Genital-Piercing-Protest am #Kreml

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zimdriver
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von zimdriver »

Gunnar hat geschrieben:.... Es geht im ja nicht um seinen Hoden sondern um seine Botschaft......
.. eben diese erschliesst sich mir beim besten Willen nicht. Wenn Femen rumturnen, dann sieht das ja noch nett und erfrischend aus. Aber sich nackig vor den Kreml setzen, was soll das heissen?
- mir schleift das Genital schon auf der Strasse, so lange habe ich schon nicht mehr
- geht mir alles am Ar**h vorbei
- mein Wertvollstes liegt auf der Strasse und keiner guckt hin

Was, bitte, soll Ivan Ivanovich Ivanov aus Khimki, Skhodnya, Lyubertsy daraus ableiten, um den es ja eigentlich geht? Wird der Mitbürger wach gerüttelt und greift zu Nagel und Hammer und hängt endlich das Bild auf, das schon so lange daheim am Boden steht?

... wahrscheinlich bin ich nur ein Kunstbanause
Berlino10
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Berlino10 »

bella_b33 hat geschrieben: Wenns mir irgendwo par tout nicht gefällt, dann muss ich das ändern. Jeder hat wohl dafür seine Methoden. Aber Leute öffentlich schockieren? Nunja, Aufmerksamkeit bekommt man sicher, Respekt sicherlich weniger.
Respekt oder öffentliche Anerkennung als Künstler ist ja auch bei Aktionskunst oder Performances zunächst nicht das Ziel.
„Performance Art” ist natürlich ein bisschen unkonventionell und verlässt schon seit den 60er Jahren das Übliche der Darstellenden oder Bildenden Künste.
Und ist natürlich auch nicht unbedingt leicht zu konsumieren und selten einfach schön zu finden.
Provokation und Schmerzen gehören dazu, nicht selten ist sie auch autoaggressiv ausgerichtet, also auf den eigenen Körper bezogen.
Bei Teilen des Publikums scheint dies mehr Aufsehen zu erregen, als dies gemeinhin bei einer gegen andere gerichteten Gewalt der Fall gewesen wäre.
So etwa bei der Aktion ›Teppich‹ von Wolfgang Flatz, er ließ sich in den Windfang der Münchner Akademie der Bildenden Künste legen, eingenäht in einen Teppich,
auf den die Hineingehenden traten, mehr oder minder gezwungen. Die Schmerzen, die die Tritte verursachten, artikulierte Flatz jeweils mit einem schrillen Pfiff.

Bild
Performance "Demontage IX" © Wolfgang Flatz

Eine berühmte autoaggressive Performance inszenierte Flatz zu Silvester 1990 und in der orthodoxen Neujahrsnacht am 14. Januar 1991 in der georgischen Hauptstadt Tiflis,
wo er, wie in Sankt Petersburg, eine Gastprofessur innehatte. Ort des Geschehens war die dortige alte Synagoge, die zur Zeit des kommunistischen Regimes als
Kader- und nach dem Zusammenbruch als anarchische Kulturstätte benutzt wurde. Er ließ zwei 1,50 mal 2,80 Meter große Stahlplatten an die Decke hängen.
Zwischen diesen hing er mit dem Kopf nach unten, an den Händen gefesselt. Diese wiederum waren mit einem Seil verbunden, mit dem ein unten stehender Mann Flatz’ Körper
fünf Minuten lang zwischen den beiden Platten hin- und herpendelte und aufschlagen ließ. Im Anschluss an dieses ›Glockenläuten‹ tanzte ein Paar den ›Kaiserwalzer‹ von Johann Strauss.
Eine mögliche Interpretation ergibt sich aus der Historie: zur Zeit der Zaren wurden politisch Unbeugsame in die Glocken gehängt, bis sie ›sangen‹.

Auch die Chinesen machen oft mit Performance auf politische Zustände aufmerksam. Zhang Huan setzt auch den menschlichen Körper und seinen Bezug zu Umwelt und Geschichte,
wobei der Körper selbst physikalisch zum Einsatz kommt und mitunter großer Anstrengung ausgesetzt ist. In 12 Square Meters (1994) verharrte er zB mit Honig und Fischöl eingeschmiert
und mit Fliegen bedeckt stundenlang auf einer öffentlichen Latrine, in Anspielung auf Künstler, die im Zuge der Kulturrevolution zum Putzen öffentlicher Toiletten gezwungen wurden.

Bild
© Zhang Huan, “12 Square Meters” (1994)

Manchmal geht es auch "nur" um die Schaffung von Bildern, die besser als das gesprochene Wort etwas auslösen können.
So haben Menschen Möglichkeiten, den Wasserspiegel oder einen Berg um einen Meter zu erhöhen, wenn sie zusammen wirken.

Bild
© Zhang Huan, To Add One Meter to an Anonymous Mountain 1995, Performance, Beijing, China

Bild
© Zhang Huan, To Raise the Water Level in a Fishpond, 1997, Performance, Beijing, China

Manche Bilder von Perfomances sind selbsterklärend, oder?

Bild
Laurie Simmons (American, born 1949), Walking Gun, 1991 © Laurie Simmons

Der berühmten Marina Abramovic waren ihre toten Landsleute während der Balkan Kriege zu unsichtbar,
und wollte wohl auch ausdrücken, dass alle involviert sind ...

Bild
© Marina Abramovic, Balkan Baroque I. Photograph

Bild
Family I, 2008 © Marina Abramovic, Courtesy Beaumont Public Gallery, Luxembourg

Schmerzen, Feuer o.ä. sind oft Motive, was nicht nur auf schon damals empfundene Dringlichkeit der Probleme hindeutet,
sondern immer auch im Kontext aktivistischen, revolutionären und terroristischen Handelns auftaucht. Schon fast prophetisch erscheint dabei dieses Bild aus den 80ern:

Bild
Peter Weibel, “Sculpture in Public Space", 1984, 46 x 70 cm © Peter Weibel

In der Aktionskunst ist also nicht selten der Künstler selber Bestandteil des Werkes und der Körper künstlerisches Medium.
Es geht in der Aktionskunst um Bilder und Handlungen, in die die Künstler meist unmittelbar involviert sind.
Durch extreme wie z.B. selbstverletzende Handlungen werden beim Zuschauer unmittelbar affektive und emotionale Reaktionen ausgelöst.
In diesem ganzen Kontext ist das Bild vom Roten Platz zu sehen .. und für mich sicher nicht die Aktion eines Irren ..

Bild

Es ist halt die Möglichkeit genutzt, als einzelner, einfacher Mensch etwas zu machen, zu zeigen, ... ob das dann gelungen ist ... kann jeder selbst beurteilen ...
die diversen Diskussionen und Veröffentlichungen und Reaktionen attestieren dieser Aktion jedenfalls große Wirkung und damit auch "Erfolg".
Dabei ist es sekundär, ob das Kopfschütteln, Entsetzen oder Beifall findet.
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Tuersteher Ivan
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Tuersteher Ivan »

Admix hat geschrieben:Russischem Künstler drohen fünf Jahre Haft
Tja, im Westen nix neues :? . Tatsachlich "drohen" diesem "Kuenstler" etweder 15 (fuenfzehn) Tage oder eine winzige Geldstrafe. Aber das interessiert "westliche Oeffentlichkeit" nicht. Hauptsache Aufschrei und eine neue Hetz-Kampagne gegen "blutige putinistische Diktatur".

Foto vom "Kuenstler" 8) :

Bild

"Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Albert Einstein.
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Admix »

Tuersteher Ivan hat geschrieben:Tja, im Westen nix neues :?
Ria Novosti zählst Du also zum westlichen Einflußgebiet :lol:
Wie war das mit der Dummheit ;)

Natürlich wäre es schlauer von mir gewesen auch die Überschrift als Zitat zu kennzeichnen ...
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Simone
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Simone »

Nochmal zu der Frage nach dem Motiv, die der "Künstler" hier darlegt:

http://www.lookatme.ru/mag/experience/o ... pavlenskiy

Bislang hab ich noch keine postive bzw. die Aktion bejahende Meinung von Russen gelesen. Ihr?
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Berlino10 »

Simone hat geschrieben: Bislang hab ich noch keine postive bzw. die Aktion bejahende Meinung von Russen gelesen. Ihr?
Wer könnte da auch schon mit, wenn man Orgien feiert, Kirchen besudelt oder seine Genitalien verstümmelt.
Darauf kommt es ja auch gar nicht an. Weder der Typ noch PR sind Politiker, die Mehrheiten oder Zustimmung brauchen.
Aber die Frage ist relevant: Für RUS selbst sind das sicher keine aufrüttelnden Aktionen ... im Gegenteil finde ich sie schädlich:
"Seht her, was für Verrückte die Opposition bilden."

Im Ausland werden solche Bilder natürlich dankbar aufgenommen, und leider kann sich RUS nicht verkneifen, überhart gegen solche Aktionen vorzugehen ...
auf der anderen Seite ... gäbe es im Westen eine einzige Schlagzeile ... a la "In RUS darf man straffrei mit öffentlichen Sexorgien gegen Putin demonstrieren"?

Das alles betrifft aber sicher nicht die Lebenswirklichkeit der Russen und lenkt nur von der wirklich berechtigten Kritik an Putins RUS ab,
etwa dass die Oligarchen-Verbrecher oder die korrupte Beamte- und Politiker-Kaste immer noch ungestört das Volk ausbeuten dürfen ...
oder dass Putins Repressionen und seine Machtkonzentration längst nicht mehr der Stabilität des Landes, sondern nur noch seiner eigenen dienen.
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Kultgrieche »

Ich sehe das eigentlich ziemlich einfach:

August Macke, Pieter Bruegel, Raffael etc. = KUNST
Mit Transparent und klarer Aussage auf Straße = DEMONSTRATION
Hoden auf Pflasterstein festnagen = GEISTIG KRANK, MORALISCH TOTAL DEGENERIERT, REIF FÜR DIE IRRENANSTALT
"Eines der zentralen Probleme heutzutage ist, dass die Politik so eine Schande ist. Gute Menschen gehen nicht in die Politik." (Donald Trump)
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Berlino10 »

Kultgrieche hat geschrieben: Ich sehe das eigentlich ziemlich einfach:
Das kann man so "einfach" sehen, wie überhaupt jeder selbst definieren darf, was für ihn Kunst ist.
Eine solche Einschätzung offenbart nur keinerlei Qualifikation für irgendwas ..
Letztendlich ruft jede neue Form der Kunst immer wieder dieselben Abwehr-Reaktionen hervor.
Man darf nur an die Beschimpfungen von Malewitschs schwarzem Quadrat erinnern .. eine heute für die Kunst unersetzliche Ikone.
Entlarvend für typisch engstirnige Haltungen war auch die Rezeption der Armory Show im letzten Jahrhundert.
Man beschimpfte die Künstler als „Schwindler“, als „Verrückte“ und „Degenerierte“, Künstler, die heute längst als grosse Meister gelten:
Henri Matisse, Pablo Picasso, Georges Braque, Francis Picabia, Marcel Duchamp, Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Édouard Manet,
Claude Monet, Auguste Rodin, Edvard Munch, Kasimir Malewitsch oder Wassily Kandinsky oder Paul Cézanne.
Die Nazis bezeichneten sie als degeneriert, geistig krank und entartet ... die Rechtfertigung für deren Verfolgung.

Formen der Aktionskunst gibt es seit 50 Jahren, sie haben Eingang in die Kunstwelt gefunden und sie zweifelsfrei bereichert.
Hoden auf Pflasterstein festnageln ... kann man sehen, wie man will ... ob Kunst oder nicht ... ob gelungen oder nicht ..
letztendlich rechtfertigt allein das Aufsehen und die ausgelöste Provokation die Aktion ...
und natürlich offenbart sich ein Staat, der das mit Gefängnis bestraft, als überaus intolerant, undemokratisch und totalitär ...
kann man bei PR wenigstens noch Verletzung religiöser Gefühle, Beleidigung oder Rowdytum konstatieren, bin ich hier auf relevante Anklagepunkte gespannt.
Was ist in Deinen Augen ein Künstler? Ein Narr, der nur Augen hat, wenn er Maler ist, oder nur Ohren, wenn er Musiker ist...?
Im Gegenteil. Er ist gleichzeitig ein politisches Wesen, stets aufnahmebereit für bewegende, brennende oder glückliche Ereignisse, die er in jeder Weise erwidert.
Wie ist das möglich, für andere Menschen kein Interesse zu zeigen und sich in einen elfenbeinernen Turm vor dem Leben zu flüchten, das sie dir so reichlich bescheren?
Nein, Malerei ist nicht dazu da, um Appartements zu schmücken. Sie ist eine Waffe zu Angriff und Verteidigung gegen den Feind.

(Pablo Picasso 1937)
Gunnar
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Gunnar »

@Berlino: Sehr gute und sachliche Darsellung oben zm Thema Aktionskunst. Danke.

Übrigens wäre es ja, wenn der Typ tatsächlich geisteskrank wäre, so, dass die Leute einfach mit Mitleid reagieren würden statt ihn mit ihrem Hass und ihrer Abscheu zu übergießen. Die Aufruhr belegt schon für sich, dass es um mehr geht, dass er tief ins Wespennest sticht. Die spießige lethargische duckmäuserische Idylle der Leute die im Tretrad für die nächste Agyptenreise oder den nächst größeren Flachbildschirm einfach keine Zeit für politischen Diskurs haben, wird für einen Moment gestört ....
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Re: Genital-Piercing-Protest am #Kreml

Beitrag von Berlino10 »

Gunnar hat geschrieben: Die spießige lethargische duckmäuserische Idylle der Leute die im Tretrad für die nächste Agyptenreise oder den nächst größeren Flachbildschirm einfach keine Zeit für politischen Diskurs haben, wird für einen Moment gestört ....
Ja, und zwar gestört beim ...

Bild
1981 © Wolfgang Flatz
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