quintus hat geschrieben:Wie gesagt weis ich so gut wie nichts über Russland, aber
1) ist Russland nicht das Land, das schon immer einfach nur Russland war? also Einflusse von aussen fast ausgeschlossen?
2) Hat darüber hinaus das Kommunismus die Relion nicht verboten? ...
War es schon immer so, sprich wurde (Aber-)glauben "hinten geschlossene Türen" trotz Kommunismus weitergelebt?
Oder ist es eine postkommunistische Erscheinung, nach den Motto "jetzt dürfen wir glauben also glauben wir alles?"
1. Einfluss von außen ist nie ganz ausgeschlossen, auch wenn die drinnen sich noch so sehr anstrengen. Irgendwas rutscht immer durch. Und das orthodoxe Christentum ist nicht über Russland hergefallen, sondern das haben sich die Russen selbst geholt. Der Einfluss der orthodoxen Kirche war zwar im Laufe der Zeit sehr stark, aber heidnische Bräuche und allerlei Aberglauben wurden trotzdem weiter praktiziert, schon weil das Land einfach zu weitläufig war und ist - die Kirche kam gar nicht überall hin.
2. Die Kommunisten haben einen kämpferischen Atheismus verbreitet und mit allen Mitteln versucht, Glaube und Religion auszurotten. Das haben sie aber nicht geschafft, weil man Leuten nun mal nicht befehlen kann, was sie zu glauben haben. Und deswegen wurde der Glaube nach außen hin zwar kaum praktiziert, aber in den Herzen lebte er bei vielen weiter. Leider haben die 70 Jahre Kommunismus aber trotzdem eine große Lücke geschlagen - zum einen, weil sich durch Verfolgung und mangelnde Lehre christlicher Glaube und Aberglaube wieder vermischen konnten, und zum anderen, weil mehrere Generationen eben doch vorwiegend atheistisch geprägt sind.
Was das Wiederaufleben von Glaube und Religion betrifft, hier meine Gedanken dazu: Zum einen ist der Glaube, wie ich schon angedeutet habe, ein Feuer, das nie ganz zum Erlöschen gebracht werden konnte. Es war nur ein kleiner Funke übrig, die im Verborgenen vor sich hin glühte, und diese Glut ist jetzt, wo sie wieder Luft bekommt, auch wieder ein großes Feuer geworden. Menschen suchen wieder Gott.
Zum anderen ist es für manche einfach Mode und gehört zum guten Ton, oder man praktiziert es aus Achtung vor alten Traditionen, dass man kirchlich heiratet, dass man die Kinder taufen lässt, dass man Ikonen im Haus hat. Damit wird z.T. auch die russische Identität "gelebt" - nach dem Motto: "Wir sind Russen, und Russen sind orthodox". Das ist also weniger religiöser Glaube und mehr Ausdruck des eigenen Nationalbewusstseins.
Und drittens spielt bei manchen auch da wieder der Aberglaube rein: Man befolgt bestimmte "Regeln" und Rituale, um sich vor dem Einfluss des "Bösen Blicks" und anderer unangenehmen Dingen zu schützen.
Meine Einschätzung ist, dass die zweite Gruppe die Mehrzahl der heutigen Orthodoxen in Russland ausmacht. Das zeigen auch Umfragen, bei denen sich ganz ganz viele als Orthodoxe bezeichnen, nur sehr wenige aber angeben, dass sie regelmäßig, nicht nur an großen Feiertagen, in die Kirche gehen und auch sonst ihren Glauben leben.
Du erntest, was du säst.