danke. Auf das Angebot (Buch) greife ich gern zurück.
Ich habe allerdings keine Ahnung, wer von den 'Forummlern' sonst noch gelegentlich in Berlin ist.

Dave wollte sich ja hier mal blicken lassen, aber dann kam wohl ein Unfall dazwischen und seither hab ich noch nichts Neues dazu lesen können.

Sollen wir die Idee mit einem Berliner Treffen evtl. als neue Kategorie in der Rubrik "Regionales" vorschlagen?

Gruß,
Zeppelin
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Mysh

Beitrag von Mysh »

Berliner Forumstreffen? Klingt nett.
Alekz

Beitrag von Alekz »

Hey, danke fuer die teils echt interessanten Gesichtspunkte. Ist ja fast schon ne Demystifizierung des Ostens hier.
Bin fuer jegliche Literaturtipps sehr dankbar. Ich habe bisher in deutschen Buchlaeden unter dem Thema Russland immer nur Zeug ueber Korruption, Demokratur und den boesen Stalin gesehen, was sich mit der Zeit eben auch auslutscht, weil es nix Neues mehr ist.
Zeppelin, insbesondere die Frage, inwiefern sich die Entstehungsgeschichte eines Volkes auf die Gegenwart auswirkt fand ich in Deinem Beitrag ziemlich spannend. Auch das, was die Statussymbole betrifft...ich arbeite an einer Schule in Moskau, und ein Maedchen meinte hier letztens, dass die neue Nationaltracht der neureichen Russen Dolce und Gabbana sei.

Greetz,
Alekz
Zeppelin
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Beitrag von Zeppelin »

Alekz hat geschrieben:Hey, danke fuer die teils echt interessanten Gesichtspunkte. Ist ja fast schon ne Demystifizierung des Ostens hier.
Bin fuer jegliche Literaturtipps sehr dankbar. Ich habe bisher in deutschen Buchlaeden unter dem Thema Russland immer nur Zeug ueber Korruption, Demokratur und den boesen Stalin gesehen, was sich mit der Zeit eben auch auslutscht, weil es nix Neues mehr ist.
Zeppelin, insbesondere die Frage, inwiefern sich die Entstehungsgeschichte eines Volkes auf die Gegenwart auswirkt fand ich in Deinem Beitrag ziemlich spannend. Auch das, was die Statussymbole betrifft...ich arbeite an einer Schule in Moskau, und ein Maedchen meinte hier letztens, dass die neue Nationaltracht der neureichen Russen Dolce und Gabbana sei.

Greetz,
Alekz
Ich glaube kaum, dass sich der Osten tatsächlich demystifizieren lässt - zumindest nicht allein mit rationalen Mitteln.
Ich weiß zwar Einiges darüber, aber unterm Strich bleibt doch Vieles ein Rätsel.
Was Du über das Mädel aus der Schule erwähnt hast, glaube ich nur allzu gern. Das prägt ja auch das Berliner Stadtbild zunehmend, denn die Mehrheit der heir lebenden Russinen meint offenkundig die nachäffen zu müssen. Man erkennt sie daher schon 300 m gegen den Wind im Voraus...
(Aber ich will hier nicht den rhetorischen Vorwurf riskieren, dass meine Alltagserlebnisse nur Vorurteile wären. :lol: )

Mit Literaturhinweisen bin ich selbst sehr vorsichtig, denn da kursiert hier jede Menge populistischer Müll von selbsternannten 'Experten', wie etwa Peter Scholl-Latours "Russland im Zangengriff".

Nur selten findet man in der einen oder anderen Nische wirklich sachkundige und vertrauenswürdige Berichte über die alltäglichen Lebensbedingungen der Leute in RUS, die eine wirklich Erläuterung der beobachtbaren Phänomäne ermöglichen. - Nicht zuletzt hier im Forum.

Viele Grüße,
Zeppelin
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Xottabych
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Beitrag von Xottabych »

Alekz hat geschrieben:Hey, danke fuer die teils echt interessanten Gesichtspunkte. Ist ja fast schon ne Demystifizierung des Ostens hier.
Mythen bestehen immer nur in Köpfen. Man findet sie, wenn man sie zu finden erwartet. Sonst nicht.
germanisator

Beitrag von germanisator »

Ich finde es ehrlich gesagt etwas merkwürdig, dass jemand der mitten in Russland lebt, lässt sich von D aus die Russen beschreiben. Das einnert mich irgendwie an Slavistikstudenten an meiner Uni, die alles tun, um bloß mit Russen nicht in Kontakt zu kommen.

Wo ist dein Problem? Kannst du kein Russisch?

Nein , wirklich komisch. Ich habe mir eben vorgestellt, ich bitte jetzt jemanden in Russland, mir die Deutschen zu beschreiben.

@ Zeppelin: Mit deiner Darlegung bin ich nicht einverstanden. Aber wie du so schön geschrieben hast: Es gibt bestimmt andere Meinungen. Ich lese gerade ein Buch von Gleb Struve. Seine Darlegung liegt mir näher. Das ist aber in einem Forum wohl nich auszudiskutieren. Es sei den, man ist bereit die ganze Nacht am PC zu verbringen.

P.S. Levada ist übrigen der angesehenste russländische (sovjetische) Soziologe.
germanisator

Beitrag von germanisator »

@Zeppelin
Es sieht danach aus, dass du die sogennante eurasische Theorie vertritts. Eurasische Idee kursierte ziemlich lange in den russländischen Intellektuellenkreisen Ende 19/ Anfang 20. Jhr. Solche Persönichkeiten wie Alexander Block (übrigens ethnischer Deutscher) waren Anhänger dieser Theorie. Doch spätestens in den 30er Jahren wurde diese Idee mehrheitlich und endgültigvon von russländischen Intellektuellen (Schriftsteller, Philosofen, Wissenschaftler und sonstigen gesellschaftlichen Eliten) beerdigt. Heute wird diese Theorie sehr oft von Ausländern vertreten. Es gab übrigens auch noch Slavophile und Westler. Sie gibt es bis heute, bloß nicht als organisierte Bewegungen. Westler meinen, wir sind Europäer ohne aber, Slavophile meinen, dass wir Europäer sind, aber...

Für mich ist dieses Thema vom Tisch. Maßgeblich ist, wie eine Nation sich selbst identifiziert. In unserem Fall ist es längst passiert. Über Details lässt sich streiten. Aber bitte konstruktiv und wissenschaftlich. Leider ist die Literaturlage in deutscher Sprache unbefriedigend. Das Buch, das ich gerade lese, wurde in New York verlegt...-auf Russisch. Man geht hierzulande einfach wohl davon aus, dass solcher "Kramm" nur von Slavisten gelesen wird. In unserer Unibibliothek ist deshalb fast alles auf Russisch.

Einen Endzustand gibt es sowieso nicht. Damit meine ich, wenn 100 Mio. Chinesen nach Russland einwandern, wird Russland in 100 Jahren zum Asiaten. Ich bin kein etnischer Russe (русский) aber ein Russländer (россиянин) mit Leib und Seele. Ich liebe Russland über alles. Und ich empfinde mich als Europäer. Das ist meines achtens entscheidend.
Ich behaupte somit nicht, dass Russland keinen asiatischen Einflussen ausgesetzt ist oder war und dass keiner sich als Asiat empfindet. Der Begriff Europa wird heute immer mehr für EU verwendet. Auch in Russland. Man sagt Europäer, und versteht darunter EU-Bürger und nicht im Sinne kultureller und mentaler Zugehörigkeit. Genau so wie uter Russen, Russländer gemeint werden. Ich bin nicht begeistern von diesen Gegebenheiten, weil es unpräzise ist und manchmal zu Irritationen führt.
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