Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Wer von den seichten Gewässer des Rus-POP in die Tiefen der Wissenschaft vordringen möchte, findet hier sein Terrain. Literatur, Bildende Kunst, Musik, Kinematografie und alles was intellektuellen Background hat kann hier diskutiert werden.
Nikolaus
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Nikolaus »

Da hier ja fast ausschliesslich Leute ihre Meinung ausdruecken, die die Inszenierung nur aus Sekundaerliteratur kennen, die russischen rechtlichen Bestimmungen nicht kennen und teils nicht mal wussten, dass es um "Tannhaeuser" geht, kann ich ja nicht viel versauen, wenn ich auch noch meinen Senf dazu gebe. :)
Wie man leicht nachlesen kann, ist die kritisierte Kultureinrichtung, wie die meisten bedeutenden staatlichen Kultureinrichtungen, direkt dem foederalen Ministerium fuer Kultur untergeordnet, nicht den regionalen Behoerden. U.a. deshalb informierte "meine", durchaus oppositionelle Nachrichtenagentur rbc.ru wohl, dass der entlassene Direktor keine formal rechtliche Handhabe gegen seine Entlassung sieht.
Ich kann auch nicht erkennen, warum nicht Leute, die meinen, dass ihre religioesen Gefuehle durch eine "kuenstlerische" Verhohnepiepelung von Jesus verletzt werden, dies nicht auf einem Meeting oder sonstwo oeffentlich ausdruecken sollten. Ich wundere mich auch nicht, wenn diese Leute die Meinung der ganz ueberwiegenden Mehrzahl der Bevoelkerung repraesentieren (natuerlich haben die auch nur von den fuer sie anstoessigen Szenen gehoert). Und ich verstehe auch, dass es auf Unverstaendnis stoesst, wenn hierfuer "ihre" Steuergelder verbraten werden. Irgendwie erinnert es doch auch an die Mohammed-Karikaturen, und wozu das fuehren kann, wenn dann Fanatiker die Kontrolle ueber sich verlieren, haben wir ja erst kuerzlich erlebt. Und der russische Staat versucht da mit relativ milden Mitteln vorzubeugen. Angemessen - nicht angemessen, klug oder bloed, weiss der Teufel. Dass da eine Reihe liberaler Kuenstler eine andere Meinung vertritt, war vorhersehbar... Na und! Solange alles in einem friedlichen, "demokratischen" Rahmen bleibt ...
Wie staende eigentlich Richard Wagner zu solch einer Inszenierung? :)
domizil
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von domizil »

... ich bin zum Thema "Kultur" äußerst schwach "auf der Brust". Aber ich weiß, dass Kultur natürlich auch provozieren kann (soll), Anregungen geben kann (soll). Sicher ist den Theaterverantwortlichen In Nowosibirsk klar, dass diese "Neu"-Inszenierung provokativen Charakter trägt - insbesondere gegenüber der empfindlichen Kirche. Wäre es da nicht eine Möglichkeit gewesen, sich im Vorfeld einfach mit der Kirche "abzustimmen"? Letztendlich geht es doch darum, dass alle ein "kulturvolles" Erlebnis haben wollen und Kultur soll vereinen und nicht trennen - oder?

Und, um vielleicht auf Herrn Klaupe einzugehen. Die Kirche ist eine hohe moralische Instanz in jeder Gesellschaft. Und natürlich ist der (russische) Staat daran interessiert, diese moralische Instanz im allgemeinen Staatsinteresse zu nutzen - insbesondere in gesellschaftlich schwierigen Zeiten wie sie gegenwärtig existieren. Deshalb hätte ich nichts gegen ein gutes Zusammenwirken zwischen Staat und Kirche. Die ehemaligen ostelbischen Gebiete in Deutschland (früher auch DDR genannt) haben diese Chance damals (aus ideologisch unsinnigen Ansichten) nicht genutzt - Pech, für die DDR.

Uwe Niemeier
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Berlino10 »

Kunst wird als zeitgenössische niemals von der Mehrheit verstanden oder gar für gut befunden.
Wenn man sie populistischem Willen unterwirft, zerstört man jede kulturelle Entwicklung.
Paris hätte keinen Eiffelturm, RUS nicht Malewitschs Ikone, Picasso oder Dalí wären nicht gefördert, der Wiener Aktionismus verboten worden ...zu ihrer Zeit Kritische Kunst wie von Otto Dix nicht, die sibirische Gruppe "Blue Noses" nicht, Jonathan Meese oder Joseph Beuys gäbe es so nicht, ... sie alle brauchten staatliche Förderungen .. Selbst der Iran duldet eine lebendige und gesellschaftskritische Kunst-Szene ..
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Zejtnot
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Zejtnot »

Nikolaus - Du hast natürlich absolut Recht, dass ich keine Ahnung von den wirklichen Details habe. Das will ich auch nicht relativieren. Mir erschien das Thema aber dennoch so relevant, dass ich es hier ansprechen wollte.

Wo ich das Problem sehe: Alles, was ich von Leuten höre, die das Stück gesehen haben, kommt das Christentum dort gut weg. Offensichtlich haben die Kirchenanhänger wirklich nur gelesen: "Jesus wird zusammen mit halbnackten Frauen gezeigt" und marschieren nun los. Ohne sich überhaupt mit dem Stück beschäftigt zu haben. Das ist es, was hier viele erbost.

Und nun kommt ein neuer Direktor aus St. Petersburg, der zudem noch einen schlechten Leumund hat, und stülpt dem Haus gleich einmal einen völlig absurden Namen über. Als würde man den Eiffelturm plötzlich "Big Ben von Paris" nennen. Wenn Moskau hier nicht aufpasst, haben sie am Wochenende eine Demo mit 20.000 Leuten auf dem Leninplatz in Novosibirsk.
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Wladimir30
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Wladimir30 »

Wladimir ist ja doch ne Ecke weg von Novosibirsk. Deshalb hatte ich ja auch nur die allgemeinen Anmerkungen.

Je weiter ich das hier verfolge, desto schummeriger wird mir hierbei. Erst hielt ich es wirklich für eine rein politische Aktion, um den wohl ungeliebten Direktor zu entfernen. Nun schlägt es immer weitere Wellen.

Ich persönlich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass es an der Thematik und dem Willen der offiziellen Kirche, das Seelenheil der armen Bürger zu retten und schützen, liegt. Nun gut, dass ich es mir nicht vorstellen kann heißt ja nicht, dass es nicht so ist. Aber dass der Kulturbereich nun nach denselben Methoden gesäubert werden soll wie andere, weitaus brisantere, dass hätte ich in dieser unverhohlenen und brachial anmutenden Art nicht erwartet. Wenn es so ist, werden die in Moskau sich von 20.000 Leutchens nicht sonderlich beeindrucken lassen.

Ich versuche mal, den Direktor des hiesigen Theaters zu befragen. Mit dem komme ich eigentlich sehr gut aus, ich helfe immer wieder mal, wenn sie Stücke haben, wo es um DE oder um deutsche Textstücke geht. Vielleicht weiß der ja was.
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Wladimir30 »

Hab gerade mit ihm gersprochen. Es hat wohl folgende Gründe. Einige Mitarbeiter des Theaters und einfache Bürger haben sich an die Leitung der orthodoxen Kirche in Novosibirsk gewandt mit der Bitte, die Aufführung zu verbieten, weil einige Szenen die Gefühle der Gläubigen in grober Weise verletzten. Zuerst habe sich die Kirchenleitung an den Direktor gewandt, der sich weigerte, das Stück abzusetzen. Dann wandte sich die dortige Kirchenleitung an Moskau, und der Direktor wurde vom Kultusminister aufgefordert, das Stück abzusetzen. Als dieser sich immer noch hartnäckig weigerte, wurde er eben abgesetzt.

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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Zejtnot »

Danke für dieses Meinungsbild.
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von klaupe »

Wladimir30 hat geschrieben:Hab gerade mit ihm gersprochen. Es hat wohl folgende Gründe. ...
1:0 für die Berichterstattung.
Es ist schon gut, wenn man den Korrespondenten vor Ort" hat.

Da habe ich auch keine Probleme meine Einstellung zu diesem Fall zu revidieren. Ich habe auch keine Veranlassung dieses "Kuturgut" zu verteidigen, denn in der Beziehung bin ich auch konservativ und bevorzuge die Originalfassung. In diesem Fall bin ich auch, vermutlich falsch, davon ausgegangen, dass Libretto und Musik dem Original weitgehend entsprechen und lediglich Bühnenbild, Garderobe (soweit vorhanden) und Maske "modernisiert" wurden.
Es sind aber wohl eher die modifizierten Texte, die primär den Zorn provozierten. Ich bin auch so hinterwäldlerisch, dass ich Mohammed-Karrikaturen Scheiße finde, allerdings die militanten Reaktionen darauf auch.
Manchmal muss man im Leben zwischen gutem Ruf und dem Vergnügen wählen und stellt fest, das der gute Ruf kein Vergnügen ist.
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Berlino10 »

Wladimir30 hat geschrieben:Einige Mitarbeiter des Theaters und einfache Bürger haben sich an die Leitung der orthodoxen Kirche in Novosibirsk gewandt mit der Bitte, die Aufführung zu verbieten, weil einige Szenen die Gefühle der Gläubigen in grober Weise verletzten.
Bild
Karikatur: Jacques Tilly

Die "Verletzung religiöser Gefühle" fungiert schon bei der Radikalisierung junger Muslime als Brandbeschleuniger. Als Nährboden für Intoleranz und Hass.
Derselbe Geist ist hier in Novosibirsk ausgeschüttet worden. Und der Staat gibt dem nach ... anstatt Kunst und Kultur zu schützen.
Nikolaus
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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Beitrag von Nikolaus »

Die Karikatur ist natuerlich finster: Denn zuerst missachtet wohl doch jemand bewusst und zielgerichtet die religioesen Gefuehle anderer, und erst dann fuehlt sich vielleicht jemand in seinen religioesen Gefuehlen verletzt. Ja, und dann kann es (leider) dazu kommen, dass jemandem "die Fresse poliert wird".
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