russisches Bildungssystem

Wer von den seichten Gewässer des Rus-POP in die Tiefen der Wissenschaft vordringen möchte, findet hier sein Terrain. Literatur, Bildende Kunst, Musik, Kinematografie und alles was intellektuellen Background hat kann hier diskutiert werden.
Mysh

Beitrag von Mysh »

Aber nun gut, auch wenn es mit Fremdsprachen so lala ist, Naturwissenschaften siehts doch ganz gut aus, oder?
Dazu mal wieder ne Quelle:
http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/13 ... 136190.asp
Jens Mühling: Forsche Russen
Weg vom Tropf des Westens: Der Kreml investiert neuerdings in Wissenschaft
(...) Diesem Trend angepasst ist ein neues, fünf Millionen Euro starkes Programm der Helmholtz Gemeinschaft, mit dem Wissenschaftlern Forschungsaufenthalte in Deutschland ermöglicht werden. Neu daran ist, dass die Stipendien von russischer Seite in annähernd gleicher Höhe gegenfinanziert werden.

Das deutsche Interesse an solchen Kooperationen sei unvermindert hoch, meint Heinze: In den klassischen Naturwissenschaften bringe Russland „immer noch Nachwuchskräfte hervor, die in einem Maße innovativ sind, wie man es im Westen nicht findet“.
Naila

Re: russisches Bildungssystem

Beitrag von Naila »

Hallo,
da möchte ich auch was dazu sagen. Ich selbst besuchte und absolvierte in Rußland eine Gesamtschule. Zu der Zeit gab es ja nur diesen Typus Schule. Und man konnte danach durchaus Nobelpreisträger oder auch Putzfrau werden. Je nachdem. Wer wollte, der konnte. Und meine ganze Schulzeit war sehr, sehr schön! Wenn ich drüben bin, besuche ich alle meine Lehrer, sie umarmen mich und weinen vor Freude und Rührung. Ja, es war streng bei uns, und wir mußten als Schüler auch was leisten. Und ich habe wahnsinnig gerne gelernt! Ich verstehe nicht, wo das Problem ist? Warum muß man als Schüler mitten im Unterricht Kopfstand machen dürfen? Warum soll der Lehrer einen Eiertanz aufführen, um dem Schüler zu gefallen? Es war die tiefste Provinz, wo ich zur Schule gegangen bin. Aber... unsere ganze Klasse hat sich zu herausragenden Persönlichkeiten entwickelt. Ich bin da gar nix gegen die meisten. Bei uns gibt es Schauspieler und Regisseuere, Kernphysiker und Schiffskapitäne, Professoren und Ärzte. Meine Deutschlehrerin ist im Alter von 45 Jahren nach Deutschland ausgewandert. Sie hat einen Führerschein gemacht und ist festangestellt an einem deutschen Gymnasium als Lehrerin für Deutsch. Und als ich hier an der Universität studierte, hatte ich nicht das Gefühl, blöder zu sein, als die anderen.
Ich frage mich, warum werden wohl so viele deutsche Lehrer früh pensioniert? Weil sie sich so vieles gefallen lassen müssen, weil man ja aus "pädagogischer" Sicht das nicht "darf", jenes nicht darf.
Ich fand es auch schön, daß es in Rußland nur eine begrenzte Studienplätzezahl gab. Wozu 10000000 von Kunstwissenschaftlern ausbilden, wenn nur 10 gebraucht werden. Aber diese 10 mußten dann wegen Arbeitsplatz nicht zittern, sondern er war ihnen so gut wie sicher. Hier regelt alles der Markt. Und ich weiß nicht, ob es nicht etwas Menschenverachtendes hat.
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Dietrich
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Re: russisches Bildungssystem

Beitrag von Dietrich »

Naila hat geschrieben:Hallo,
Ich fand es auch schön, daß es in Rußland nur eine begrenzte Studienplätzezahl gab. Wozu 10000000 von Kunstwissenschaftlern ausbilden, wenn nur 10 gebraucht werden. Aber diese 10 mußten dann wegen Arbeitsplatz nicht zittern, sondern er war ihnen so gut wie sicher. Hier regelt alles der Markt. Und ich weiß nicht, ob es nicht etwas Menschenverachtendes hat.
Wer hat denn in Russland entschieden, welche 10 der 10 Mio Interessierten am Ende Kunstwissenschaftler werden durfte? Tests? Schmiergeld? Die Parteizugehoerigkeit?

"Der Markt" gibt wenigstens jedem der sich anstrengt eine Chance. Bei Kommunismus/Sozialismus entscheiden dies meist irgendwelche Funktioneaere/Raete/...
Ich weiss, was menschenverachtender ist!
"Each one hopes that if he feeds the crocodile enough, the crocodile will eat him last."
W. Churchill (1940)
Naila

Re: russisches Bildungssystem

Beitrag von Naila »

Das ist nicht war, ich bewarb mich 1990 als Studentin. Zu dem Zeitpunkt war ich in keiner kommunistischen Organisation, was damals noch nicht üblich war. Es gab nur 25 Plätze für die ganze Republik für dieses Fach. Meine Eltern haben sich nie für meine Zukunft richtig interessiert, also, geschmiert wurde niemand. Ich bestand meine 4 Aufnahmeprüfungen mit der Note "Herausragend" und wurde genommen, so ist es. Damit wurde ich Akademikerin in der 3. Generation in der Familie. Der erste war mein Opa. Er hat in den 30er Jahren angefangen, Medizin zu studieren, obwohl sein Vater und der Vater meiner Oma erschossen 1937 wurden aus politischen Gründen. Und aus demselben Grund wurde mein Opa selbst wenig später verhaftet und in den Knast gebracht. Er wurde aber entlassen und studierte in den 50er Jahren weiter, wurde Arzt und arbeitete bis zu seinem 75. Lebensjahr.
Im Westen sind die wirklich warmen Plätze oft schon längst verteilt . Es gibt vielleicht keine Schmiergelder, aber Vitamin B. Glaub mir, ich habe Leute aus einem solchen Millieu kennengelernt.
Zeppelin
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Re: russisches Bildungssystem

Beitrag von Zeppelin »

Naila hat geschrieben:Das ist nicht war, ich bewarb mich 1990 als Studentin. Zu dem Zeitpunkt war ich in keiner kommunistischen Organisation, was damals noch nicht üblich war.
Du meinst wohl, das es zu der Zeit nicht mehr üblich gewesen sein mag.
Was Du ansonsten über Deinen Werdegang schreibst, ist nur eine der berühmten Ausnahmen, die lediglich die Regel bestätigen. Meine Frau hat fast eine identische Entwicklung hinter sich.
Dennoch ist das nicht verallgemeinerbar und ich stimme Dietrich zu 100% zu.
Es ist nunmal eine unumstößliche Tatsache, die durch umfangreiche sozialwissenscaftliche Studien unterlegt ist, dass sich die kommunistische Nomenklatura im gesamten Ostblock spätestens seit Ende der 1960er Jahre fast ausschließlich aus sich selbst reproduziert hat.
Es haben natürlich auch immer mal wieder Leute von "draußen" geschafft, aber die wurden dann zumeist gute Experten in ihren Fächern - gelangten aber nahezu niemals in Leitungspositionen, um etwa Entscheidungen zu treffen, die über ihren Arbeitsbereich hinaus gingen.

Ganz nebenbei bemerkt: Ich bin "nur" in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Aber selbst dort waren Hochschulzugänge massivst so gesteuert, wie Dietrich schreibt.
Mir selbst war es trotz bester Leistungen nicht möglich, dort zu studieren. Das konnte ich erst als die Mauer gefallen war, und die Schule schon recht lange hinter mir lag.
Meine berufliche Laufbahn begann dann auch parallel dazu mit der Analyse der sozialen und politischen Strukturen in den postkommunistischen Gesellschaften.
Zu der Zeit kamen auch zahlreiche russische Gastwissenschaftler an meine Fakultät, die genau die o.g. Diagnose bestätigten.
"Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen." (Ralf Dahrendorf)
Naila

Re: russisches Bildungssystem

Beitrag von Naila »

Das kann sein. Doch ich finde, in der UdSSR gab es mehr Freiheiten, denn das Land war riesig, die Kontrolle griff nicht überall und die Kontrolleure waren manchmal auch nicht so fleißig. Die DDR dagegen hat alles 1000% gemacht:) Ist meine persönliche Meinung, durch keine Statistiken erfasst und keine Wissenschaft belegt:)
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manuchka
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Re: russisches Bildungssystem

Beitrag von manuchka »

Naila hat geschrieben:Die DDR dagegen hat alles 1000% gemacht
Jaha! Von der Sowjetunuion lernen heißt siegen lernen! 1. Man glaubte ja daran, dass die Sowjetunion richtige Theorien und Pläne aufstellt und die selbst prima verwirklicht. 2. Man hatte Angst, dass man auf die Mütze bekommt, wenn man sich selber nicht fran hält.
Später musste man in der DDR dann feststellen, dass die Sowjetunion in der Tat gar nicht besonders weit fortgeschritten war auf dem Weg in die helle Zukunft... ;)
Du erntest, was du säst.
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Dietrich
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Re: russisches Bildungssystem

Beitrag von Dietrich »

Naila hat geschrieben:Das kann sein. Doch ich finde, in der UdSSR gab es mehr Freiheiten, denn das Land war riesig, die Kontrolle griff nicht überall und die Kontrolleure waren manchmal auch nicht so fleißig.
Ja, und auf dem 64 hatten alle Spiele prima Grafik, luden pfeilschnell (besonders von Datasette) und waren inhaltlich und vom Spielspass allen heutigen Computerspielen meilenweit ueberlegen.
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