ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Das Politische Forum ist nur für "Debattanten" und Gäste sichtbar. Wer mitdiskutieren möchte, der muss sich der Gruppe der Debattanten anschließen. Eine Mitgliedschaft kann per PN an die Administratoren beantragt werden.
Benutzeravatar
Norbert
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 14555
Registriert: 30 Jun 2006, 11:25
Wohnort: Nowosibirsk, Dresden
Kontaktdaten:

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Norbert »

inorcist hat geschrieben:Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich wohl nach Russland gezogen bin, nachdem du wieder nach Deutschland zurückgekehrt bist, aber ich hatte bisher nur ganz selten den Eindruck, dass sich die Bevölkerung hier vom TV in irgendeiner Weise beeindrucken lässt. Ganz im Gegenteil, fast jeder hat seine eigene Geschichte parat, wie in den Nachrichten irgendwas verdreht wurde. Und den Eindruck gewinne ich überall in Russland. Nicht nur in Moskau, sondern auch in Irkutsk, Borisoglebsk oder Astrakhan.
Inorcist, ich bin weitestgehend Deiner Meinung, habe aber doch zwei Gegenbeispiele:

(1) Ich habe nun 1 Jahr im Dorf gelebt. Dort wird - im Gegensatz zur städtischen Bevölkerung - an diese Inszenierungen geglaubt. Die jährliche Fragerunde an Putin wird dort mit vollem Ernst geschaut und ist am nächsten Tag Dorfgespräch. Die ländliche Bevölkerung nimmt zwar ab, macht aber doch noch knapp die Hälfte der Einwohner aus. Und wenn man Kleinstädte dazu zählt, dann über die Hälfte. Und wenn man auch noch die prekären Vororte der Städte dazu zählt, die wir als Ausländer allenfalls aus dem Bus- oder Autofenster sehen, so drei Viertel.

(2) Meine Verwandtschaft, eher hochgebildet, ist felsenfest überzeugt, das Saakaschwili geistig gestört ist, weil er seine Krawatte isst. Diese eine Aufnahme von ihm, als er während des Südossetienkrieges nervös an seinem Schlips rumgeknabbert hat, wurde im russischen Fernsehen hoch- und runtergespult. Selbst mein Argument, dass Putin dafür im deutschen Fernsehen durch gekonnte Schnitte eines Interviews als Kriegstreiber dargestellt wurde, konnten meine Verwandten nicht davon überzeugen, dass Bilder gewusst zur Manipulation von Meinungen eingesetzt werden können.
kamensky
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 3772
Registriert: 13 Apr 2009, 07:52
Wohnort: 620100 Ekaterinburg / CH-8200 Schaffhausen

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von kamensky »

Norbert hat geschrieben:
inorcist hat geschrieben:Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich wohl nach Russland gezogen bin, nachdem du wieder nach Deutschland zurückgekehrt bist, aber ich hatte bisher nur ganz selten den Eindruck, dass sich die Bevölkerung hier vom TV in irgendeiner Weise beeindrucken lässt. Ganz im Gegenteil, fast jeder hat seine eigene Geschichte parat, wie in den Nachrichten irgendwas verdreht wurde. Und den Eindruck gewinne ich überall in Russland. Nicht nur in Moskau, sondern auch in Irkutsk, Borisoglebsk oder Astrakhan.
Inorcist, ich bin weitestgehend Deiner Meinung, habe aber doch zwei Gegenbeispiele:

(1) Ich habe nun 1 Jahr im Dorf gelebt. Dort wird - im Gegensatz zur städtischen Bevölkerung - an diese Inszenierungen geglaubt. Die jährliche Fragerunde an Putin wird dort mit vollem Ernst geschaut und ist am nächsten Tag Dorfgespräch. Die ländliche Bevölkerung nimmt zwar ab, macht aber doch noch knapp die Hälfte der Einwohner aus. Und wenn man Kleinstädte dazu zählt, dann über die Hälfte. Und wenn man auch noch die prekären Vororte der Städte dazu zählt, die wir als Ausländer allenfalls aus dem Bus- oder Autofenster sehen, so drei Viertel.

(2) Meine Verwandtschaft, eher hochgebildet, ist felsenfest überzeugt, das Saakaschwili geistig gestört ist, weil er seine Krawatte isst. Diese eine Aufnahme von ihm, als er während des Südossetienkrieges nervös an seinem Schlips rumgeknabbert hat, wurde im russischen Fernsehen hoch- und runtergespult. Selbst mein Argument, dass Putin dafür im deutschen Fernsehen durch gekonnte Schnitte eines Interviews als Kriegstreiber dargestellt wurde, konnten meine Verwandten nicht davon überzeugen, dass Bilder gewusst zur Manipulation von Meinungen eingesetzt werden können.
Zu Punkt 1. Sie @Norbert bringen es Exakt auf den Punkt und dies ist mitunter auch ein Faktor, weshalb der diktatorische Zar noch am Ruder ist und immer wieder gewählt wird. Ich nenne das eine Art von Kettenreaktion. Ältere Generation siehts im TV > beeinflusst teilweise noch die mittlere (unschlüssige) Generation > und diese 2 wiederum (versuchen) zumindest noch die > junge Generation so zu beeiflussen, dass von dieser ein Teil auf die Seite der ersten zwei Generationen fallen. Eine wirklich freie Meinungsbildung sieht jedoch in vielen westlich demokratischen Staaten anders aus. Zudem feht sehr vielen die Interesse am politischen Geschehen und wie Sie unter Punkt 2 erwähnten ein gewisses technisches Verständnis für gar offensichtliche Manipulationen von Nachrichten und deren Bilder.
ATTN @all: Ich bin weder der Verfasser noch ein Redaktionsmitarbeiter von der/den vorstehenden Verlinkung/en.
Benutzeravatar
Axel Henrich
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 5782
Registriert: 16 Aug 2004, 20:38
Wohnort: Gera - Thueringen / Rasskasowo - Tambowski Oblast

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Axel Henrich »

Norbert hat geschrieben:Das lustige ist ja, dass Putin diese Inszenierung mit den Abnickzwergen nicht selbst merkwürdig vorkommt.
Da waere ich mir gar nicht so sicher ...
Es ist halt vor allem mal ein anderer Kulturkreis, was man ja am gesamten Fernsehprogramm sehen kann. Viele Shows und Programme haetten inhaltlich und techn. in der deutschen Fernsehlandschaft kaum eine Chance.

Der Sinn von diesem "scripted TV", wo ausserhalb des eigentlichen Gespraeches/Raportes nochmal Banalitaeten fuers TV ausgetauscht werden, bleibt mir allerdings auch verschlossen. Es wirkt fuer unser westl. Verstaendniss wirklich albern. :roll:

Uebrigens bekomme ich auch immer ein deja vu, wenn ich den MDR einschalte ... einfach schon der Ton (techn. gesehen) ist ein anderer, auch sprachlich ein riesen Unterschied, das klingt immer so steif, gestelzt, der Ausdruch so gekuenzelt ... ich kann das gar nicht richtig beschreiben, ich hoere/sehe da sofort DDR-TV ...

-ah-
Berlino10
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 2942
Registriert: 16 Feb 2013, 01:23
Wohnort: Berlin / Wolgograd

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Berlino10 »

Mir gefällt beides nicht, weder die fehlende Unabhängigkeit der Medien, fehlende Pressefreiheit in RUS noch die einseitige Berichterstattung der deutschen Medien.

In RUS halte ich die Zustände für schlimmer bis absolut undemokratisch. Und dadurch auch noch gravierender, dass die Gewaltenteilung in den anderen 3 Bereichen ohnehin schon dauernd ausgehebelt ist.
Aber ich bin dort Gast.

DEU ist aber mein Land und ich habe hier Ansprüche, deshalb äussere ich hier auch offen Kritik und stelle fest, dass in DEU Pressefreiheit nur noch sehr bedingt funktioniert.
Bei internationalen Themen bekommen wir eine gefilterte und verfälschte Berichterstattung, die uns bewusst Informationen vorenthält und die übrigen einseitig einfärbt.
Sogar der SPIEGEL wird etwa in der Syrien-Frage zum Kriegstreiber. Kritische Stimmen muss man schon suchen.
Bei sozialen oder Wirtschaftsthemen werden die herrschenden Systematiken ausgeblendet, die zu undemokratischen und volksfeindlichen Umverteilungen ähnlich wie in RUS der 90er führen.
Wer in DEU kennt die kriminellen Machenschaften aller Groß-Banken oder etwa die der Big4 der Steuerberatergesellschaften?
Wer weiß um die Verbrechen der Hochfinanz, um die Milliardenstrafen der Banken und der Big4, die sich schuldig gemacht haben,
Verstöße gegen Handels-Boykotte, Libor-Manipulationen, Beihilfe zur Steuerflucht, Geldwäsche für Drogenbarone, Waffenhändler, Terrorfinanziers?

In DEU ist die Presse gekauft, nicht mehr unabhängig, in RUS gekauft und staatlich zumindest das TV unter Kontrolle.
Freie Meinungsbildung ist nur noch sehr erschwert möglich.
Benutzeravatar
inorcist
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1334
Registriert: 05 Dez 2010, 13:45
Wohnort: Lux, davor Moskau

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von inorcist »

Man muss ja nur mal deutsche und schweizer Nachrichten miteinander vergleichen, um zu sehen wie unterschiedlich dieselben Sachverhalte dargestellt werden können. Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich selbst belanglose Themen wie "Koalabäraufzuchtstationen in Australien" dargestellt werden. In Deutschland steht bei solchen Themen der Umweltschutz deutlich im Vordergrund, in der Schweiz die biologisch / genetischen Vorraussetzungen, wobei jeweils der andere Aspekt ausgeblendet wird.

Von der Utopie-Vorstellung, dass es eine neutrale Presse gibt, bin ich schon lange geheilt. Ich lese einfach Nachrichten aus drei verschiedenen Ländern und versuche, irgendwie die Mitte zu finden.
Jochen
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 913
Registriert: 13 Apr 2011, 16:28

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Jochen »

Schweizer mag ich nicht! Die sprechen das falsche Deutsch und drängeln auf unseren Autobahnen!
Plenken ist eine seltsame Sache . Es machen seltsame Leute , die große Angst haben , dass ihre Satzzeichen übersehen werden oder stolz darauf sind , überhaupt welche zu verwenden . Daher trennen sie dieses stets mit einem Leerzeichen vom Wort .
Jochen
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 913
Registriert: 13 Apr 2011, 16:28

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Jochen »

Axel Henrich hat geschrieben:
Uebrigens bekomme ich auch immer ein deja vu, wenn ich den MDR einschalte ...
Letztens habe ich die Sendung "Biwak" auf MDR gesehen. Vom Konzept her super: irgendwo rumkraxeln, zelten, Jack Wolfskin-Kutte in die Kamera halten und 30min Bericht. Doch nach spätestens 10min. fremdschämen kam bei mir das Gefühl auf, gleich kommen Honnecker/ Krenz/ Mielke ins Bild und berichten über ihre letzten Jagderlebnisse in der Schorfheide! :lol:
Plenken ist eine seltsame Sache . Es machen seltsame Leute , die große Angst haben , dass ihre Satzzeichen übersehen werden oder stolz darauf sind , überhaupt welche zu verwenden . Daher trennen sie dieses stets mit einem Leerzeichen vom Wort .
Benutzeravatar
Norbert
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 14555
Registriert: 30 Jun 2006, 11:25
Wohnort: Nowosibirsk, Dresden
Kontaktdaten:

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Norbert »

Jochen hat geschrieben:
Axel Henrich hat geschrieben:
Uebrigens bekomme ich auch immer ein deja vu, wenn ich den MDR einschalte ...
Letztens habe ich die Sendung "Biwak" auf MDR gesehen. Vom Konzept her super: irgendwo rumkraxeln, zelten, Jack Wolfskin-Kutte in die Kamera halten und 30min Bericht. Doch nach spätestens 10min. fremdschämen kam bei mir das Gefühl auf, gleich kommen Honnecker/ Krenz/ Mielke ins Bild und berichten über ihre letzten Jagderlebnisse in der Schorfheide! :lol:
Das war mal eine richtig gute Sendung, aber der Moderator hatte seine Stasi-Kontakte geheim gehalten. Er hat darüber sogar ein Buch geschrieben, wie er sich da jahrelang selbst belogen hat ... spannend zu lesen ... aber das ist nun wirklich off-topic.
Benutzeravatar
Tuersteher Ivan
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 302
Registriert: 17 Feb 2012, 01:20
Wohnort: Moskvabad

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Tuersteher Ivan »

Jeder der sich fuer Politik interessiert, kann in Russland frei und ohne jegliche Probleme jede Information rausholen.

ROG hat schon laengst Realitaet verloren.
Benutzeravatar
Norbert
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 14555
Registriert: 30 Jun 2006, 11:25
Wohnort: Nowosibirsk, Dresden
Kontaktdaten:

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt

Beitrag von Norbert »

Ivan, das wissen wir. Die Frage ist doch, warum jene, die es nicht aktiv verfolgen wollen, bewusst einseitig informiert werden. Das, und nur das, kritisiert ROG. (Es wird explizit erwähnt, dass die Print-Presse frei und nahezu uneingeschränkt berichtet.)

Wobei es natürlich auch in Deutschland so ist, dass die taz als linke Tageszeitung keine rechten Texte veröffentlichen wird. Fox-News in Amerika wird sicher auch keine ausgewogenen Reportagen über Obamas Gesundheitsreform bringen. Der Hausherr bestimmt nun mal, was sein Kanal so bringt. Und da in Russland alle Kanäle direkt oder indirekt dem Kreml unterstehen, bestimmt halt der Kreml. Das ist an sich normal, aber in dieser Monopol-Form keinesfalls gut für die Weiterentwicklung und Modernisierung der Gesellschaft.
Antworten

Zurück zu „Politisches Forum“