Kindererziehung in Deutschland

Für alle die nicht in Russland leben. Hier können Susi und Klaus über die weißen Nächte in Petersburg sinnen, die russische Seele aus der Ferne transzendieren oder die nächste Russendisko in Sindelfingen planen.
Zeppelin
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Zeppelin »

Magdeburg-Moskva hat geschrieben:
Naila hat geschrieben:Und du darfst in Deutschland sie nicht ermahnen, weil du nicht erziehungsberechtigt bist. Neulich hat ein Balg meinen Verlobten in der Bahn an den Haaren gezogen, und als mein Verlobter sich lautstark gewehrt hat, wurde er auch noch vom Vater des Kindes zusammengeschissen. Und das stört mich. Und ich frage mich, warum das überhaupt so sein muß ???
Leider hat man dann oft nicht die Frechheit, Unverfrorenheit oder wie auch immer man das nennen mag, den Vater gleich noch zusätzlich zusammenzuniesen. Vielleicht sind diese Eltern und Kinder wirklich eine Art verlorene Generation.
Stimmt schon. Kann passieren, dass man so perplex ist, dass es einem die Sprache verschlägt. Aber mir passiert das höchst selten. Ich lege mich durchaus mal mit fremden Eltern an, die es unterlassen, ihre Göhren zur Mäßigung anzuhalten.

Und es ist mir auch ziemlich schnurz, ob ich erziehungsbrechtigt bin, wenn ich fremde Kinder in ihre Schranken verweise. Und das scheint mir meist auch recht wirksam zu sein, weil viele von denen einfach mal voraussetzen, dass ihnen sowieso niemand etwas kann bzw. sie einfach gewähren lassen wird.
Man muss die nicht gleich völlig zur Schnecke machen, aber eine klare harte Ansage tut oftmals ihre Wirkung.
Das werden die Kids zwar schwerlich zugeben, aber das merkt man auch so.

Und nochmal was zum Thema Lehrer-Eltern-Verhältnis: Wenn Eltern der Ansicht sein sollten, dass ich (oder andere Lehrer/Erzieher/-innen) zu Unrecht von den Kindern angemessenes Verhalten verlange, mach(t)e ich denen mal ganz schell klar, wer eigentlich was von wem will.
Klar versuchen die einem dann erst mal zu erklären, was man ihrer Meinung nach zu tun und zu ertragen hätte... Gäääähn! Ja und?

Aber bei allem, worüber man sich an den Kindern der Gegenwart ärgern mag: Ich sehe nicht, dass es je eine Erwachsenengeneration gegeben hätte, die nicht die missratenen Kinder beklagt hätte, welche es früher vermeintlich nicht gegeben habe.

Und so sehe ich es nicht nur als institutionelle Aufgabe von Eltern, Schule, Jugendämtern etc. sich um die Erziehung von Kindern zu kümmern, sondern als elementare Bürgerpflicht.
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Saboteur »

Zepeplin hat schon vieles recht gut dargestellt aber da ich selber aus der Branche (arbeite auch schon einige Jahre mit Kindern und Jugendlichen als Sozialpädagoge in Ostberlin, in städtischen Strukturen) komme möchte ich nach hin und her überlegen auch mal meinen Senf dazugeben. Der natürlich höchst subjektiv ist :)

Ich denke den Kindern und Jugenlichen in Deutschland wird sehr oft großes unrecht getan indem sie pauschal als undiszpliniert unhöflich und so weiter gebrandmarkt werden. Ich kenne natürlich unmengen von Kindern und Jugendlichen (die meisten aus Bildungs- und einkommenschwachen Familien) und muss sagen, dass sie natürlich etwas anders drauf sind als ich (bin und war) - aber die meisten von ihnen sind liebenswerte, nette und höfliche Menschen. Natürlich haben viele von Ihnen nicht die besten Vorraussetzungen (das sollte man beachten!) aber dennoch erlebe ich viele wie oben beschrieben. Pauschalen Generalverdacht und damit einhergehende pauschale Urteile finde ich persönlich übrigens immer wieder zum heulen.
Oft schallt es wirlich so raus wie man in den Wald brüllt. Und wenn ich erlebe wie frech und respektlos einige Erwachsene gegenüber Kindern sind... dann wird mir übel! Was mir allerdings zunehmend Sorgen macht ist, dass die Eltern zunehmend weniger in der Lage sind Ihre Kinder zu versorgen. Also es gibt sehr viele Kinder die schlecht ernährt bzw. schlicht hungrig sind. Von der Gesundheit der Kinder mal abgesehen. Das in Deutschland Kinder verhungern wundert mich nicht - wenn ich sehe wie wahnsinnig überlastet die Jugendämter sind. Herr Sarrazin legt einen ausgeglichenen Haushalt (in Berlin) vor - nur zu welchem Preis... Naja das ist ein anderes Thema...Sorry!

Jedenfalls denke ich dass die unangepassten, "unerzogenen" Kinder einfach viel stärker auffallen und die anderen mit ihrer Präsens überdecken. Und übrigens habe noch nie ein Kind erlebt welches in zig Vereinen ist und in so einem breiten Spektrum gefördert wird - ich denke dass ist eher eine Modeerscheinung und durch die Medien etwas zu hoch gebauscht vermittelt.

Darüber hinaus sehe ich das garicht so eng wenn Kinder emanzipiert sind und auch mal diskutiern möchten. Natürlich geht dass erst ab einem bestimmten Alter und hat auch alles seine Grenzen - aber eine gute Begründung für ein verlangtes Verhalten sind meiner Meinung nach schöner und demokratiefördernder als "Weil ich das gesagt habe!". Die Frage ist ja auch was ich möchte: Ein Kind welches alle "Befehle" hinnimmmt (Stichwort: Ich-brechende Erziehung) und brav und treu im preussischen Kadavergehorsam reagiert. Oder ein Kind welches agiert und auch mal kritisch nachfragt bzw. sich nicht alles Gefallen lässt. Wenn man diese Kinder dann später im Job sieht, weiß man wer in den Arsch kriecht und wer auch mal den Mund aufmacht. Letzteres gefällt mir persönlich besser.

Zu den angepassten Kindern die aus anderen Kulturen kommen und hier als musterhaft daregestellt werden möchte ich ergänzen dass der Preis der gezahlt wird recht hoch ist. Ich kann nur bei den vietnamesischen Kindern mitreden da ich mit denen Erfahrungen gesammelt habe- die eventuell übertragbar sind. Die vietnamesichen Kinder gelten überwiegend als Leistungsträger und hervorragend intergiert. Die meisten (die ich kenne) haben wirklich ausgezeichnete schulische Leistungen. Sie sind unaufällig angepasst und leistungsorientiert. Nun ist die Schattenseite dass diese Kinder von zu Hause aus unter einem enormen Leistungsdruck stehen. Die Eltern arbeiten recht häufig sehr viel und fordern die Unterstützung der Kinder ein die gleichzeitig sehr gute Leistungen in der Schule zu erbringen haben. Gewalt bei der Erziehung ist leider keine Seltenheit und eine 2+ wird häufig schon mit Prügel belohnt. Was das für psychische Folgen für die Kleinen hat kann sich jeder ausmalen der nicht der Stammtischparole "Ein Klaps hat mir auch nicht geschadet" hörig ist. Das Berlin seit kurzer Zeit vor dem Problem steht, dass gewalttägige vietnamesische Jugendliche die gekleidet sind wie Tokio Hotel und massenhaft Körperverletzungsdelikte begehen (Und die Kripo bei mir nachfragt was denn eigentlich los sei), ist wahrscheinlich nur eine sichtbare Folge der gewaltgeprägten ultraauthoritären Erziehung die in Zukunft sicherlich ein größeres Problem darstellen wird. Ähnlich den gewalttätigen türkischen und einheimischen Jugendlichen die zu Hause in der Regel mit massiver Gewalt konfrontiert werden...

Nun zu guter Letzt noch 2 Literaturhinweise die ich in diesem Zusammenhang empfehlen kann:

Zum einen:

Katharina Rutschky (Herausgeberin) - Schwarze Pädagogik
: Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung
Amazon: http://www.amazon.de/Schwarze-P%C3%A4da ... 769&sr=8-1

das ist ein Buch in dem Aufsätze (aus den letzten 200 Jahren) zur schwarzen Pädagogik abgedruckt sind...

zum anderen:

Alice Miller - Am Anfang war Erziehung


http://www.amazon.de/Anfang-war-Erziehu ... 957&sr=1-4

dieses Buch schafft einen Perspektivenwechsel und sensibilisiert im Hinblick darauf was gut gemeinte Erziehung für folgen haben kann...
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Dave »

bella_b33 hat geschrieben:Und? Was will man machen? Irgendwelchen Hilfsorganisationen Geld in den Rachen schmeissen, damit die sich davon wahrscheinlich neue Firmenwagen und Computer kaufen?? Vieles von dem Geld kommt wahrscheinlich eh nie dort an wofür man es spendet :(
Selten eine upassendere Rückfrage (Ausrede) gelesen. Wer sich mit der Thematik ein klein wenig beschäftigt,
weiss wo und wie er helfen kann.

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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von bella_b33 »

Dave hat geschrieben: Selten eine upassendere Rückfrage (Ausrede) gelesen. Wer sich mit der Thematik ein klein wenig beschäftigt,
weiss wo und wie er helfen kann.

Dave
Dann mach es doch.....,

ich machs trotzdem nicht

gehört aber nicht hier her!
BTT bitte!

Gruß
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Oletsch »

Super Beitrag von Saboteur, danke.

Und noch eine kleine Bemerkung zum Thema. Ich beobachte öfters, dass meist kinderlose Erwachsene sich von Kindern gestört fühlen. Wer selbst welche zu Hause hat, weiss, dass ein Kind auch mal laut und frech sein kann und dass daran nicht anormales ist. Sicher gibt es welche, die öfters frech sind. Aber liebe Naila, wenn Du schreibst, dass Du von den Kindern geliebt wirst und pädagogische Arbeit gut machst, dann wirst Du schon genug Möglichkeiten haben, Respekt bei den Kindern zu verschaffen ;)

Gruß
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Saboteur »

Oletsch hat geschrieben:Super Beitrag von Saboteur, danke.

Und noch eine kleine Bemerkung zum Thema. Ich beobachte öfters, dass meist kinderlose Erwachsene sich von Kindern gestört fühlen. Wer selbst welche zu Hause hat, weiss, dass ein Kind auch mal laut und frech sein kann und dass daran nicht anormales ist. Sicher gibt es welche, die öfters frech sind. Aber liebe Naila, wenn Du schreibst, dass Du von den Kindern geliebt wirst und pädagogische Arbeit gut machst, dann wirst Du schon genug Möglichkeiten haben, Respekt bei den Kindern zu verschaffen ;)

Gruß
Oletsch

Oh, Danke und Bitte! Deine Aspekte sind übrigens absolut richtig! Kind sein bedeutet nun mal Kind sein! Danke dir für deinen Beitrag der vieles schon gesagt ergänzt!
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Zeppelin »

Oletsch hat geschrieben:...dass Du von den Kindern geliebt wirst und pädagogische Arbeit gut machst, dann wirst Du schon genug Möglichkeiten haben, Respekt bei den Kindern zu verschaffen ;)
Völlige Zustimmung meinerseits!
Da genügt schon mal so eine 'Drohung' mit strenger Mine, dass sie am Abend barfuß ins Bett müssten. ;) oder entsprechend abgestuft auch etwas 'härter' :D

Kompetenz und daraus resultierender Respekt lässt sich kaum 'kraft Wassersuppe', Zeugnissen und Lebenslauf erwerben/nachweisen, sondern meiner Erfahrung nach, vor allem kraft der Vermittlung von Begeisterung.
Die top-down-Strategie funktioniert ja nicht einmal mehr in modernen Armeen (was ich gut finde!)

Aus 'Kleinen' 'Große' machen - zumindest dabei mitzuwirken - finde ich hingegen besser und erfolgführender als jeden Drill mit autoritärem Auftritt.

Kinder - auch wenn sie gar nicht mehr so klein sind - merken sehr wohl, wer es gut mit ihnen meint und wer sie nur maßregeln will. Auf dem Level lässt sich dann zumeist auch ein Einvernehmen mit Eltern herstellen.
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Naila »

Es gibt aber richtig Gestörte! Und da hilft weder Begeisterung noch sonst was. Bei mir im Gruppenunterricht (es waren insgesamt 3 Kinder) hat ein Junge gleich vom Anfang an gebrüllt, rumgetobt, laut gelacht, alle geschupst. Er hat niemandem zugehört und Null Reaktion auf irgendetwas gezeigt. Dann hat er sich auf den Boden geschmissen und es sah für mich nach einem epileptischen Anfall aus. Ich habe alle alamiert, den Arzt und die Mutter angerufen. Die Reaktion der Mutter: "Nein, er hat keine Epilepsie, er ist so. Ich kann nichts mit ihm tun. Was soll ich bloß machen?" Und was soll ich mit so jemand machen und warum überhaupt?!
Zeppelin
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Zeppelin »

Naila hat geschrieben:Es gibt aber richtig Gestörte! ...Was soll ich bloß machen?" Und was soll ich mit so jemand machen und warum überhaupt?!
Ja, die gibt es. Und sie wissen auch, dass sie schwach, anders und unfähig sind, die Normen so zu erfüllen, wie es erwartet wird. Sie wissen auch, dass sie im Allgemeinen "abgeschrieben" sind.
Woher soll dann noch das Motiv kommen, sich zu bessern?

Die Frage nach dem WARUM ist ja wohl nicht Dein Ernst!?

Wenn Du als Pädagogin helfen willst, musst Du Dir halt einen Punkt suchen, wo Du dem Jungen Sicherheit bietest, welche er nicht erwartet. Hilf ihm einfach mal aus der Klemme, wenn alle Welt auf ihm herumhackt, die anderen Kinder ihn nur verspotten etc.

Was Verzweiflung ist, weißt Du doch wohl selbst. Und wie man da herausgeholt werden kann, wirst Du dann wohl auch wissen.
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Re: Kindererziehung in Deutschland

Beitrag von Dave »

Naila hat geschrieben:Es gibt aber richtig Gestörte! ...
Mir fehlen die Worte... Jemand der mit Kindern arbeitet und sich öffentlich so respektlos verhält,
selbes aber von den anderen (Kindern) erwartet...

Nach dem was Du hier von Dir gibst, kannst Du doch nicht im Ernst erwarten, dass Dich jemand
(geschweige denn ein Kind) respektiert.

Dave
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