Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Hier findest Du Insiderinformationen zum mittel- oder langfristigen Aufenthalt in Russland die Dir helfen das Leben in Russland zu meistern. Du lebst (noch) nicht in Russland? Dann könnte dieses Unterforum für Dich besonders interessant sein, damit Du von unseren Erfahrungen profitierst. Expats are welcome!
fremantle

Beitrag von fremantle »

Ich beziehe mich auf Manuchkas Beitrag aus der Vorstellungsrunde hier:
http://www.aktuell.ru/forum/viewtopic.php?p=49370#49370
manuchka hat geschrieben:Der kasachische Aussiedler, dem es in Kasachstan an nix fehlte, musste ja nicht nach Deutschland ziehen. Niemand hat ihm versprochen, dass Deutschland ein Paradies ist. Das ist ein Irrglaube, dem viele Aussiedler unterliegen und die sich dann beschweren - dann sollen sie halt da bleiben, wo sie herkommen, oder zurückgehen (so wie du ja auch aus Bayern wieder nach Berlin gezogen bist). Aber nein, sooo schlecht isses ja in DE mit diversen Soziallleistungen etc. offensichtlich dann doch nicht.

Ich hab nix gegen Aussiedler und kann auch verstehen, dass Leute dahin streben, wo es ihnen vielleicht materiell besser geht, und die Chance zum Umzug nutzen, wenn sie sich ihnen bietet. Aber als "Deutsche" nach Deutschland kommen, kein Wort deutsch sprechen und sich dann aufregen, dass man sie nicht versteht, sie keine angemessene Arbeit finden etc.m dass alles ganz anders ist als zu Hause - das nervt ein wenig. Das nur allgemein und nicht speziell auf deinen Bekannten bezogen, den ich ja nicht kenne.

Aber wollen wir die Diskussion nicht in dem Beitrag weiterführen, den ich extra für das Thema eröffnet habe? Das ist doch die Vorstellungsecke... Herzliche Einladung: http://www.aktuell.ru/forum/viewtopic.p ... highlight=
Aber manuchka, meinst Du nicht, dass Du so doch wieder alle ganz schön doll öber einen kamm scherest? Ich kenne einige die hier Glücklich sind. Kasachstan-Deutsche meiner/Deiner Altersklasse die mit Ihren Eltern aussiedelten und nun Übersetzer oder Architekten geworden sind. Denen es hier gut geht. Oder auch Ältere, die es geschafft haben.

Man kann sich in der Ferne oft nicht vorstellen wie Deutschland ist, weil offensichtlich man nicht viel von Deutschland weiss. Dazu gab es gerad gestern einen interessanten Artikel der "Berliner Zeitung": http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... index.html

Darin geht es eben um ein Ehepaar das versucht hat sich zu integrieren und nun nach 12 Jahren doch wieder zurückgeht. Damals und lange Zeit hat offenbar niemand der nach Deutschland ging in der heimat auch von schlechten Erfahrungen gesprochen, und somit lange das Bild des Schlaraffendeutschlands aufrecht erhalten. Ich persönlich habe das auch oft gehört. "Wir wussten doch gar nicht worauf wir uns einlassen, wir hatten doch ein ganz andere Bild von Deutschland. Niemand hat uns desillusioniert." Und klar, manuchka, das kanst Du als Sächsin doch nicht abstreiten - war der Westen doch ganz zu erst einmal toll! Wenn er noch viel weiter weg liegt, hält sich das Bild auch länger.[/quote]
Benutzeravatar
manuchka
Tipp-Königin
Tipp-Königin
Beiträge: 7385
Registriert: 15 Mär 2005, 17:08
Wohnort: HH
Kontaktdaten:

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von manuchka »

Nee, fremantle, über einen Kamm scheren wollte ich sicher nicht. Und wenn das so ankam, tut mir das leid. Hast schon recht, dass aus der Ferne manches ganz hübsch aussieht, was sich später als Fatamorgana rausstellt. Ich meinte auch nicht den einen bestimmten Aussiedler, von dem Zeppelin sprach.

Aber mich regt es schon ein wenig auf, wenn manche Aussiedler hier in ihrem russischsprachigen "Ghetto" wohnen und sich nur mit ihresgleichen abgeben, selbst nichts oder wenig tun, um sich als Deutsche, als die sie ja nun mal "zurück in die Heimat" kommen, zu integrieren (und damit meine ich in erster Hinsicht Sprache lernen und so), aber meckern, dass sie keine qualifizierte Arbeiten bekommen. Wie denn, wenn der Arbeitgeber sich mit ihnen nicht verständigen kann? Manche fordern sogar: "Wir Russen (sic!) sind mittlerweile viel mehr als Türken und Jugoslawen in Deutschland. Warum gibt es in den Bankautomaten z.B. keine russischen Menüs?"
Und dann wird Arbeitslosengeld und Sozialhilfe kassiert und nebenbei schwarz gearbeitet (gut, das machen Deutsche auch) und Versicherungen werden beschissen (das machen Deutsche auch) und an Regeln und Verbote hält man sich nicht, denn das ist man ja so aus Russland gewöhnt... Ich habe nichts dagegen, wenn die Leute die Kultur pflegen, in der sie groß geworden sind. Aber bei manchen Dingen sage ich mir: Wenn du so leben willst wie in Russland, dann musst du eben in Russland leben. Und wenn du in Deutschland leben willst, dann musst du dich eben an gewisse elementare Regeln halten, auch wenn du die in Russland nie einhalten würdest.
Ist etwas weg vom ursprünglichen Thema, sorry.
Du erntest, was du säst.
Benutzeravatar
Zejtnot
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 14590
Registriert: 30 Jun 2006, 11:25
Wohnort: Sibirien, Sachsen

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von Zejtnot »

manuchka hat geschrieben:Aber bei manchen Dingen sage ich mir: Wenn du so leben willst wie in Russland, dann musst du eben in Russland leben. Und wenn du in Deutschland leben willst, dann musst du dich eben an gewisse elementare Regeln halten, auch wenn du die in Russland nie einhalten würdest.
Theoretische Überlegungen zu diesem Thema: Dürfen wir Deutschen in Russland aber nach deutschen Brauch weiterhin gemäß den Gesetzen leben? Oder müssen wir diese nach russischem Brauch brechen? :D

Ich gebe Dir natürlich grundsätzlich Recht, Manu!
Zeppelin
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 3051
Registriert: 25 Jun 2006, 14:12
Wohnort: Berlin, Gartenhaus 2 Treppen rechts

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von Zeppelin »

manuchka hat geschrieben:Aber mich regt es schon ein wenig auf, wenn manche Aussiedler hier in ihrem russischsprachigen "Ghetto" wohnen und sich nur mit ihresgleichen abgeben, selbst nichts oder wenig tun, um sich als Deutsche, als die sie ja nun mal "zurück in die Heimat" kommen, zu integrieren.
Vom Grundsatz her sehe ich dies auch so, aber in dem von mir Im Vorstellungsthread von Naumova dargestellten Fall liegst Du da deutlich daneben und hast das anscheinen auch nicht besonders aufmerksam gelesen.
Der Mann um den es da geht ist halber Russe und halber Tatare, den des Beruf vor langer Zeit nach Kasachstan verschlagen hatte.
Dort lernte er seine deutschstämmige Frau kennen mit der er auch die beiden Töchter bekam. Seine Frau hielt es beim Zerfall der SU in Kasachstan nicht mehr aus und sie wollte mit den Kindern unbedingt nach Deutschland.
Was sollte der Mann da machen?
Nennst Du das, ihn hätte niemand gezwungen, hierher zu kommen? Das ist ja wohl reichlich zynisch. klar, er hätte seine Kinder im Stich lassen können oder einen Dauerkrach mit seiner Frau heraufbeschworen, wenn er sich wiedersetzt hätte.

Aber back to topic: Z.B. meine Schwiegermutter in Kazan' weiß zwar, dass das bekloppt ist, aber dennoch denkt sie öfter mal mit Wehmut an die alten Zeiten, als sie oft mit vielen anderen jungen Leuten gemeinsame Ausflüge und Reisen unternommen haben.
Und natürlich vermisst sie die einstigen langen Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften überhaupt nicht, aber sie erzähl halt gern von den kleinen Tricks, mit denen man sich da manchmal nach vorne mogeln konnte oder wie man sich eine etwas größere Ration erschwindeln konnte als einem eigentlich zustand usw.

Zeppelin
Zuletzt geändert von Zeppelin am 13 Jun 2007, 21:08, insgesamt 1-mal geändert.
"Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen." (Ralf Dahrendorf)
fremantle

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von fremantle »

Da wiederum erzählt meine Frau mir immer, dass sie als fünfjährige mit einer Nummer auf die Stirn geschrieben in der Schlage stand. Stell ich mit ziemlich lustig vor. Wenn die Mutter dann Mittagspause hatte, löste sie die kleine ab, um schließlich das notwendige im Produkty zu kaufen. Obwohl es bestimmt nicht lustig war in dem Moment... Naja, so hat jede Nation eigentlich seine Geschichten, denk ich. Aus dem häufigen Polen-Urlaub kenn ich ähnliches.
Zeppelin
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 3051
Registriert: 25 Jun 2006, 14:12
Wohnort: Berlin, Gartenhaus 2 Treppen rechts

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von Zeppelin »

fremantle hat geschrieben:Da wiederum erzählt meine Frau mir immer, dass sie als fünfjährige mit einer Nummer auf die Stirn geschrieben in der Schlage stand. Stell ich mit ziemlich lustig vor. Wenn die Mutter dann Mittagspause hatte, löste sie die kleine ab, um schließlich das notwendige im Produkty zu kaufen. Obwohl es bestimmt nicht lustig war in dem Moment...
Naja. Man hat sich nach Erzählungen wohl auch öfter mal Kinder untereinander "ausgeliehen", um durch die Präsenz einer möglichst großen "Meute" an größere Rationen zu gelangen.

Aber was mich am heutigen Zustand in der Russischen Föderation besonders stört und traurig macht ist, dass offenkundig der Egoismus den Gedanken des Gemeinwesens derart überwiegt, dass es nicht einmal Sinn macht, wenn die Bewohner eines Wohnblocks für ihre Kinder einen Spielplatz errichten, weil wenige Tage danach alles zerstört und gestolen worden ist.

Aber was soll man von einem Land schon erwarten, das keine Vergesellschaftung der Güter mehr kennt, weil der Staat alle Autorität beansprucht?
"Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen." (Ralf Dahrendorf)
Benutzeravatar
manuchka
Tipp-Königin
Tipp-Königin
Beiträge: 7385
Registriert: 15 Mär 2005, 17:08
Wohnort: HH
Kontaktdaten:

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von manuchka »

Ja, oder der einzige Spielplatz im Quartal wird plattgemacht, um an dieser Stelle noch ein Haus hochzuziehen. Jüngstes Beispiel: Moskau Kunzevo.
Du erntest, was du säst.
fremantle

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von fremantle »

Das wiederum ist bei uns nicht anders...
Ich ha1te einen wunderbaren Spielplatz hinter unserm Garten mit meinem Vater gebaut, der über Jahre stand. Bis dann die Wende kam, mit ihr der Tüv, und der verpflichtete Den Oberförster den Spielplatz abzureissen, weil er genagelt, nicht geschraubt war. Meine Nichte und Nachbarskinder hätten sicher gern noch den Abenteuerspielplatz genutzt. Auf den 5 Km Wald nach links und rechts wurden auch sämtlich 3-4 Spielplätze aus Sicherheitsgründen abmontiert. Nun gibt es wirklich den nächsten in 5 km Entfernung. Welches Spielplatzkind bewältigt diese Strecke? Und hier zerstört es der Staat, das ist auch nicht besser.
Benutzeravatar
Dietrich
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Beiträge: 7830
Registriert: 25 Feb 2004, 13:54
Wohnort: Wiesbaden

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von Dietrich »

Das ist aber eher das Problem, dass wenn sich dann ein Kind auf einem Spielplatz eine Verletzung zuzieht (meistens weil die Mutter grade alles Andere tut, nur nicht aufs Kind zu achten), alles sofort nach dem Staat/ der Stadt schreit.

Die Stadt muss dann zahlen!!! War ja viel zu gefaehrlich der Spielplatz!

Dann werden eben nur noch schweineteure, wissenschaftlich genaustens geplant, gebaut und untersuchte Spielplaetze zugelassen. Bei dem Aufwand ist das eben nicht an jeder Ecke machbar.

Bei uns vor dem Haus haben sie letztens nach 2 Jahren tatsaechlich die Rutsche ausgetauscht bei der sich die Metall-Rutschflaeche in der Mitte geloest hatte und scharf nach oben stand. Die alte Rutsche wurde abgeflext, die neue (da andere Masse) an einem der alten aus dem Boden ragenden Metallpfloecken wieder angeschweisst.
Der andere ragt immer noch ca. 3cm aus dem Boden hervor und wird es wohl auch noch die naechsten Jahre.....

Aber in Deutschland wird das noch schlimmer mit dem staatlichen Rundum-Schutz....
"Each one hopes that if he feeds the crocodile enough, the crocodile will eat him last."
W. Churchill (1940)
fremantle

Re: Russland im Wandel - Erinnerungen an die "gute alte Zei

Beitrag von fremantle »

Ja eben, ... Ich mein nur, das ist alles etwas übertrieben. Genau das Gegenteil Russlands. und dadurch auch nicht gut.
Antworten

Zurück zu „#Expat | Leben und Arbeiten in RU und DE“