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Verfasst: 09 Jun 2007, 02:41
von Naumova
manuchka hat geschrieben:Mich würde auch interessieren, wie jemand, der aus der UdSSR bzw. Russland kommt und lange im Ausland lebt, sein Herkunftsland und dessen Wandel sieht.
Danke, Manu, für dein Interesse. Doch fällt mir im Moment nicht viel Erfreuliches in diesem Wandel ein, das liegt auch sicher an mir, ich jammere zu viel der schönen Momenten in der Vergangenheit nach und verpasse vielleicht dieselben in der Gegenwart.

Das allerwichtigste, was mich traurig stimmt, ist, dass in diesem Wandel russische Menschen sooo misstraurisch geworden sind, dass mir der unsichtbare Faden, den man oft zu seinen Landsleuten verspürt, irgendwie verloren geht.

Das war für mich früher einer der auffälligsten Mentalitätsunterschieden, den ich zwischen unsren Völkern bemerkte: man musste sich in Deutschland erstmal richtig beweisen, bevor man in einem neuen Umfeld aufgenommen wird - viel mehr als in Russland, dort schliesste man dich viel schneller ins Herz, wenn man Sympathie empfand.

Ich spreche nicht nur von meinen eigenen Erfahrungen als Ausländerin, sondern viel mehr aus Beobachtungen von zwischenmenschlichen Beziehungen Anderer.

Verfasst: 09 Jun 2007, 06:55
von Zejtnot
Selbst ich bemerke inzwischen einige Änderungen in Russland mit Wehmut. Und ich bin erst seit 2002 ständig hier. Wenn ich mir Fotos aus Weliki Nowgorod oder Pskow im Januar 2003 anschaue - gemütliche, verpennte kleine Städte. Und wenn ich das heute mit den geleckten Glanzfasaden, die in Sibirien aus dem Boden schießen, vergleiche, stimmt es mich etwas traurig. Die russische Seele geht im kommerziellen Glanz unter.

Studenten sitzen nicht mehr im Wohnheim und kratzen die letzten Kopeken für Гречка zusammen, sondern haben einen Nebenjob und gehen konsumieren.

Ist aber ein natürlicher Lauf der Dinge - nachtrauern bringt nix. Stattdessen lieber Freuen, dass man damals auch dabei war!

Verfasst: 09 Jun 2007, 09:02
von 7punkt
Zejtnot_ hat geschrieben:....Studenten sitzen nicht mehr im Wohnheim und kratzen die letzten Kopeken für Гречка zusammen, sondern haben einen Nebenjob und gehen konsumieren.
Ist aber gut so oder, Zejtnot? Die "konsumieren" dann unter allem auch Buecher, die man fuers Studium braucht und die man frueher nicht kaufen konnte, weil die 1. ein grosses Defizit waren und 2. weil man kein Geld dafuer hatte.. jetzt haben die auch mehr Moegichkeiten zum Reisen, was sehr wichtig in dem Alter ist :wink: Also ich finde die Aenderungen zum Besten und hab keine Nostalgie, was die Zeit angeht (mit dem Alter kann es aber noch kommen :D )

Gruss,
7punkt

Verfasst: 09 Jun 2007, 12:57
von Zejtnot
7punkt hat geschrieben:
Zejtnot_ hat geschrieben:....Studenten sitzen nicht mehr im Wohnheim und kratzen die letzten Kopeken für Гречка zusammen, sondern haben einen Nebenjob und gehen konsumieren.
Ist aber gut so oder, Zejtnot? ...
Ich gebe Dir Recht. Aber es hatte auch was schönes, mit viel Spaß entspannt im Wohnheim Гречка zu essen. Nun treffen sich alle gestresst abends nach dem Nebenjob im Fastfood-Tempel.

Reisen und vernünftige Literatur sind natürlich der große Vorteil.

Verfasst: 09 Jun 2007, 13:27
von 7punkt
Zejtnot_ hat geschrieben:....Aber es hatte auch was schönes, mit viel Spaß entspannt im Wohnheim Гречка zu essen...
Mir ist das Gefuehl net bekannt: hab die ganzen Studiumjahre nebengejobt 8) Гречка mag ich aber sehr :D

Verfasst: 09 Jun 2007, 13:32
von manuchka
Und ich mag гречку üüüberhaupt nicht. Schon der Geruch - nee, also... nee...

Verfasst: 09 Jun 2007, 13:40
von 7punkt
Gekocht und Wuerstchen noch dazu *sabber Iss lecker!!! Bild

Verfasst: 09 Jun 2007, 13:50
von manuchka
Nee, also Gretchka is nich so mein Ding. Ich mochte eigentlich auch Pelmeni nie so, weil man mir sagte, die hausgemachten seien die leckersten, aber die von meiner Gastmutter schmeckten schauerlich (obwohl sie sonst echt gut kochte). Da dachte ich, die gekauften müssen ja dann ganz übel sein.

Aber dann war ich im Jahr 2000 mal bei Studenten im Wohnheim, und da hockten in einer winzigen Bude so an die 15 Leute, es kreiste eine Flasche und ein großer Teller mit Pelmenis, die jemand aus dem nahegelegenen Kiosk geholt hatte - alle aßen vom gleichen Teller, es gab nur 2 Gabeln, aber das war die zweitbeste Pelmeni-Mahlzeit, die ich je hatte. Schmeckte sogar ohne Ketchup und Mayo. Die besten Pelmeni gab es bei Freunden zu Hause in kleinerer Runde, und da waren sie gebraten und mit Mayo, die ich früher auch nicht mochte - ein Gedicht!

Ich sehne mich übrigens total danach, mal wieder nach Krasnojarsk zu fahren und zu gucken, was sich da alles verändert hat. Ich war das letzte Mal 2001 im Frühling dort und habe damals, nach nur 7 Monaten Abwesenheit, schon Veränderungen (damals zum Positiven) bemerkt. Hoffentlich komme ich da nun irgendwann bald noch mal hin...

Verfasst: 09 Jun 2007, 15:24
von Naumova
Zejtnot_ hat geschrieben:Selbst ich bemerke inzwischen einige Änderungen in Russland mit Wehmut. Und ich bin erst seit 2002 ständig hier. Wenn ich mir Fotos aus Weliki Nowgorod oder Pskow im Januar 2003 anschaue - gemütliche, verpennte kleine Städte. Und wenn ich das heute mit den geleckten Glanzfasaden, die in Sibirien aus dem Boden schießen, vergleiche, stimmt es mich etwas traurig. Die russische Seele geht im kommerziellen Glanz unter.

Studenten sitzen nicht mehr im Wohnheim und kratzen die letzten Kopeken für Гречка zusammen, sondern haben einen Nebenjob und gehen konsumieren.

Ist aber ein natürlicher Lauf der Dinge - nachtrauern bringt nix. Stattdessen lieber Freuen, dass man damals auch dabei war!

Zejtnot! Du hast hier bestens erfasst!
Genau diesen Zeitgeist werden wir niemehr wieder erleben können. Und dieses "nie wieder" schmerzt mir am unerträglichsten. Da würde ich doch lieber wünschen, ich wäre nie dabei gewesen!
:cry:

manuchka,
von Krasnojarsk habe ich eine eigene Anekdote.
Bei der Zwischenlandung dort im Flughafen stellte ich fest, wie toll das neue WC ist - ganz nach dem westlicher Bau- und Sauberkeitsstandard - und drückte meine Begeisterung der Putzfrau aus.
Sie erwiderte: Ja, ja, ha'me scho immer so!

Verfasst: 13 Jun 2007, 10:28
von Kultgrieche
Also, ich mag Gretschka, ein deutscher Kumpel von mir, der mit einer Russin verheiratet ist, bezeichnet dieses Essen jedoch als Schweinefutter.

Zum philosophischen Disput der guten, alten Zeit: Mag ja sein, dass man das Russland der 90er gemütlicher, verschlafener, verträumter empfunden hat, aber Russland kann ja wohl nicht ein postsozialistischer Zoo für uns Westeuropäer bleiben, bei dem die Insassen fröhlich Gertschka kauend Kopeken zählen. Wie lautet doch so ein Klugscheißerspruch? - Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung.

Russen können sich nun mehr leisten, leben doch größtenteils wohlhabender. Aber: Die materiellen Errungenschaften fordern ihren Tribut, seit Jahren geht die statistische Lebenserwartung von Mann und Frau in RUS zurück.