Es ist tatsächlich vollbracht! Wir haben unser Auto nach Russland exportiert und starten heute Abend von St. Petersburg nach Ekaterinburg.
1. Tag
20.00
Wir starten. Larissa möchte mit uns ein Stück mitfahren, da sie Jugendliche in einem Sommercamp ca. 300km südlich von St. Petersburg besuchen möchte.
Die Strassen- und Verkehrsverhältnisse von St. Petersburg sind mir jetzt so ziemlich bekannt. Zusammenfassend lässt sich schon mal sagen, dass viele Russen wie die Bekloppten fahren. So eine Mischung aus italienischem Fahrstiel und "dort wo kein Schnee liegt" darf man fahren. Letzteres wird im Winter gewandelt in: "...wo Schnee liegt darf man fahren!"
Ist auch kein Wunder, da die meisten Russen ihren Führerschein gekauft haben.
Steht man als erster wartend an einer Haltelinie vor einer Ampel, dann dauert es in der Regel nicht lange und ein Lada kommt von rechts oder links und stellt sich vor einen. Irgendwie fordert das dann wieder andere heraus und ich steh bald in der dritten Reihe. Springt dann die Ampel auf grün, rast alles mit Vollgas los. Nach ca. 200 - 300 Metern ist die Fahrt zu Ende, starkes Abbremsen und man steht wieder vor einer roten Ampel.
Russische Ampeln haben statt Glühbirnen oftmals nur Teelichter oder defekte Glühbirnen hinter ihrem gefärbten Glas. Das wiederum kann man nur sehen, wenn die Ampel nicht hinter einem Baum steht, was auch nicht selten vorkommt.
Wenn man als Deutscher mit ca. 5 Jahren Fahrerfahrung und etwas Fahrpraxis aus anderen Ländern hierher kommt, und wenn man sich von Russen nicht treiben lässt, dann geht es eigentlich ziemlich gut.
Da wir an einem Freitagabend St. Petersburg verlassen, ist der Verkehr ziemlich dicht, da viele raus auf die Datscha fahren.
Ich muss tanken - 14 Rubel pro Liter, 0,5 USD - das macht schon fast Freude!
Übrigens, an 99% aller russischen Tankstellen gibt es nur Benzin! Kein Bounty, keine Cola, kein Wasser für die Scheibenwischanlage - nur Benzin!
21.30
Wir haben die Stadt hinter uns gelassen und fahren auf der Landstrasse. Sie ist eigentlich besser als ich gedacht habe: der Strassenbelag ist okay. Meistens fehlt jegliche Markierung auf der Fahrbahn, aber man gewöhnt sich daran.
23.30
Wir fahren über die Dörfer - einwandfreie Strassen. Nur leider haben wir uns jetzt etwas verfahren und Larissa weiss den Weg nicht mehr. Warum hör ich bloss immer wieder auf Frauen im Auto!
Überrascht bin ich bei unserer Überlandfahrt über die Hohe Dichte der Tankstellen. Die Zeit der Reservekanister ist im europäischem Russland wohl definitiv vorbei!
2. Tag
00.15
Ich fahre entspannt mit ca. 100 Kilometer in der Stunde über Russlands Strassen. Dann will ich die erste "Autoinspekte" passieren. Ich muss meine Fahrt auf 20 km/h reduzieren und werde prompt angehalten. Meistens stehen sog. "Autoinspekte" an den Ein- und Ausfallstrassen aller russischen Städte. Ein blau-graues Häuschen dient den Beamten als Dienstgebäude. Jetzt ist hohe Schauspielkunst gefragt, damit die Strafe nicht zu hoch ausfällt.
Als erstes muss ich die Fahrzeugpapiere zeigen. alles okay. Dann die Frage des Verkehrspolizisten, ob es in Deutschland erlaubt ist, mit zwei verschiedenen Kennzeichen zu fahren? Jetzt ging mir ein Licht auf. Ich hatte tatsächlich noch die deutschen Exportkennzeichen am Wagen. okay, wieviel? 1.000 Rubel! Schei..., dachte ich, der geht aber hoch ran. Jetzt war Olga dran. "Soviel haben wir gar nicht mit!" war trocken ihre Antwort. Dann folgte 15 Minuten ein russischer Dialog, der mich kaum interessierte. Der Beamte fing plötzlich an auf einem Zettel eine Wegeskizze zu erstellen: der kürzeste Weg zum nächsten Bankautomaten - "nur" 30 Minuten mit dem Auto. Da er uns aber ohne Zahlung der Strafe nicht fahren lassen konnte, haben wir uns dann auf 5 Euro + 100 Rubel geeinigt.
GRUNDSÄTZLICH weiss ich, das russische Polizisten eigentlich nur abkassieren wollen um ihr mageres Gehalt aufzubessern und ohne Strafe kommt man nicht davon. Letztendlich können Sie dann einen Stempel im Führerschein nicht lesen und man zahlt. Anhalten - fast immer gleich Strafe!
01.30
Wir haben das Sommercamp erreicht, jedenfalls fast. Die letzten 60 Kilometer will sie trampen. Da es immmer noch etwas hell ist, ist es wohl kein Problem (ich hab inzwischen mit ihr telefoniert - alles prima!).
als wir sie absetzen, trinken wir noch einen Tee an einen der vielen selbstgebastelten "Raststätten". Wir befinden uns auf der meistbefahrenen Strasse Russlands von St. Petersburg nach Moskau. Die Versorgung an der Strasse ist beispielhaft: Gemüse- und Obststände, Getränke- und Schaschlikbuden und natürlich jede Menge Tankstellen.
Auf Russlands Strassen ist es manchmal natürlich genauso wie in Deutschland: immer ist einer schneller! Ich hatte den Rückspiegel abgeblendet, da wir Dämmerlicht hatten. Plötzlich rast ein Wagen an mir vorbei: ohne Licht! Ich hatte mich böse erschrocken! Seitdem fahre ich in Russland nicht mehr mit abgeblendetem Spiegel!
03.00
Ich kann nicht mehr! Olga hat keinen Führerschein und wir schlafen in der Nähe rastender LKW-Fahrer in unserem Wagen.
07.00
Es geht weiter. Noch 150 Kilometer bis Moskau. Ich will nen Kaffee, aber gerade jetzt finden wir keine Bude - typisch. Und genau das wollte ich vermeiden: vor 09.00 Moskau erreichen!
09.00
Wir befinden uns auf einer 10-spurigen Strasse kurz vor Moskau und fahren mit dem Berufsverkehr in die Stadt. Da ich weiss, dass wir bald "nach links" Richtung Nieschni Novgorod abbiegen müssen, habe ich mich für die mittlere der 5 Spuren entschieden, da man oftmals auf Russlands Strassen die Richtung nicht per Schleife wechselt. Die schnellsten fahren nicht links und jede Spur fährt eine unterschiedliche Geschwindigkeit. Ich fahre mit dem fließendem Verkehr. Eine Ampel, alles hält und ich stehe ganz vorn. Seelenruhig überquert ein Polizist die Fahrbahn und winkt mich auf die Mitte der Fahrbahn auf eine Verkehrsinsel. Schei..., denke ich, jetzt wird es aber langsam teuer! Er kontrolliert meine Papiere und bittet mich in sein Autoinspekte-Gebäude. Dort wird mir auf einem Bildschirm ein Photo von mir gezeigt: unten links steht 40 km/h und unten rechts exakt 100 km/h.
Oh, dass bedeutet nichts Gutes! Und wieder höre ich die magischen 1.000 Rubel und dank Olga werden es 200 Rubel. Ich bin wirklich kein Raser und ich hab in Flensburg 0 Punkte, aber hier ist die, nennen wir es mal
Verkehrsführung, nicht immer ganz eingfach einzusehen. Die Geschwindigkeitsreduzierung auf 40 km/h war nur rechts, neben der breiten Strasse, beschildert. Kein Schild links und über der Strasse hab ich bis heute kein Schild in ganz Russland gesehen!
09.30
Es geht weiter. Wir biegen Richtung Nischnie Novgorod ab und mit jedem Kilometer den wir zurücklegen wird der Verkehr weniger. Dafür häufen sich jetzt die Baustellen. Baustellensicherung wird hier auch ganz klein geschrieben. Kaum Hinweise, nachts nicht beleuchtet und von weitem nur sehr schwer zu erkennen. Man sollte hier auf den Landstrassen nie
als "erster" fahren. Ein Auto vor einem entspannt doch sehr. Fällt der in eine Kuhle, dann kann man immer noch rechtzeitig anhalten.
12.00
Ich bekomm endlich meinen ersten Kaffee am Strassenrand. Mir brennen die Augen und ich kann von einer Waschgelegenheit nur träumen. Nischnie Novgorod haben wir erreicht und jetzt geht es weiter Richtung Kazan.
17.00
Ich muss wieder dringend mal schlafen. Wir schlafen auf dem flachen Land direkt vor der Tür einer Kaserne. Es dauert genau 30 Minuten und der Wachhabende Offizier klopft an unser Fenster. "Was ist das den für ein Auto?" "Ein Kia Carnival." "In Deutschland gebaut?" "Nein, in Korea. Äh, Südkorea." "Aha - vielen Dank. Zwei Stunden später klopft er wieder:
"Ich habe gehört, dass die deutschen die Autos nach Russland verkaufen, die in Deutschland ins Wasser gefallen sind!" Schlaftrunken hab ich immer so meine Probleme meinen Humor zu finden und ich hab nur mit "nein" geantwortet und "stimmt nicht". Wenn er wüsste, dass wir nur die Autos nach Russland exportieren, in denen Leichen lagen...!
19.30
Es geht weiter Richtung Kazan. Mittlerweile haben ich mich an die russischen Strassenverhältnisse gewöhnt und wir kommen wirklich erstaunlich gut voran.
20.30
Wir fahren an eine Schaschlik-Bude und bunkern auch Kaffee für die Weiterfahrt. Nach dem Essen möchte ich mich am liebsten eine Stunde hinlegen, aber es geht weiter. Jetzt ist die erste halbe Stunde die "gefährlichste" und Olga muss mich aufmuntern. Die Strasse ist eher langweilig und wir "fressen" Kilometer.
3. Tag
01.00
Wir haben Kazan erreicht und fahren durch die Stadt. Wir finden die Ausfallstrasse nach Perm einfach nicht. Die fragen Polizisten. Die üblichen russischen Antworten: nach rechts sagt der eine, nach links der andere und geradeaus der Fussgänger der gerade kontrolliert wurde.
Letztendlich hatten alle recht!
02.00
Ich muss jetzt öfter mal ne Pause machen. Wir halten an einem bewachten Rasthof und ich bekomm ein leckeres Stück Kuchen und eine frische Tasse Kaffee.
Gegen 02.30 geht es weiter. Ein LKW-Fahrer hatte uns eine Abkürzung auf der Karte gezeigt und wir verlassen die eigentlich Hauptstrasse. Es wird immer einsamer bis uns schließlich kein Auto mehr entgegen kommt. Irgendwie gefällt mir das nicht. Wir fahren durch einsame Dörfer bei völliger Dunkelheit. in einem Dorf laufen doch glatt mitten in der Nacht einige Menschen auf den Strassen. "Ist das die Strasse nach Perm?" "Ja, ihr müsst noch viel weiter fahren und dann kommt ein Schild "100 KM bis Perm". Ich kann es kaum glauben.
04.00
Das Schild haben wir noch nicht gesehen und ich bin todmüde. Wir halten an einer Tankstelle und stellen uns neben einen Streifenwagen in dem Polizisten schlafen.
07.00
Ich werde wach und sehe, dass die Polizisten weg sind - auf keinen kann man sich hier verlassen!
Wir fahren weiter und ich erkenne jetzt, durch welch eine wunderschöne Landschaft wir fahren. Keine Autos auf der Strasse, sanft schlängelt sich die Strasse durch eine leicht hügelige, mit Wiesen, Feldern und kleinen Wäldern gespickte Landschaft! Wunderschön!
Dann wird unsere Fahrt gestoppt - durch einen Fluss und wir müssen auf eine Fähre. Eine Flussfahrt für 50 Rubel!
10.00
Wir erreichen das berühmte Schild "100 km bis Perm". Ich spüre, dass ich jetzt am Ende meiner Konzentration bin. Wenn ich mich jetzt hinlege, dann komm ich nicht wieder hoch. Es wird aber ein herrlicher Sommertag und von Müdigkeit ist momentan nichts zu spüren.
11.00
Wir erreichen die Strasse zwischen Perm und Ekaterinburg. Jetzt sind es nur noch 350 KM. Dachte ich doch, dass die letzten Kilometer die einfachsten sind. Leider falsch. Die Strasse ist eine einzige Katastrophe und gespickt mit Schlaglöchern. So etwas kannte ich bisher nur aus Mittelamerika. 50 Kilometer vor Ekaterinburg war es dann mit den
Schlaglöchern vorbei und gegen
16.00
waren wir nach 2.780 km endlich zu Hause!
NACHWORT
Der Wagen und wir sind heil in Ekaterinburg angekommen. Für den Wagen + ALLER Kosten hab ich ca. 18.000 USD ausgegeben. 24.000 USD sind mir schon geboten worden.
Momentan fahren wir mit dem Wagen Touristen durch Ekaterinburg und wir verdienen hier mehr als mancher in Deutschland.
Ende September heirate ich Olga, dann wird der Wagen verkauft und im Oktober gehts nach Usbekistan.
Im Dezember gehts wieder nach Deutschland und Anfang Februar mit meinem "neuen Wagen" wieder nach Russland per Fähre.
Diesmal kaufe ich einen Mazda RX-8 mit netten 200 PS. Der Wagen hat 650 ccm (Wankelmotor) und ich freu mich riesig auf die Gesichter beim Zoll in St. Petersburg!
liebe Grüsse aus E-burg
ERFAHRUNGSBERICHT - per Auto v St. Petersburg - Ekaterinburg
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achim
Klasse Bericht. Weiss jemand, wie lange das Einreiseprozedere dauert, wenn man nur voruebergehend ein Kfz hierherbringt? Sozusagen wie Touristen.
Fuer den Wankel lassen die sich jetzt bestimmt was neues einfallen. So in der Art 'technische Sonderinspektion", welche nur in Moskau zu machen geht, aber ohne die man das Kfz nicht aus Piter herausbekommt
.
Irgendwie wirst Du es schon hinbekommen.
Viel Erfolg.
Fuer den Wankel lassen die sich jetzt bestimmt was neues einfallen. So in der Art 'technische Sonderinspektion", welche nur in Moskau zu machen geht, aber ohne die man das Kfz nicht aus Piter herausbekommt
Irgendwie wirst Du es schon hinbekommen.
Viel Erfolg.
AnGro hat geschrieben:Fuer den Wankel lassen die sich jetzt bestimmt was neues einfallen. So in der Art 'technische Sonderinspektion", welche nur in Moskau zu machen geht, aber ohne die man das Kfz nicht aus Piter herausbekommt.
Motor ausbauen und als Handgepaeck mit nach Moskau nehmen :-)
Dann sieh aber zu das du die Motornummer mitnimmst!!!
- Sibirier
- Ehrenmitglied

- Beiträge: 5784
- Registriert: 24 Mär 2004, 17:25
- Wohnort: Ermolino Kalushskaya Oblast
...
Also, wie ich schon im anderen Thread geschrieben habe, ich bin über Wyborg rein. Mit Touristenvisum...
Die Zollerklärung für den Wagen ausgefüllt. Einen grünen Wisch erhalten. Dann konnte ich weiter. Es hat vielleicht 20 Minuten beim Zoll gedauert.
Aber Superbericht!
Auf den Wankel bin ich auch schon gespannt.
Gruß nach Ekaterinenburg.
Sibirier
Die Zollerklärung für den Wagen ausgefüllt. Einen grünen Wisch erhalten. Dann konnte ich weiter. Es hat vielleicht 20 Minuten beim Zoll gedauert.
Aber Superbericht!
Auf den Wankel bin ich auch schon gespannt.
Gruß nach Ekaterinenburg.
Sibirier
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Anonymous
