Dietrich hat geschrieben:Vielleicht deshalb, weil es diesen Werteverfall in dem Maße gar nicht gibt, wenn solche Dinge doch schon tausende von Jahre alt sind. Bzw. der Werteverfall/die Exzesse in weniger neoliberalen Gesellschaften genauso existieren und nicht weniger schlimm sind. Teilweise vielleicht anders, aber eben doch vorhanden.
... da gibt es hier einen Thread, einen Eingangs-Artikel und Statistiken über Werteverfall und eine Vervielfachung der Verbrechenszahlen in Rußlands Bevölkerung ...
klar kann man das negieren und stattdessen eine einzelne Hinrichtung in Nordkorea dagegen setzen ... ja, auch Nero hat schon gemordet, bevor der Neoliberalismus erfunden war ... und jetzt?
Wissenschaftliche Basis - das, was für Dich Stammtisch links der Bar ist - ist längst zB die Mangelhypothese nach Maslow. Wer in Armut lebt und/oder hungrig ist, für den wird Nahrung/Unterkunft/Kleidung die allergrößte Priorität haben. Alle anderen Bedürfnisse wie Selbstverwirklichung oder soziale Akzeptanz oder gar das Wohl anderer werden in den Hintergrund treten und das ganze Streben wird darauf ausgerichtet sein, genug für sich zu Essen zu haben. Unstrittig sollte wohl sein, dass grosse Teile der Bevölkerung Rußlands in den 90er Jahren des ungezügelten Raubtier-Kapitalismus diese Erfahrungen machen mussten, und dies oft gar als Schock viele Millionen Russen bis heute prägt.
Zum anderen sollte ebenfalls klar sein, dass die grundlegenden Wertvorstellungen eines Menschen jene Bedingungen widerspiegeln, die in seiner Kindheit, Jugend- und frühen Erwachsenenzeit vorherrschend waren. Wer also in einer Situation existenziellen Mangels aufgewachsen ist, wird tendenziell eher materialistische Wertvorstellungen vertreten als jemand, der einen solchen Mangel nicht erfahren hat. Gleichzeitig ist unstrittig, dass der Neoliberalismus verstärkt auf die Kraft des Einzelnen setzt ("jeder ist seines Glückes Schmied"), Egoismus als Erfolgsfaktor verstärkt und gemeinschaftlich orientierte Werte verdrängt. Wenn man dann noch vor Augen geführt bekommt, dass nur derjenige Erfolg hat, der sich einen Scheiss um andere kümmert, Gesetze bricht, aktiv korrumpiert oder sich korrumpieren lässt - wie das in RUS ja alle Politiker und Oligarchen vorleben - dann ist der Wandel der Wertvorstellungen vom Gemeinsinn hin zu ungezügeltem Materialismus und Egoismus perfekt. Und auch der Respekt vor der Gesellschaft und ihrer Gesetze oder Werte zerstört - selbst bei satten Menschen wie Zumwinkel oder Hoeness.
Ich fühle mich selbst als Profiteur in einer Gesellschaft nicht wohl, die Menschen sterben, verarmen und verkommen lässt.
Aber sicher man darf seine Augen vor den Realitäten verschließen, besonders wenn die neoliberale Werteverseuchung schon so weit fortgeschritten ist.
Als Fan der Sozialen Marktwirtschaft wird mir das aber immer eine beklagenswerte Greul bleiben.