bella_b33 hat geschrieben:
Wenns mir irgendwo par tout nicht gefällt, dann muss ich das ändern. Jeder hat wohl dafür seine Methoden. Aber Leute öffentlich schockieren? Nunja, Aufmerksamkeit bekommt man sicher, Respekt sicherlich weniger.
Respekt oder öffentliche Anerkennung als Künstler ist ja auch bei Aktionskunst oder Performances zunächst nicht das Ziel.
„Performance Art” ist natürlich ein bisschen unkonventionell und verlässt schon seit den 60er Jahren das Übliche der Darstellenden oder Bildenden Künste.
Und ist natürlich auch nicht unbedingt leicht zu konsumieren und selten einfach schön zu finden.
Provokation und Schmerzen gehören dazu, nicht selten ist sie auch
autoaggressiv ausgerichtet, also auf den eigenen Körper bezogen.
Bei Teilen des Publikums scheint dies mehr Aufsehen zu erregen, als dies gemeinhin bei einer gegen andere gerichteten Gewalt der Fall gewesen wäre.
So etwa bei der Aktion ›Teppich‹ von Wolfgang Flatz, er ließ sich in den Windfang der Münchner Akademie der Bildenden Künste legen, eingenäht in einen Teppich,
auf den die Hineingehenden traten, mehr oder minder gezwungen. Die Schmerzen, die die Tritte verursachten, artikulierte Flatz jeweils mit einem schrillen Pfiff.

Performance "Demontage IX" © Wolfgang Flatz
Eine berühmte autoaggressive Performance inszenierte Flatz zu Silvester 1990 und in der orthodoxen Neujahrsnacht am 14. Januar 1991 in der georgischen Hauptstadt Tiflis,
wo er, wie in Sankt Petersburg, eine Gastprofessur innehatte. Ort des Geschehens war die dortige alte Synagoge, die zur Zeit des kommunistischen Regimes als
Kader- und nach dem Zusammenbruch als anarchische Kulturstätte benutzt wurde. Er ließ zwei 1,50 mal 2,80 Meter große Stahlplatten an die Decke hängen.
Zwischen diesen hing er mit dem Kopf nach unten, an den Händen gefesselt. Diese wiederum waren mit einem Seil verbunden, mit dem ein unten stehender Mann Flatz’ Körper
fünf Minuten lang zwischen den beiden Platten hin- und herpendelte und aufschlagen ließ. Im Anschluss an dieses ›Glockenläuten‹ tanzte ein Paar den ›Kaiserwalzer‹ von Johann Strauss.
Eine mögliche Interpretation ergibt sich aus der Historie: zur Zeit der Zaren wurden politisch Unbeugsame in die Glocken gehängt, bis sie ›sangen‹.
Auch die Chinesen machen oft mit Performance auf politische Zustände aufmerksam. Zhang Huan setzt auch den
menschlichen Körper und seinen Bezug zu Umwelt und Geschichte,
wobei der Körper selbst physikalisch zum Einsatz kommt und mitunter großer Anstrengung ausgesetzt ist. In 12 Square Meters (1994) verharrte er zB mit Honig und Fischöl eingeschmiert
und mit Fliegen bedeckt stundenlang auf einer öffentlichen Latrine, in Anspielung auf Künstler, die im Zuge der Kulturrevolution zum Putzen öffentlicher Toiletten gezwungen wurden.

© Zhang Huan, “12 Square Meters” (1994)
Manchmal geht es auch "nur" um die Schaffung von Bildern, die besser als das gesprochene Wort etwas auslösen können.
So haben Menschen Möglichkeiten, den Wasserspiegel oder einen Berg um einen Meter zu erhöhen, wenn sie zusammen wirken.

© Zhang Huan, To Add One Meter to an Anonymous Mountain 1995, Performance, Beijing, China

© Zhang Huan, To Raise the Water Level in a Fishpond, 1997, Performance, Beijing, China
Manche Bilder von Perfomances sind selbsterklärend, oder?

Laurie Simmons (American, born 1949), Walking Gun, 1991 © Laurie Simmons
Der berühmten Marina Abramovic waren ihre toten Landsleute während der Balkan Kriege zu unsichtbar,
und wollte wohl auch ausdrücken, dass alle involviert sind ...

© Marina Abramovic, Balkan Baroque I. Photograph

Family I, 2008 © Marina Abramovic, Courtesy Beaumont Public Gallery, Luxembourg
Schmerzen, Feuer o.ä. sind oft Motive, was nicht nur auf schon damals empfundene Dringlichkeit der Probleme hindeutet,
sondern immer auch im Kontext aktivistischen, revolutionären und terroristischen Handelns auftaucht. Schon fast prophetisch erscheint dabei dieses Bild aus den 80ern:

Peter Weibel, “Sculpture in Public Space", 1984, 46 x 70 cm © Peter Weibel
In der Aktionskunst ist also nicht selten der Künstler selber Bestandteil des Werkes und der Körper künstlerisches Medium.
Es geht in der Aktionskunst um Bilder und Handlungen, in die die Künstler meist unmittelbar involviert sind.
Durch extreme wie z.B. selbstverletzende Handlungen werden beim Zuschauer unmittelbar affektive und emotionale Reaktionen ausgelöst.
In diesem ganzen Kontext ist das Bild vom Roten Platz zu sehen .. und für mich sicher nicht die Aktion eines Irren ..
Es ist halt die Möglichkeit genutzt, als einzelner, einfacher Mensch etwas zu machen, zu zeigen, ... ob das dann gelungen ist ... kann jeder selbst beurteilen ...
die diversen Diskussionen und Veröffentlichungen und Reaktionen attestieren dieser Aktion jedenfalls große Wirkung und damit auch "Erfolg".
Dabei ist es sekundär, ob das Kopfschütteln, Entsetzen oder Beifall findet.