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Re: Nemzows Tod, ist das die Chance?

Verfasst: 04 Mär 2015, 11:52
von Wladimir30
Kultgrieche hat geschrieben: ich glaube, derzeit wabert in Russland eine gefährliche Mischung aus "My pobeditely" und Minderwertigkeitsgefühl.
Das ist ja das, was ich die ganze Zeit meine. Das ist historisch bedingt und kann sehr genau begründet werden. Es ist tatsächlich so. Und zwar schon seit langem. Das ist meist unter der Oberfläche, aber in solchen Situationen kommt es eben durch.

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 12:51
von Alex KA
Genau, das war ein Mensch der für USA arbeitete und helfen wollte Russland auszurauben, und womöglich in ein Bürgerkrieg zu stürzen.. Genau so wie in der Ukraine. Ich will selbst leben, und deswegen besser stirbt Nemzow als ich.. Natürlich ist es schlecht Menschen zu töten, aber jemand hatte das auf sich genommen.. Das er noch die Frechheit hatte irgendwas in Russland zu planen, Angesicht von Bildern aus der Ukraine.. Dafür hatte er mit seinem Leben bezahlt..

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 12:55
von Wladimir30
Sag mal, meinst Du wirklich alles im Ernst?????????????????? Nee, oder?

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 13:11
von inorcist
Mir kommt es gerade so vor, dass es vielen Russen so langsam dämmert, was gerade passiert, und sie befinden sich jetzt in einer Art Schockstarre. Man will's nicht wirklich wahrhaben und flüchtet sich deshalb in die abstrusesten Ausreden.

Wenn man das mal nüchtern betrachtet, hat Russland innerhalb von einem Jahr Währungsreserven in der Höhe von 130 Mrd $ verbraten, sein BIP um 5% reduziert (auch etwa 100 Mrd $) und musste gleichzeitig die Sozialabgaben erhöhen und Sozialleistungen und Projekte runterfahren. Das dürfte auch nochmal in der Grössenordnung von 100 Mrd$ sein. Ob jetzt die paar Quadratkilometer Felsbrocken das wert waren, sei mal dahingestellt.

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 13:20
von Alex KA
Es geht hier nicht um Felsbrocken, sondern um unsere Souveränität.. Und für diese soziale ausgaben und Reserven die Russland überhaupt hatte verdanken wir sicherlich nicht ihnen

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 13:21
von Wladimir30
inorcist hat geschrieben:Mir kommt es gerade so vor, dass es vielen Russen so langsam dämmert, was gerade passiert, und sie befinden sich jetzt in einer Art Schockstarre. Man will's nicht wirklich wahrhaben und flüchtet sich deshalb in die abstrusesten Ausreden.
Das betrifft wohl diejenigen, die das konkret wissen. Wer aber weiss das denn schon?
inorcist hat geschrieben:Ob jetzt die paar Quadratkilometer Felsbrocken das wert waren, sei mal dahingestellt.
Das ist eben die Mentalität, die völlig andere Prioritäten setzt.

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 14:05
von Dietrich
lausi hat geschrieben:Nur mal als Hinweis, dass es auch in Deutschland ums Ganze geht, wenn Du es Dir mit der Nomenklatura verscherzt und deren Kreise störst:
Der Neonaziaussteiger Florian Heilig wollte mit Ermittlern über den NSU sprechen. Am Tag der geplanten Aussage starb er in einem brennenden Auto
http://www.jungewelt.de/2015/03-04/023.php
Bezeichnest du jetzt schon die Neonazis als "Nomenklatura" oder wie muss ich die logischen Zusammenhänge in deinem Beitrag deuten?
Oder wer hat ihn deiner Meinung nach umgebracht?

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 14:23
von Bluewolf
Es tut wirklich weh wenn man sieht, das Gestalten wie Alex tatsächlich noch in der Mehrheit sind.
Zu stolz um einzusehen das Russland ohne Verbindung zum Rest der Welt einfach nicht erfolgreich sein kann und dafür auch kompromissbereit sein muss.
Wie ein kleines Kind dem die Mama im Laden keinen Lutscher gekauft hat und das jetzt auf dem Rücken liegt und schreit "Will aber".
Keiner mag mich, keiner will mir helfen, immer sind nur die anderen böse usw.
Irgendwann sind wieder Menschen mit Gehirn und Verantwortung an der Macht. Dann darfst Du Dich mit die Flasche in der Hand in den Park setzen und darüber sinnieren wie toll es doch gewesen wäre wenn man rechtzeitig das Gehirn eingeschaltet hätte. Wie viele Deiner Artgenossen Ende der 80er, aber Hauptsache ein oder zwei Jahre später neidisch auf den Nachbarn mit seinem Cayenne sein.
Das ist euer Hauptproblem: Ihr wollt alles haben aber nichts dafür tun. Diese Zeiten, in denen man auf der faulen Haut liegen konnte weil der Kollege eben für einen mitgearbeitet hat sind aber nun mal in der Hauptsache vorbei. Aber selber den Arsch hochkriegen ist halt schwer ohne Motivation. Da macht man lieber jeden Anderen für die eigene Sch*** verantwortlich ...

Und die Leute mit Ideen und Hirn treibt man systematisch aus dem Land und wenn man dem Klassenfeind die Hand reicht, wird man eben entsorgt. Muss man sich schon nicht mit Lösungsansätzen beschäftigen.

Re: Nemzow ist tot

Verfasst: 04 Mär 2015, 14:33
von klaupe
Wladimir30 hat geschrieben:
inorcist hat geschrieben:.... Man will's nicht wirklich wahrhaben und flüchtet sich deshalb in die abstrusesten Ausreden.
Das betrifft wohl diejenigen, die das konkret wissen. Wer aber weiss das denn schon?
Ich glaube schon, dass es sehr viele sind. An den Realitäten des Alltagslebens kommt man ja nicht vorbei. Das sind die steigenden Preise, das reduzierte Angebot an Importwaren, der Verzicht auf Auslandsurlaub oder das neue Auto, das Bewusstsein, besser nicht alles auszuplaudern, was man denkt usw.
Natürlich bieten die Medien dazu passende Erklärungen und Ausreden an, die man als Fluchtweg wahrnimmt, um sich der Realität zu entziehen.

Die Stimmen, die die Ursachen der Misere im Inland suchen, leben gefährlich. Einfacher ist es, da den bösen Feind, die NATO, USA, EU, Obama, Merkel , Sanktionierer usw. als Schuldige zu präsentieren. Alex KA, immer gut fur einen dummen Spruch, schreibt da von 'Souveränität' ohne überhaupt zu wissen, was das ist. Als wenn Souveränität ein Wert ist, der von Außen bestimmt wird, als wenn das Ausland dem russischen Volk die Souveränität nehmen könnte.
Souveränität ist primär die eigene geistige Überlegenheit, die die Unabhängigkeit von Außenstehenden garantiert. Wer nur nach Schuldigen im Ausland sucht, um die dann für alles verantwortlich zu machen, der hat schon die Autonomie und Souveränität total aufgegeben und sich selbst zum Abhängigen degradiert. Diese Erscheinung nennt man Heteronomie und die wird offensichtlich in Russland intensiv gepflegt.
Wladimir30 hat geschrieben:
inorcist hat geschrieben:Ob jetzt die paar Quadratkilometer Felsbrocken das wert waren, sei mal dahingestellt.
Das ist eben die Mentalität, die völlig andere Prioritäten setzt.
Der Stolz der Ukrainer wurde verletzt und Russland feiert mit Stolz die Eroberung.
Für diese zweifelhafte Trophäe wird ein enormer Preis bezahlt, nicht nur im internationalen Ansehen, sondern es wird die Staatskasse weiterhin enorm belasten. Dem Volk wird Sand in die Augen gestreut und hartnäckig verschwiegen, was es jedem Steuerzahler kostet. Zu den direkten Kosten kommen dann noch Folgekosten, z.B. durch Sanktionen und deren Auswirkungen.
Tatsächlich, bei genauer Betrachtung sind es wirklich überwiegend nur Felsbrocken, zwischen denen man vereinzelt ein paar Edelsteine findet. Ob sich das lohnt?

Re: Nemzows Tod, ist das die Chance?

Verfasst: 04 Mär 2015, 14:35
von Dietrich
Kultgrieche hat geschrieben:Jetzt im Ernst - ich glaube, derzeit wabert in Russland eine gefährliche Mischung aus "My pobeditely" und Minderwertigkeitsgefühl.
Besonders Letzteres verhindert bei vielen eine klare Aufarbeitung der eigentlichen Lage in Russland. Auch wenn ich es vielleicht nicht so direkt als Minderwertigkeitsgefühl bezeichnen würde.
Für uns Deutsche war es nach dem 2. WK psychologisch recht einfach: Wir waren schuld, wir hatten verloren. Punkt. Wir böse - die Welt gut. Ein kompletter Neuanfang. Danach ging es richtig bergauf und wir (also unsere Eltern und Großeltern) haben danach viel mehr richtig gemacht als sie falsch gemacht haben. Die Demokratie wurde uns quasi aufgezwungen, aber dadurch, dass es bergauf ging, wurde die Demokratie als "das Richtige" akzeptiert (was sie ja natürlich auch ist).
In Russland war das anders. Dort gab es zwar vor 25 Jahren einen Schnitt, aber es wurde nie mit den Jahren davor abgeschlossen. Es wurde nie aufgearbeitet, was und warum da eigentlich schief gelaufen war. Warum das Land in einem derartigen Zustand war. Wer oder was war schlecht, was nicht. Mitten in diesem endgültigen Zusammenbruch sollte dann Demokratie eingeführt werden, was natürlich schwer war, vor allem weil es durch alte Strukturen und neu entstandene kriminelle Kräfte teilweise auch in die falsche Richtung gezerrt und ausgenutzt wurde. Wahrscheinlich wurde auch zu viel zu schnell demokratisiert, ohne das man die Spezialisten, geschweige denn die richtige Einstellung der Menschen dazu hatte. Das wurde dann unter Putin geändert, wobei diesem natürlich auch die steigenden Einnahmen von Öl und Gas geholfen haben, die Oligarchen unter Kontrolle zu bringen, da man sie dadurch füttern und von der weiteren extremen Ausbeutung des Rests des Landes abhalten konnte. Die Oligarchen wurde "sortiert" und die willfährigen konnten trotzdem fett und reich werden, ohne dem Volk direkt zu schaden.
Weil ein solches System aber ohne Korruption und Vetternwirtschaft nicht funktioniert, und man auch nicht bereit war, diesen Oligarchen-Selbstbedienungsladen Stück für Stück zu Gunsten der weiteren Demokratisierung zurückzufahren, rangierte man sich langsam aber sicher in eine Lage, in der man auf andere Art und Weise sicherstellen muss, das man an der macht bleibt. Dies bedeutet dann, dass die Demokratie sogar wieder zurückgefahren wird. Für die meisten Russen, die so und so keine Erfahrung mit Demokratie haben war das kaum zu bemerken (wie mit den Fröschen im Wasserkessel) und wurde von vielen im Westen auch durch die rosa Brille betrachtet oder ignoriert.

Aber zurück zu den "Minderwertigkeitsgefühlen" (die ich so nicht nennen will). Jetzt stellt sich heraus, dass dieser "russsiche Sonderweg" auf den man sich in den letzten 15 Jahren in Erwiderung von Kritik aus "dem Westen" immer wieder berufen hat, eben doch nicht funktioniert und doch nur eine Einbahnstraße in ein System Putin ist, welches Russland eben doch über kurz oder lang erneut ins Verderben oder zumindest einen erneuten Ruin führt.

Nachdem man froh war, dass man die 70 Jahre vorher einigermaßen abgeschlossen hatte und dabei irgendwie froh war, dass man gar nicht aufarbeiten musste, dass man selbst schuld war und man in diesen 70 Jahren mehr Fehler gemacht hatte als richtig, müsste man jetzt plötzlich eingestehen, dass man auch in den letzten 25 Jahren erneut selbst dafür gesorgt hat, dass Russland erneut am Abgrund steht. Dass auch diese 25 Jahre erneut verloren waren. Das man wieder davor steht, aufzuarbeiten und Fehler einzugestehen. Das man es nicht besser gemacht hat, als die Eltern und Großeltern.
Und das als Velikaya Russia? Als Atommacht?

Dann feiert man doch lieber den Tag des Sieges noch ein wenig größer und schließt die Augen und hofft, dass der Knall doch irgendwie ausbleibt.
Oder führt mal schnell einen Krieg im Bruderland Ukraine, weil man die Leute mit sowas prima hinter sich scharren und ablenken kann.