"Kasachen", "Russen" und andere

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Naila

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Naila »

Zeppelin hat geschrieben:
Naila hat geschrieben:Und so müssen die Migranten ihr "exotisches" Potenzial jederzeit zur Verfügung stellen, damit die eingeborenen Deutschen sich nicht langweilen...
Nö. Von Müssen kann keine Rede sein.
Ich frage mich nur, was so schwer daran ist (bzw. sein sollte), sich zu einer Biographie im Zeitalter der Globalisierung zu bekennen.
Sie zu leugnen oder sich auf seinen Pass zu reduzieren ist jedenfalls kaum zielführend, wenn man akzeptiert werden will.
Was heißt hier "sich bekennen"? Mich stört diese Einseitigkeit. Daß nur der Migrant sich zu seiner Biographie (was ja etwas sehr Persönliches ist) bekennen sollte und das auf Wunsch des ersten besten gebürtigen Deutschen, und der Eingeborene darf quasi anonym bleiben. Vielleicht interessiert mich der Stammbaum des gebürtigen Deutschen, und das übrigens nicht zu unrecht, denn laut Untersuchungen sind nur 6% aller "gebürtiger" deutscher Männer 100% deutscher Abstammung (dafür sind eingeborene deutsche Frauen zu 50% "rein" deutsch).
Ich finde überhaupt die Mode auf "Bekenntnisse" völlig idiotisch. Manche machen das auch noch öffentlich. Das ist doch ein seelisches Striptease! Da würde ich mich in eine Reihe mit Homosexuellen stellen, die sich unbedingt outen müssen. Wozu???
Ich kann nur von mir sprechen. Wenn ich einen neuen Schüler bekomme, der nicht "gebürtig deutsch" auf mich wirkt, frage ich ihn nie, wo er herkommt und wo er hingeht usw. Es ist nicht so, daß es mich nicht interessiert. Aber ich warte ab, bis der Schüler selbst die Lust bekommt, mir davon zu erzählen.
ferdystschenko

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von ferdystschenko »

Naila hat geschrieben: Was heißt hier "sich bekennen"? Mich stört diese Einseitigkeit. Daß nur der Migrant sich zu seiner Biographie (was ja etwas sehr Persönliches ist) bekennen sollte und das auf Wunsch des ersten besten gebürtigen Deutschen, und der Eingeborene darf quasi anonym bleiben.
Aber das stimmt doch gar nicht! Vielleicht kannst du ja mal ein-zwei Beispiele nennen, wann du auf Wunsch des ersten besten gebürtigen Deutschen über deine Herkunft Auskunft geben musstest. Mann könnte übrigens auch andersrum argumentieren und sagen, dass die Herkunft der Eingeborenen quasi sowieso offen darliegt.
Naila hat geschrieben:Vielleicht interessiert mich der Stammbaum des gebürtigen Deutschen, und das übrigens nicht zu unrecht, denn laut Untersuchungen sind nur 6% aller "gebürtiger" deutscher Männer 100% deutscher Abstammung (dafür sind eingeborene deutsche Frauen zu 50% "rein" deutsch).
Echt? Wo hast du das gelesen? Demnach gehöre ich ja einer Minderheit an. Stammbaum und Herkunft sind auch nochmal zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber wenn dich sowas interessiert, dann frag doch einfach mal nach - würde mich nicht wundern, wenn du ganz offen und freundlich Auskunft bekommen würdest. Ich finde, du stigmatisiert auch etwas.
Naila

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Naila »

Tja, das stand in der Frankfurter Rundschau... Ich weiß gar nicht mehr, wie dieses Forschungsinstitut hieß, wo sie Abstammung von deutschen Männern und Frauen zurückverfolgt haben.
Ein oder 2 Beispiele zum Thema:
1. Du bist bei einem Arzt zur Blutentnahme. "Wo kommen Sie her?", fragt die Arzthelferin, bevor sie dir die Nadel in die Vene schießt. Wahrscheinlich soll das der Beruhigung dienen. Vielleicht sind ihre Eltern gebürtige Esten oder Holländer. Sie ist hier geboren, spricht ohne Akzent und nimmt sich das Recht inkognito zu bleiben und dich auszufragen. Das werde ich nie erfahren.
2. "Sie kommen doch aus Rußland! Ich kannte so eine, sie kam zwar aus der ehmaligen DDR, aber das ist doch ein und dasselbe. Ihr wurdet alle im Kommunismus zu Egoisten erzogen!"- Vor meiner Haustür steht die Nachbarin von oben. Der Äußerung nach ist sie Westdeutsche. Wir haben uns einmal flüchtig im Treppenhaus gesehen.
Marco
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Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Marco »

Naila hat geschrieben: 1. Du bist bei einem Arzt zur Blutentnahme. "Wo kommen Sie her?", fragt die Arzthelferin, bevor sie dir die Nadel in die Vene schießt. Wahrscheinlich soll das der Beruhigung dienen. Vielleicht sind ihre Eltern gebürtige Esten oder Holländer. Sie ist hier geboren, spricht ohne Akzent und nimmt sich das Recht inkognito zu bleiben und dich auszufragen. Das werde ich nie erfahren.
Das kommt auch bei Deutschen häufiger vor als du denkst. Insbesondere als ich für paar Jahre in NRW gewohnt habe, da konnte man an meiner Aussprache erkennen, dass ich nicht aus der Gegend kam, da Norddeutsche dazu tendieren harte Buchstaben viel weicher auszusprechen. Platte klingt dann eher wie Bladde usw. Da wurde ich auch dauernd drauf angesprochen. Zudem spricht kaum ein Deutscher ohne Akzent/sprachliche Färbung.
Warum willst du denn unbedingt inkognito bleiben? Stört dich deine russische Herkunft?
Aber ich denke, wir drehen uns hier im Kreis


Naila hat geschrieben: 2. "Sie kommen doch aus Rußland! Ich kannte so eine, sie kam zwar aus der ehmaligen DDR, aber das ist doch ein und dasselbe. Ihr wurdet alle im Kommunismus zu Egoisten erzogen!"- Vor meiner Haustür steht die Nachbarin von oben. Der Äußerung nach ist sie Westdeutsche. Wir haben uns einmal flüchtig im Treppenhaus gesehen.
Die wollte nur ihren Frust über ihre eigene Situation loswerden. Und sowas endet häufig in D vor Gericht, wie man an den vielen unnötigen Nachbarstreitigkeiten vor Gericht erkennen kann.
ferdystschenko

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von ferdystschenko »

Naila hat geschrieben:Tja, das stand in der Frankfurter Rundschau... Ich weiß gar nicht mehr, wie dieses Forschungsinstitut hieß, wo sie Abstammung von deutschen Männern und Frauen zurückverfolgt haben.
Ok, danke. Mal sehen, ob sich das noch irgendwo finden lässt.
Naila hat geschrieben: Ein oder 2 Beispiele zum Thema:
1. Du bist bei einem Arzt zur Blutentnahme. "Wo kommen Sie her?", fragt die Arzthelferin, bevor sie dir die Nadel in die Vene schießt. Wahrscheinlich soll das der Beruhigung dienen. Vielleicht sind ihre Eltern gebürtige Esten oder Holländer. Sie ist hier geboren, spricht ohne Akzent und nimmt sich das Recht inkognito zu bleiben und dich auszufragen. Das werde ich nie erfahren.
Ich denk auch, die wollte sich einfach ein bisschen unterhalten und ihre Patientin ablenken. Aber wenn dich diese Art von Neugier so sehr stört, dann hilft, glaube ich, am besten Schlagfertigkeit: "Ich komme aus Deutschland. Und Sie?"
Naila hat geschrieben: 2. "Sie kommen doch aus Rußland! Ich kannte so eine, sie kam zwar aus der ehmaligen DDR, aber das ist doch ein und dasselbe. Ihr wurdet alle im Kommunismus zu Egoisten erzogen!"- Vor meiner Haustür steht die Nachbarin von oben. Der Äußerung nach ist sie Westdeutsche. Wir haben uns einmal flüchtig im Treppenhaus gesehen.
Idioten gibt's immer. Dieses Zitat ist allerdings so bescheuert, dass es schon wieder lustig ist . Aber ehrlich - du bist eine kluge Frau, hast studiert und regst dich über sowas auf? Mann, ich hätte der laut ins Gesicht gelacht und mit Inbrunst über die ganze Straße gesungen: "Славься, Отечество наше свободное, Дружбы народов надёжный оплот! Пapтия Лeнинa - cилa нapoднaя Hac к тopжecтвy кoммyнизмa вeдëт!" Beim nächsten Mal hätte die ihren Mund gehalten.
Marco
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Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Marco »

ferdystschenko hat geschrieben:
Naila hat geschrieben:Tja, das stand in der Frankfurter Rundschau... Ich weiß gar nicht mehr, wie dieses Forschungsinstitut hieß, wo sie Abstammung von deutschen Männern und Frauen zurückverfolgt haben.
Ok, danke. Mal sehen, ob sich das noch irgendwo finden lässt.
Wundern tut mich das mit der Abstammung nicht. Deutschland war ja schon immer Einwanderungsland gewesen. Das haben nur einige in den letzten Jahrzehnten vergessen
Zeppelin
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Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Zeppelin »

Naila hat geschrieben:Was heißt hier "sich bekennen"?
Die Antwort hast Du ja inzwischen z.T. selbst gegeben: "Knigge in Russland"
Mich stört diese Einseitigkeit. Daß nur der Migrant sich zu seiner Biographie (was ja etwas sehr Persönliches ist) bekennen sollte und das auf Wunsch des ersten besten gebürtigen Deutschen, und der Eingeborene darf quasi anonym bleiben.
Ich denke, Du verkennst da etwas. Niemand muss dem ersten, letzten, besten oder schlechtesten 'gebürtigen' Deutschen etwas von oder über sich erzählen. Nicht mal von 'Sollen' kann da die Rede sein.
Es ist nur problematisch, wenn man Persönlichkeit und Anerkennung für sich reklamiert, ohne den Versuch zu unternehmen, seiner sozialen Umgebung eine gewisse Orientierung zu geben. Ggf. muss man aber dann mit der Konsequenz leben, dass andere sich eine Meinung bilden, die einem womöglich nicht gefällt.
Vielleicht interessiert mich der Stammbaum des gebürtigen Deutschen, und das übrigens nicht zu unrecht, denn laut Untersuchungen sind nur 6% aller "gebürtiger" deutscher Männer 100% deutscher Abstammung (dafür sind eingeborene deutsche Frauen zu 50% "rein" deutsch).
Ersteres ist ganz einfach: Man fragt jemanden, der/die einen interessiert, nach seiner Persönlichkeit.
Zu Zweiterem: Ich wiederhole mich ja ungern. Aber "Deutsche" in diesem Sinne gibt es gar nicht. "Deutsche" ist vielmehr ein Oberbegriff für Angehörige diverser Volksgruppen, die nach jahrhuntertelangem vergeblichem Krieg über die Vorherrschaft zu dem Schluss gelangten, dass man besser in einer föderalen Gesellschaft zusammen leben sollte.
Ich finde überhaupt die Mode auf "Bekenntnisse" völlig idiotisch. Manche machen das auch noch öffentlich. Das ist doch ein seelisches Striptease! Da würde ich mich in eine Reihe mit Homosexuellen stellen, die sich unbedingt outen müssen. Wozu???
Es könnte sein, das dies etwas mit den o.g. Gründen zu tun hat: Man bewahrt seine Souveränität, ermöglicht in frei wählbarem Umfang Orientierung und gewinnt ggf. Vertrauen und Freiheit.
Ich kann nur von mir sprechen. Wenn ich einen neuen Schüler bekomme, der nicht "gebürtig deutsch" auf mich wirkt, frage ich ihn nie, wo er herkommt und wo er hingeht usw. Es ist nicht so, daß es mich nicht interessiert. Aber ich warte ab, bis der Schüler selbst die Lust bekommt, mir davon zu erzählen.
Nun, dies ist in der Tat eine Frage der persönlich favorisierten pädagogischen Methodik.
Ich beführworte es z.B. dass Erwachsene Kindern und Jugendlichen mit Interesse entgegen kommen und habe damit allerbeste Erfahrungen gemacht.
An der berliner Grundschule, an der ich vergangenes Jahr als Informatiklehrer tätig war, tummelten sich Kinder aus den buntesten Familienkonstellationen und dem gesamten Hautfarbenspektrum, welches die Erde zu bieten hat.
Dementsprechend hatte jedes seine ganz persönliche Geschichte. Na und? - Ganz einfach: Anlässlich der Elternversammlung zum Schuljahresabschluss im Juli 2007 haben wir mit den Kindern eine Präsentation des Portraits der jeweiligen Klassen "gebastelt", wo alle zu Wort kamen. :D

edit: einige Tippfehler beseitigt
Zuletzt geändert von Zeppelin am 25 Aug 2008, 00:04, insgesamt 1-mal geändert.
"Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen." (Ralf Dahrendorf)
Naila

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Naila »

Ich arbeite nicht nur mit Kindern, sondern auch mit erwachsenen Schülern. Wenn ich ihnen nicht gleich mit der Frage nach der Herkunft begegne, bedeutet das nicht, daß ich mich desinteressiert gebe. Ich kann mir vorstellen, daß viele von ihnen diese Frage mehrmals pro Tag beantworten müssen und sich vielleicht nach einer "Sendepause" sehnen, und ich verschone sie damit. Ich behandle sie so, als wären wir alle aus dem gleichen Land. Die Fragen zielen auf individuelle Vorlieben, Vorerfahrungen, manchmal auch Berufstätigkeit. Mich interessiert, wie der Mensch denkt, wie gut seine Auffassungsgabe ist, ob er eher ruhig und gut strukturiert arbeitet oder eher chaotisch ist. Danach richten sich meine Ratschläge.
Zeppelin
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Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Zeppelin »

Naila hat geschrieben: Wenn ich ihnen nicht gleich mit der Frage nach der Herkunft begegne, bedeutet das nicht, daß ich mich desinteressiert gebe.
Wie jetzt?
Kurz zuvor schriebst Du noch:
Wenn ich einen neuen Schüler bekomme, der nicht "gebürtig deutsch" auf mich wirkt, frage ich ihn nie, wo er herkommt und wo er hingeht usw.
Zwischen beiden Aussagen kann ich keine Konsistenz erkennen.

Aber was soll's? Du machst halt alles so richtig, wie wohl jede(r). Universalkonzepte (die in der Realität aufgehen) gibt es eben nicht.
"Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen." (Ralf Dahrendorf)
Naila

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Beitrag von Naila »

Das wollen wir doch hoffen! Na ja, zumindest laufen sie mir nicht weg.
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