Ukraine
Blau gegen Orange
"Da kann einem Himmelangst werden", so die Einschätzung eines Ukraineexperte über die Lage in dem Land zwischen Russland und Polen. Demonstranten mit blauen Tüchern beherrschen die Straßen. Blau steht für moskaunah und autoritär, Orange für Demokratie und Westorientierung.
Ein Meer in Orange: Der Maidan, der Hauptplatz in Kiew, November 2004. Der Maidan 2007: das Imperium schlägt zurück, Gegenrevolution nennen sie das hier. Gemischte Gefühle: Dass dieser Mann sich heute überhaupt auf die Strasse traut, zeugt von Zivilcourage. Denn: Mikola Berisin war im Winter 2004 eine Schlüsselfigur der orangen Revolution. Ein Erinnerungsfoto mit dem mutigen Fernsehjournalisten war damals ein Muss, damals. Berisins Sendung war die erste, die keine staatliche Propaganda verbreitete, sie machte seinen kleinen fünften Kanal über Nacht zum Marktführer, wer hier arbeitete, war für Orange, war für Juschenko.
2004 übertrug sein Kanal täglich live vom Maidan, zu der Zeit, als die Orangenen noch zusammen auf den Barrikaden standen. Revolutionsführer Juschenko ist mittlerweile ukrainischer Präsident, jetzt aber hat er im eigenen Lager eine Rivalin: die ehemalige Mitkämpferin Julia Timoschenko gründete eine eigene Partei. Auch die orangenen Unterstützer zerstritten sich, die Revolutionäre traten getrennt zu den letzten Parlamentswahlen an, bekamen keine Mehrheit zustande.
Mikola muss sich in der neuen Zeit erst einmal zurechtfinden: Nicht nur, dass auf einmal die Blauen jetzt eine Bühne auf dem Maidan haben, zusammen mit den Ewiggestrigen, den roten Sozialisten, stellen sie sogar die Regierung. Mikolas einstiges Idol, der Präsident, wackelt, die Revolution scheint weit weg. "Damals gab es nur eine Wahrheit und die hat sich durchgesetzt. Jetzt haben wir Demokratie, das heißt, viele Teilwahrheiten. Wer steht hier? Leute, die das Land wieder Richtung Russland ausrichten wollen, bitteschön: Mein Fernsehsender lässt sie zu Wort kommen, wir haben Meinungsfreiheit, dafür haben wir gekämpft. Und was sagen diese Leute? 'Nun, die oben wollen, dass wir demonstrieren.' Wenige haben selbst darüber nachgedacht, warum sie hier sind!"
Seine Fernsehkollegen arbeiten wieder rund um die Uhr, ihre Sympathien gehören Orange, ihre Sendezeit den rot-blauen Demonstrationen. Und sie berichten wohl über Anhänger der Gegenseite, die sagen können, warum sie hier sind: "Unter der Revolutionsregierung ging es doch drunter und drüber. Die Ukraine soll stabil werden, ich bin für Viktor Janukowitsch, seit der regiert, gehts voran". Und dann schaltet der Sender um zum Regierungschef: Es ist: Viktor Janukowitsch, 2004 aus dem Amt gefegt. Die Verlierer der Revolution wieder an der Macht. Seit kurzem hat der hölzerne Russland-Freund eine bequeme Mehrheit im Parlament. Er hier habe Überläufer bestochen, sagen die Orangenen und fordern Neuwahlen. "Das", meint Janukowitsch, "liebe Freunde, lassen wir nicht zu." Seine Anhänger auf der Strasse hat er vom platten Land zusammengeholt. Sie hier wissen vor allem, was sie nicht wollen: Jetzt Nein zu Neuwahlen, nein zu den zerstrittenen Revolutionären, Nein zum Westen, Nein zu Nato und EU.
Mikola hält die Demonstranten für reaktionär, zum Teil für gekauft, trotzdem guckt er sich neugierig ihre Zeltstadt an, die Russlandfreunde haben auch auf dem Dnjepr-Hügel 1:1 die orange Revolution kopiert. "Ein komisches Gefühl für mich. Ich bin davon überzeugt, dass dies hier inszeniert ist. Trotzdem sage ich nicht, dass die Leute hier unrecht haben, nein. Orange und Blaue, beide werden im Moment von Politikern der alten Generation angeführt und manipuliert. Die Politiker denken alle taktisch, wie in der Sowjetunion. Keine Seite hat ein Gefühl dafür, was die Leute im Land wirklich denken."
Schon 2004 war Mikola dafür berühmt, dass er die Stimmung genau kannte, ein Fernsehmoderator mit Plastiktüten, er brachte den orangen Demonstranten in den Zelten Lebensmittel. Heute gibts die Teestunde eben im Zelt der Blauen, mitten zwischen Studenten aus dem Russland-freundlichen Osten des Landes. Mikola liebt so etwas: er kann sich vieles vorstellen, aber nicht, dass Meinungs- und Redefreiheit jemals wieder aus der Ukraine verschwinden.
"Viktor Janukowitsch, unser Führer, hat aufgerufen und wir haben doch auch ein Recht darauf, zu demonstrieren. Wir wollen nicht nur nach Westen wie die Orangen, wir wollen auch die Beziehungen mit Russland behalten, wir wollen keine Spaltung, wir wollen eine einheitliche Ukraine."
"Ich sage doch immer, dass die Leute wissen, worum es geht. Ihr habt ja Recht. Aber lauft nicht diesen Politikern hinterher. Mit der Revolution sind wir alle selbständig geworden, groß und erwachsen, niemand braucht diese Politiker aus der UdSSR."
Und dann: Ein Bild fast wie 2004: Nur wollen jetzt die blauen Demonstranten ein Foto mit dem orangenen Journalisten. Fotogucken und dann zurück zur Demo. Vielleicht ist es ja wirklich so: Wenn sie miteinander sprächen, würden die Ukrainer unter sich in 3 Tagen einen Kompromiss finden. Ihre Politiker brauchen möglicherweise noch Jahre.
Autor: Stephan Stuchlik / ARD Moskau


