Kultgrieche hat geschrieben:Jetzt im Ernst - ich glaube, derzeit wabert in Russland eine gefährliche Mischung aus "My pobeditely" und Minderwertigkeitsgefühl.
Besonders Letzteres verhindert bei vielen eine klare Aufarbeitung der eigentlichen Lage in Russland. Auch wenn ich es vielleicht nicht so direkt als Minderwertigkeitsgefühl bezeichnen würde.
Für uns Deutsche war es nach dem 2. WK psychologisch recht einfach: Wir waren schuld, wir hatten verloren. Punkt. Wir böse - die Welt gut. Ein kompletter Neuanfang. Danach ging es richtig bergauf und wir (also unsere Eltern und Großeltern) haben danach viel mehr richtig gemacht als sie falsch gemacht haben. Die Demokratie wurde uns quasi aufgezwungen, aber dadurch, dass es bergauf ging, wurde die Demokratie als "das Richtige" akzeptiert (was sie ja natürlich auch ist).
In Russland war das anders. Dort gab es zwar vor 25 Jahren einen Schnitt, aber es wurde nie mit den Jahren davor abgeschlossen. Es wurde nie aufgearbeitet, was und warum da eigentlich schief gelaufen war. Warum das Land in einem derartigen Zustand war. Wer oder was war schlecht, was nicht. Mitten in diesem endgültigen Zusammenbruch sollte dann Demokratie eingeführt werden, was natürlich schwer war, vor allem weil es durch alte Strukturen und neu entstandene kriminelle Kräfte teilweise auch in die falsche Richtung gezerrt und ausgenutzt wurde. Wahrscheinlich wurde auch zu viel zu schnell demokratisiert, ohne das man die Spezialisten, geschweige denn die richtige Einstellung der Menschen dazu hatte. Das wurde dann unter Putin geändert, wobei diesem natürlich auch die steigenden Einnahmen von Öl und Gas geholfen haben, die Oligarchen unter Kontrolle zu bringen, da man sie dadurch füttern und von der weiteren extremen Ausbeutung des Rests des Landes abhalten konnte. Die Oligarchen wurde "sortiert" und die willfährigen konnten trotzdem fett und reich werden, ohne dem Volk direkt zu schaden.
Weil ein solches System aber ohne Korruption und Vetternwirtschaft nicht funktioniert, und man auch nicht bereit war, diesen Oligarchen-Selbstbedienungsladen Stück für Stück zu Gunsten der weiteren Demokratisierung zurückzufahren, rangierte man sich langsam aber sicher in eine Lage, in der man auf andere Art und Weise sicherstellen muss, das man an der macht bleibt. Dies bedeutet dann, dass die Demokratie sogar wieder zurückgefahren wird. Für die meisten Russen, die so und so keine Erfahrung mit Demokratie haben war das kaum zu bemerken (wie mit den Fröschen im Wasserkessel) und wurde von vielen im Westen auch durch die rosa Brille betrachtet oder ignoriert.
Aber zurück zu den "Minderwertigkeitsgefühlen" (die ich so nicht nennen will). Jetzt stellt sich heraus, dass dieser "russsiche Sonderweg" auf den man sich in den letzten 15 Jahren in Erwiderung von Kritik aus "dem Westen" immer wieder berufen hat, eben doch nicht funktioniert und doch nur eine Einbahnstraße in ein System Putin ist, welches Russland eben doch über kurz oder lang erneut ins Verderben oder zumindest einen erneuten Ruin führt.
Nachdem man froh war, dass man die 70 Jahre vorher einigermaßen abgeschlossen hatte und dabei irgendwie froh war, dass man gar nicht aufarbeiten musste, dass man selbst schuld war und man in diesen 70 Jahren mehr Fehler gemacht hatte als richtig, müsste man jetzt plötzlich eingestehen, dass man auch in den letzten 25 Jahren erneut selbst dafür gesorgt hat, dass Russland erneut am Abgrund steht. Dass auch diese 25 Jahre erneut verloren waren. Das man wieder davor steht, aufzuarbeiten und Fehler einzugestehen. Das man es nicht besser gemacht hat, als die Eltern und Großeltern.
Und das als Velikaya Russia? Als Atommacht?
Dann feiert man doch lieber den Tag des Sieges noch ein wenig größer und schließt die Augen und hofft, dass der Knall doch irgendwie ausbleibt.
Oder führt mal schnell einen Krieg im Bruderland Ukraine, weil man die Leute mit sowas prima hinter sich scharren und ablenken kann.