Vorneweg: Die Diskussion zwischen zimdriver und Nikolaus findet man nun unter http://forum.aktuell.ru/viewtopic.php?f=13&t=11199.
Ich finde den Traum, am Baikal zu leben, ganz unabhängig von den vielen eigenartigen Fernsehreportagen durchaus verständlich. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es wirklich solche Leute gibt, die sich von einem solchen Plan in keinem Fall abbringen lassen wollen.
Ich denke, man sollte aber dennoch zuvor einige Reisen unternehmen, um herauszufinden, ob Traum und Wirklichkeit zusammenpassen. Dafür würde ich noch keine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, sondern erst einmal mit mindestens zwei Drei-Monate-Visa anreisen, möglichst zu verschiedenen Jahreszeiten. Ich würde Olkhon vermeiden, eher ein weniger touristisches Dorf, wie beispielsweise Baikalskoe im Norden oder Ust-Bargusin im Westen. Während diesen Reisen wäre zu klären:
* Wo wohnt man? Haus kaufen? Haus mieten? (Wie schon erwähnt wurde, sind Häuser am See auch nicht mehr für 'n Appel und 'n Ei zu haben.)
* Wie käme man an sein Geld?
* Wie organisiert man sich den Winter? Holz, Kohle, Reparaturen am Haus, Lebensmittel? (Olkhon ist Frühjahr wochenlang nicht erreichbar.)
* Wie kommt man mit der russischen Bürokratie klar, wenn einen die deutsche schon abschreckt?! (Einfach mal herausfinden, wer für einen zuständig wäre. Und als Probe einfach mal die Registrierung dort selbst und nach allen Regeln machen.)
* Wie versteht man sich mit der Dorfgemeinschaft. Als Deutsche unter vielen Russen wird man Aufmerksamkeit auf sich lenken - auch von unangenehmen Zeitgenossen. (In den Dörfern ist Alkohol als Problem nicht zu unterschätzen.)
* ...
Sollte man die grundlegenden Fragen geklärt haben (Wo wird man leben und gefällt es einem wirklich?), kann man sich an die russische Bürokratie wagen. Das Hamburger Konsulat hat da wenig zu melden, dieses stellt am Ende nur Visa aus. Die Aufenthaltsgenehmigung muss man vor Ort in Russland beantragen. Man kann in der Tat einen Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung stellen - ob er genehmigt wird, ist aber ganz offen:
* Man wird in jedem Fall begründen müssen, warum man nach Russland will. Dies wird eine echte Hürde, die aber beispielsweise Kirchenvertreter auch häufig nehmen. Ist also nicht aussichtslos.
* Geprüft wird die Gesundheit: typische Hautkrankheiten, TBC, Aids und Drogenabhängigkeit. MS könnte also übersehen werden.
* Für eine Aufenthaltsgenehmigung benötigt man eine offizielle Unterkunft. Also Eigentum oder eine notarielle Bestätigung über einen langfristigen Mietvertrag.
* ...
Alle drei genannten Punkte bedeuten natürlich wieder Bürokratie, in einem Maße, dass sich eine deutsche Auswanderin wahrscheinlich nicht vorstellen kann.
Ein Traum ist prima, man sollte seine Ziele auch nicht einfach so über Bord werfen. Aber man sollte auch kompromissbereit sein. Und wenn Flucht vor der Bürokratie ein Punkt ist - dann ist die Flucht in irgendein verlassenes Dorf in einem EU-Staat ganz sicher einfacher. Polen, Baltikum, Ungarn - nur um ein paar reizvolle Ziele zu nennen.
Deswegen: Mach einen Versuch, lebe mal ein paar Monate hier, ärgere Dich mal ein wenig über die Bürokratie und schau dann, ob dies wirklich das ist, was Du suchst.