Verhandlungen EU -Russland

Das Politische Forum ist nur für "Debattanten" und Gäste sichtbar. Wer mitdiskutieren möchte, der muss sich der Gruppe der Debattanten anschließen. Eine Mitgliedschaft kann per PN an die Administratoren beantragt werden.
Benutzeravatar
Xottabych
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1057
Registriert: 07 Nov 2005, 17:41
Wohnort: wechselnd

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Xottabych »

Es ändert aber nichts daran, dass eine Menge Leute in Polen ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein haben. Und sooo wahnsinnig weit muss man ja auch nicht in die Vergangenheit reisen.

Und wie ist das eigentlich in Russland? Ich habe im Zusammenhang mit Georgien immer wieder gelesen, das Land habe sich damals vor weiß der Teufel wie vielen Jahren vor den Osmanen in russische Obhut geflüchtet (weshalb die Georgier den Russen nun offenbar zu ewigem Dank verpflichtet seien, oder so ähnlich). Aha? Interessant. Offenbar haben also nicht nur die Polen einen Spleen mit Argumenten aus den Tiefen der Geschichte.

Übrigens: Mir persönlich kann das Herumreiten auf Dingen, die irgendwelche Politiker lange vor meiner Geburt verbrochen haben, auch gestohlen bleiben. Allerdings würde ich mir schon gute Beziehungen zu unserem zweitgrößten Nachbarn wünschen. Von daher sind mir polnische Befindlichkeiten eben nicht egal. Ich würde sie lieber ernst nehmen.
Benutzeravatar
Kultgrieche
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1292
Registriert: 14 Jan 2005, 09:29
Wohnort: Wiesbaden

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Kultgrieche »

Geschichte ist bis auf Jahreszahlen eine absolut subjektive Wissenschaft, denn wie man die Geschichte gerade benötigt, pickt man sich einfach irgendwelche historischen Eregnisse heraus und fühlt sich dann im Recht.
Schön dass die Polen ein Geschichtsbewusstein haben. Haben wir Deutsche auch, und die Russen auch. Und weiter?

Zu guten Beziehungen gehört beiderseitiges Aufeinanderzugehen. Ich habe momentan den Eindruck, die Polen machen keinen Schritt in Richtung gutnachbarschaftliche Beziehungen mit Russland und mit Deutschland. Wenn es ein Land schafft, sich mit seinen wichtigsten Nachbarn zu verkrachen, dann muss was mit diesem Land nicht stimmen und es gehört auf die Couch.
"Eines der zentralen Probleme heutzutage ist, dass die Politik so eine Schande ist. Gute Menschen gehen nicht in die Politik." (Donald Trump)
Benutzeravatar
Xottabych
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1057
Registriert: 07 Nov 2005, 17:41
Wohnort: wechselnd

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Xottabych »

"Geschichte ist eine Prostituierte in den Händen von Politikern", hat hier vor einer Weile einmal jemand sehr treffend geschrieben.
Kultgrieche hat geschrieben:Schön dass die Polen ein Geschichtsbewusstein haben. Haben wir Deutsche auch, und die Russen auch. Und weiter?
Nichts weiter. Will nur sagen: Ich kann verstehen, weshalb viele Polen Misstrauen gegenüber Russland haben.
Kultgrieche hat geschrieben:Wenn es ein Land schafft, sich mit seinen wichtigsten Nachbarn zu verkrachen, dann muss was mit diesem Land nicht stimmen und es gehört auf die Couch.
Gut. Dann sollte sich Russland aber schnellstens einen Termin besorgen.
Benutzeravatar
Axel Henrich
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 5858
Registriert: 16 Aug 2004, 20:38
Wohnort: Gera - Thueringen / Rasskasowo - Tambowski Oblast

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Axel Henrich »

Xottabych hat geschrieben:Die Ablehnung einer allzu engen Partnerschaft mit Russland aus historischen Gründen. Das kann man doch nachvollziehen, oder nicht?
Was meinst du, warum ich in dem Kontext die Beziehung Russland-Deutschland genannt habe.
Russland ist offensichtlich bereit. Warum klappt das mit Polen nicht?

[Sprachpolitik]
Xottabych hat geschrieben:Auf solche Räuberpistolen würde ich deshalb nicht allzuviel geben
;) das sei dir unbenommen, aendert allerdings nix daran, dass diese und andere "Raeuberpistolen" (du bringst weiter unten selber noch zwei Beispiele) immer wieder auch in der EU thematisiert werden. Das Problem, dass Integration nur richtig funktioniert wenn man die jeweils gueltige Amtssprache halbwegs beherrscht, kennen wir ja in Deutschland auch. Was aber da in den baltischen Staaten an Sprachpolitik betrieben wird, ist eben nicht i.O. und mit der Europapolitik nicht vereinbar. Das Geld aus Europa zum Aufbau wird gerne genommen, aber bei den Gesetzen ist vom Teamplayer ploetzlich nix mehr zu spueren - btw hat auch Polen Probleme mit Teamplay, Zufall?

Deine 1. zwei Beispiele bestaetigen ja eher meine These des fehlenden Willens (s.o. Polen) seitens der baltischen Staaten - Aktion-Reaktion. Danke dafuer. Nur haette ich halt auch mal Beispiele, wo heuer Russland in "Vorleistung" geht...
Btw fand ich die Sache mit dem Denkmal auch ziemlich unsensibel, weil russ. Soldaten ja auch fuer das Baltikum gefallen sind ...
Xottabych hat geschrieben:Effekthascherisches Gebaren im Gasstreit mit der Ukraine
... und du wuerdest natuerlich ganz anders handeln. ;)
Auf der einen Seite Freundschaftspreise einfordern, auf der anderen Seite der Nato schoene Augen machen. Du wuerdest dir trotzdem vom Kaeufer den Preis diktieren lassen und dein Produkt verschenken, machen ja alle anderen Staaten auch so ... und wenn dich dein Kunde auch noch beklaut, machst du Ihm trotzdem noch Geschenke. Ich glaube dir, wirklich ...
Der Preis ist btw nicht auf einmal erhoeht wurden und Tschernomyrdin hatte im Maerz angefangen an dem zum Jahresende hin gueltigen neuen Preis zu "erinnern" - wirklich unmoegliches Gebaren Russlands.
Xottabych hat geschrieben:Der Krieg gegen Georgien natürlich
Natuerlich. Vorhin Nachrichten (Westi) gehoert, Stichpunkt: Schewardnaze?
Xottabych hat geschrieben:Überhaupt finde ich, die russische Außenpolitik macht gerne "einen auf Wichtig" und lässt keine Gelegenheit dazu aus, allen Anderen zu beweisen, wie stark und ernstzunehmen Russland doch angeblich sei
Dagegen finde ich das neue Selbstbewusstsein von Russland gut und wichtig. Nimm nur mal das kleine Woertchen "angeblich", welches ja nicht nur von dir in diesem Zusammenhang gerne benutzt wird. Dieses absichtliche Ignorieren, bzw. herunterspielen der russ. Aufgabe in der grossen Politik. Zufall, das Frankreich und Deutschland z.B., als die Motoren von Europa, auf solche (Wort)-Spielchen verzichten? Erinnere dich mal an den Jugoslawienkrieg. Ploetzlich stand Russland mit Hilsguetern und als erstes Land mit mobilen Krankenhaeusern da und alle waren voellig aus dem Haeuschen, wie koenenn die denn nur ... Wie oft hat Amerika versucht die Russen von wichtigen Verhandlungen wie z.B. G8 fernzuhalten, wie oft haben die 27 Euro-Laender ohne Russland entschieden und sich dann masslos aufgeregt, wenn Russland nicht mit dem Kopf genickt- und gesagt hat: "So lassen wir nicht mit uns reden".
Russland ist sich seiner Aufgabe und Wichtigkeit sehr wohl bewusst und hoert ganz genau zu.

Gut, wir werden wohl nicht auf einen Nenner kommen, womit ich auch ueberhaupt kein Problem habe. Aber mindestens in einem Punkt stimme ich dir 100% zu:
Xottabych hat geschrieben:das Aufstellen russischer Fahnen in Niemandsland (Nordmeer)
Mal abgesehen davon, dass in diesem Zusammenhang ein paar mehr Staaten ploetzlich den Finger hoben und schonmal Ansprueche formulierten und natuerlich allein Russland auf seinem Land das Recht hat Flaggen aufzustellen, hatte ich schon einen riesen Hals.
Kurze Zeit vorher verlieren die Russen die Kursk und versagen bei Rettungsversuchen - die die Bezeichnung schon nicht verdienen - aufs peinlichste. :-(
Feiern sich etwas spaeter, weil Sie 4000m tief tauchen koennen, versagen aber bei einer Tiefe von 100m klaeglich - unabhaengig mal davon, ob ueberhaupt noch jemand zu retten gewesen waere. Die Wertigkeit von Menschenleben bei einigen Verantwortlichen gepaart mit mangelnder Sensibilitaet ist schon erschreckend ...

-ah-
Benutzeravatar
Xottabych
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1057
Registriert: 07 Nov 2005, 17:41
Wohnort: wechselnd

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Xottabych »

Axel Henrich hat geschrieben:
Xottabych hat geschrieben:Die Ablehnung einer allzu engen Partnerschaft mit Russland aus historischen Gründen.
Was meinst du, warum ich in dem Kontext die Beziehung Russland-Deutschland genannt habe.
Russland ist offensichtlich bereit. Warum klappt das mit Polen nicht?
Weil Deutschland erstens, da westdeutsch dominiert, ein unproblematischeres Verhältnis betreffend der Nachkriegszeit zu Russland hat, und zweitens vor allem einen klaren Bruch mit der Vergangenheit vollzogen hat. Die russische Führung distanziert sich dagegen kaum von der Politik der Sowjetunion. Halbherzige Lippenbekenntnisse sind da nicht genug. Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz Putins, als der Denkmalstreit in Estland richtig losgebrochen war. Putin sagte in etwa: "Wir haben uns doch schon für die falsche Politik von früher entschuldigt. Wie oft sollen wir das denn noch?!". Sorry, aber so betreibt man keine Vergangenheitsbewältigung. Solche Aussagen, gepaart mit "vieles in der Sowjetunion war besser als heute" sind einfach unglaubwürdig.
Axel Henrich hat geschrieben:Btw fand ich die Sache mit dem Denkmal auch ziemlich unsensibel, weil russ. Soldaten ja auch fuer das Baltikum gefallen sind ...
Das kann schon sein. Trotzdem fand ich die russische Reaktion einfach krass überzogen. Ein kleiner Piekser, und das halbe Land rastet aus? Was geht denn ab?

Kurz gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Polen und andere Staaten in unabsehbarer Zeit vertrauensvoll mit Russland zusammenarbeiten werden können, solange dort Menschen das Sagen haben, die die Politik der UdSSR im Großen und Ganzen richtig fanden. Und das kann ich irgendwie verstehen.
Deine 1. zwei Beispiele bestaetigen ja eher meine These des fehlenden Willens (s.o. Polen) seitens der baltischen Staaten - Aktion-Reaktion. Danke dafuer. Nur haette ich halt auch mal Beispiele, wo heuer Russland in "Vorleistung" geht...
Ich will gar nicht bestreiten, dass in Polen gerade ein Betonkopf Präsident ist. Mit den Kaczynskis war nicht gut Kirschen essen. Aber auch die Mehrheit der Polen hat von den Brüdern auch die Schnauze voll. Von den beiden ist schließlich schon seit gut einem Jahr nur noch einer im Amt. Was ich nicht sehe ist, wo genau Russland gerade in Vorleistung geht.
Axel Henrich hat geschrieben:
Xottabych hat geschrieben:Effekthascherisches Gebaren im Gasstreit mit der Ukraine
... und du wuerdest natuerlich ganz anders handeln. ;)
Ja, würde ich. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, da der Gasstreit schon in anderen Diskussionen in diesem Forum auseinandergenommen wurde. Aber ganz unanbhängig davon, inwieweit Russland hier im Recht war, stieß mir eher dieses demonstrative "Jetzt zeigen wir Euch, wo es langgeht!" unangenehm auf. Andere mögen mit viel Genugtuung jubeln, wenn Russland sich wie auch in Georgien "endlich" gegen die so genannten "Ami-Vasallen" so spektakulär wehrt, aber ich finde es nur saudumm, unreif und politisch kurzsichtig.
Axel Henrich hat geschrieben:Dagegen finde ich das neue Selbstbewusstsein von Russland gut und wichtig.
Ich würde es mal so ausdrücken: Insbesondere die NATO und die USA haben in meinen Augen eine erhebliche Mitschuld daran, dass sich die Streitpunkte zwischen Russland und seinen Nachbarn so verhärtet haben. Warum? Weil man sich in den 90ern nicht an Vereinbarungen der Wendezeit gehalten hat. Dazu kommen noch der Kosovokrieg und die Amis mit der Aufkündigung des ABM-Vertrages und ihrem dämlichen Raketenschild. Hier wurde viel Vertrauen verspielt.
Benutzeravatar
Axel Henrich
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 5858
Registriert: 16 Aug 2004, 20:38
Wohnort: Gera - Thueringen / Rasskasowo - Tambowski Oblast

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Axel Henrich »

Xottabych hat geschrieben:Kurz gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Polen und andere Staaten in unabsehbarer Zeit vertrauensvoll mit Russland zusammenarbeiten werden können [...]
Ich behaupte doch nix anderes. Du schreibst selber: "Deutschland hat einen klaren Bruch mit der Vergangenheit vollzogen." und dass Russland fuer einen Neuanfang bereit ist, zeigen sie doch gerade im Verhaeltniss zu Deutschland. Ergo, Polen und das Baltikum wollen/koennen die Vergangenheit nicht ruhen lassen - siehe Kultgrieche ...

Insofern ist doch die Aussage von Putin: "Wir haben uns doch schon für die falsche Politik von früher entschuldigt. Wie oft sollen wir das denn noch?!" voellig normal, wir reagieren doch inzwischen auf immer wieder kehrende Forderungen von Polen nicht anders. Es muss irgendwann auch mal weiter gehen!
Xottabych hat geschrieben:Was ich nicht sehe ist, wo genau Russland gerade in Vorleistung geht.
Richtig, ich sehe das auch nicht. Die Probleme der Polen und des Baltikums sind also aelteren Datums. Nochmal, Russland hat gezeigt, dass Sie gewillt und dazu in der Lage sind, Polen und das Baltikum sind den Beweis dafuer bisher schuldig geblieben.
Xottabych hat geschrieben:Aber ganz unanbhängig davon, inwieweit Russland hier im Recht war, stieß mir eher dieses demonstrative "Jetzt zeigen wir Euch, wo es langgeht!" unangenehm auf.
Ich sehe es nicht so und leider kannst du es auch nicht besser erklaeren. Sorry, aber ein bischen Schwanger geht nicht ... Recht, oder Unrecht. Was haettest du anders gemacht, damit die Ukraine es nicht als "Watchen" empfindet? Mal daran gedacht, dass die Ukraine genau darauf spekuliert hat, dass beim Schliessen der Gasleitung Europa "natuerlich" ueber Russland herfaellt - im Sinne von unzuverlaessiger Partner? Ich wiederhole mich, Freundschaftspreise einfordern, auf der anderen Seite aber ganz offen fuer den "Feind" schwaermen, der immer wieder und ganz aktuell gegen Russland agiert, das kann nicht funktionieren, es sei denn, man haelt Russland fuer saudumm, unreif und politisch kurzsichtig. Welche Gegenleistung fuer den Freundschaftspreis und die Duldung des Diebstahls hat denn die Ukraine zu bieten? Bestandsrecht - im Sinne von, wir haben doch schon immer geklaut -, den Schwarzmeerhafen als staendiges Druckmittel (btw auch eine historische sensible Angelegenheit), der Verzicht auf Billig-Waffenlieferungen an Georgien?

-ah-
Benutzeravatar
Kundun
Insider/in
Insider/in
Beiträge: 234
Registriert: 18 Jun 2005, 13:18
Wohnort: Ulaanbaatar / Mongolei

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Kundun »

Ausgerechnet Herr Sarkozy ließ ja nun vernehmen, daß man auf den polnisch-tschechischen Raketenschild doch besser verzichten solle und als EU statt dessen kooperativ und enger mit Rußland arbeiten möge.
Wohl nicht zuletzt auch wegen dem US-Machtwechsel sei dies an der Zeit.

Und was passiert ? Da heult die politische Szene in Tschechien auf: "Wir wollen das Radar", egal wie sich die Lage ändert.
Und der Ministerpräsident Klaus eben dieses Landes, welches am 1.1. die EU-Präsidentschaft übernehmen wird, trifft sich mal schnell in Irland mit der Opposition, welche eine aggressive Feindschaft zur EU auf der Fahne stehen hat und brüskiert damit die Regierung des Landes und seinen eigenen Premier Toplanek .

Die Herrschaften in Warschau und Prag lassen wohl kein Fettnäpfchen aus, wenn es um die Rußland- oder die EU-Politik geht... ach ja, die Visumpflicht für Tschechen in die USA wird ja morgen abgeschafft.....wes Brot ich eß`....

Und noch was:
Wenn hier im Forum sinngemäß zu lesen ist: "Rußland will Sonderrechte für seine Minderheit in Lettland", so sollte man die Realitäten dort bezüglich der Staatsbürgerschaft und des Passes mal mit der europäischen Menschenrechts-Charta und anderen Dokumenten abgleichen. Die hat Lettland nämlich ratifiziert und müßte sie seit dem 1.5.2004 umsetzen.
Übrigens:
Daß russische Soldaten im Baltikum im Weltkrieg gegen die Nazis gefallen sind, das "kann schon sein.....".
Ja, so kann man es auch formulieren. :shock:

Gruß
Kundun

Ergänzung: Kai Ehlers schreibt aktuell und sachkundig über Hintergründe:
http://www.scharf-links.de/57.0.html?&t ... 9afd112e26
Du wirst erst alt, wenn Dich die Versuchung meidet.
Benutzeravatar
Xottabych
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1057
Registriert: 07 Nov 2005, 17:41
Wohnort: wechselnd

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Xottabych »

Axel Henrich hat geschrieben:Ich behaupte doch nix anderes. Du schreibst selber: "Deutschland hat einen klaren Bruch mit der Vergangenheit vollzogen." und dass Russland fuer einen Neuanfang bereit ist, zeigen sie doch gerade im Verhaeltniss zu Deutschland. Ergo, Polen und das Baltikum wollen/koennen die Vergangenheit nicht ruhen lassen - siehe Kultgrieche ...
Der Unterschied ist, dass bei Deutschland-Russland und Russland-Polen die Rollen vertauscht sind. Der Vergleich passt darum nicht.
Axel Henrich hat geschrieben:(...)wir reagieren doch inzwischen auf immer wieder kehrende Forderungen von Polen nicht anders. Es muss irgendwann auch mal weiter gehen!
Wieso, was fordern die Polen denn großartiges von uns? Bis auf ein, zwei Entgleisungen Kaczynskis fällt mir dazu nichts ein. Abgesehen davon: Diplomatisch ist eine solche Reaktion trotzdem nicht. So etwas könnte man vielleicht bei einem Wahlkampf ablassen, aber nicht in einer Krise. In der damaligen Situation wäre es viel wichtiger gewesen, die Wogen zu glätten, und nicht, die Stimmung noch weiter anzuheizen.
Axel Henrich hat geschrieben:Was haettest du anders gemacht, damit die Ukraine es nicht als "Watchen" empfindet?
Ich wollte das Thema eigentlich außen vorlassen, da es andernorts schon durchgekaut wurde, aber okay.

Es geht überhaupt nicht darum, dass Preiserhöhungen per se ungerechtfertigt seien, sondern um das Wie. Was hätte ich persönlich anders gemacht? Ich hätte auf die populistische Effekthascherei Putins als der Hahn-Zudreher verzichtet. Das Thema "Erdgas-Klauen" hätte ich unabhängig von Preiserhöhungen schon lange vorher thematisiert, und vor allem unabhängig von der Person des Präsidenten. Die Preiserhöhungen hätte ich gestaffelt, und als der erste Kompromiss um einen höheren Preis erreicht war, hätte ich mich damit zufrieden gegeben, und nicht nochmal nachgelegt. Eine schlagartige Erhöhung um das Doppelte musste die ukrainische Wirtschaft ins Mark treffen, und dass war auch jedem klar. Hier wurde ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt, da es für die Ukraine keine Alternativen zur Versorgung mit Gas aus Russland gab.
Axel Henrich hat geschrieben:Mal daran gedacht, dass die Ukraine genau darauf spekuliert hat, dass beim Schliessen der Gasleitung Europa "natuerlich" ueber Russland herfaellt - im Sinne von unzuverlaessiger Partner?
Ja, darüber habe ich gerade nachgedacht, und halte es für sehr unwahrscheinlich. Ich glaube, dass man in der Ukraine andere Sorgen hat, als Russland um jeden noch so hohen Preis eine auszuwischen. Juschtschenko mag ein schlechter Politiker sein, aber für so fanatisch besessen und dumm halte ich ihn wirklich nicht.
Kundun hat geschrieben:Daß russische Soldaten im Baltikum im Weltkrieg gegen die Nazis gefallen sind, das "kann schon sein.....".
Ja, so kann man es auch formulieren. :shock:
Kundun, das hast Du falsch verstanden. Meine Bemerkung "Kann schon sein..." bezieht sich darauf, dass das Umsetzen des Denkmals wenig feinfühlig war, und nicht darauf, dass sowjetische Soldaten bei der Befreiung der baltischen Staaten gefallen sind.
Kundun hat geschrieben:Wenn hier im Forum sinngemäß zu lesen ist: "Rußland will Sonderrechte für seine Minderheit in Lettland", so sollte man die Realitäten dort bezüglich der Staatsbürgerschaft und des Passes mal mit der europäischen Menschenrechts-Charta und anderen Dokumenten abgleichen. Die hat Lettland nämlich ratifiziert und müßte sie seit dem 1.5.2004 umsetzen.
Was da gefordert wird, muss Lettland umsetzen, keine Frage. Es hat aber, denke ich zumindest, nichts mit mit der Unterrichtssprache zu tun. Das ist jedoch, worüber man sich in Russland besonders aufgeregt hat. Oder täusche ich mich?
Benutzeravatar
Kultgrieche
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1292
Registriert: 14 Jan 2005, 09:29
Wohnort: Wiesbaden

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Kultgrieche »

Xottabych hat geschrieben:Weil Deutschland erstens, da westdeutsch dominiert, ein unproblematischeres Verhältnis betreffend der Nachkriegszeit zu Russland hat, und zweitens vor allem einen klaren Bruch mit der Vergangenheit vollzogen hat. Die russische Führung distanziert sich dagegen kaum von der Politik der Sowjetunion. Halbherzige Lippenbekenntnisse sind da nicht genug. Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz Putins, als der Denkmalstreit in Estland richtig losgebrochen war. Putin sagte in etwa: "Wir haben uns doch schon für die falsche Politik von früher entschuldigt. Wie oft sollen wir das denn noch?!". Sorry, aber so betreibt man keine Vergangenheitsbewältigung. Solche Aussagen, gepaart mit "vieles in der Sowjetunion war besser als heute" sind einfach unglaubwürdig.
Das sind wir wieder beim Problem der Disziplin Geschichte:

1.
Deutschland wurde von den Siegermächten ein neuer Blick auf seine Geschichte aufgezwungen, und dieser Blickwinkel hat sich im Prinzip auch bis heute in fast allen politischen Lagern durchgesetzt. In Deutschland gibt es einen breiten Konsens über die eigene Geschichte, verbunden mit einer Art "Bildersturm". Alles aus der Nazizeit wurde verbannt, verdrängt, verboten, v.a. Symbole. Nicht so in Russland. Zum einen gibt es auch in Russland den Konsens, es gäbe so gut wie nichts, wofür man sich bzgl. der UdSSR schämen müsste, wofür denn. Einen Bildersturm hat es auch in Russland kaum gegeben, Lenin steht immer noch auf Marktplätzen, der Sowjetstern ist immer noch oft anzutreffen etc. Auch kann man das 3. Reich nicht mit der UdSSR gleichsetzen, wie es die Balten gerne versuchen.
Bislang mangelt es in Russland an einer differenzierten Betrachtungsweise der eigenen Geschichte, doch wird diese nie so weit gehen wie in Deutschland, wo ja sehr einfach gesagt wird: Das 3. Reich war des Teufels, alles böse, Punkt und Schluss. In Russland wird dies differenzierter betrachtet werden müssen, weil so ein Resultat der UdSSSR nicht gerecht wäre.

2.
Das Baltikum muss seine eigene Geschichte auch differenzierter betrachten, denn die Mitschuld am Zusammenarbeiten mit den Nazis ist bislang im Baltikum nicht ausgiebig untersucht worden. In Lettland und Estland marschieren unter dem Applaus der Bevölkerung Veteranen der internationalen SS auf. In Estland wurde bislang nie jemand wegen Nazikollaboration verurteilt. Insbesondere das Baltimum war im 2. WK sehr schnell "judenfrei", vorauseilender Gehorsam der Balten?

3.
Frankreich quält sich bis zum heutigen Tag mit seiner Rolle im 2. Weltkrieg zwischen Résistance und Kollaboration mit Hitler (Vichy-Regime). Unter Chirac wurde noch die Kollaboration thematisiert (auch durch Gedenktage), aber Sarkozy ist auch mit dem motto angetreten "Genug der Scham", so dass nur noch intensiv des 1. WK in Frankreich gedacht wird, wo aus französischer Sicht der good guy under der bad guy feststehen.

4.
Großbritannien: Haben die sich für ihren imperialen Kolonialismus mal bei irgendwelchen Völkern entschuldigt? Wo der Engländer mal auf dem Globus seinen Stiefelabdruck hinterlassen hat, hat er meistens nur Scheiße zurückgelassen. Mit dem Prinzip divide et impera hat er Völker gegeneinander aufgewogen und für Konflikte gesorgt, die bis zum heutigen Tag andauern: Zypern (Türken und Griechen), Sri Lanka (Tamilen und Singhalesen), Indien vs. Paktistan etc.

Und um wieder auf Russland zurückzukommen: Xottabych, was soll denn Russland machen? Einen deutschen Mea-Culpa-Kotau? Konkret wofür, konkret für was? Und soll das einseitig sein?

Am besten wäre es, baltische und russiche Historiker wüden gemeinsam ihre Geschichte aufarbeiten, in gemeinsamen Konferenzen, und zu einem gemeinsamen Standpunkt finden:
Ja, könnten die Russen sagen, der Hitler-Stalin-Pakt war nicht rechtens, auch nicht die Besatzng des Baltikums nach dem 2. WK.
Ja, könnten die Balten sagen, ihr habt uns vor der Nazibrut gerettet und wir haben zu unserer Scham mit den braunen Schergen paktiert. Vielleicht haben wir auch die fortwährernde Besatzung des Baltikums durch überproportionale Teilnahme unserer Veteranen in der SS provoziert?

Und gegenseitige Entschädigungsforderungen sollten ein für allemal unterbleiben, sonst kehrt nie Ruhe ein!
"Eines der zentralen Probleme heutzutage ist, dass die Politik so eine Schande ist. Gute Menschen gehen nicht in die Politik." (Donald Trump)
Benutzeravatar
Axel Henrich
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 5858
Registriert: 16 Aug 2004, 20:38
Wohnort: Gera - Thueringen / Rasskasowo - Tambowski Oblast

Re: Verhandlungen EU -Russland

Beitrag von Axel Henrich »

Xottabych hat geschrieben:Ich hätte auf die populistische Effekthascherei Putins als der Hahn-Zudreher verzichtet.
... und damit auf die einzige Moeglichkeit verzichtet, die Ukrainer ueberhaupt erst mal wieder an den Verhandlungstisch zu zwingen? Hmmm ... und dabei wird oft gern vergessen, dass der Hahn nicht wirklich zu war, sondern nur ...
Aber du hast Recht, darueber wurde nun wahrlich genug diskutiert.
Xottabych hat geschrieben:Die Preiserhöhungen hätte ich gestaffelt, und als der erste Kompromiss um einen höheren Preis erreicht war, hätte ich mich damit zufrieden gegeben, und nicht nochmal nachgelegt.
;) Du kleiner Schelm, zu diesem Zeitpunkt haben die Ukrainer weniger bezahlt als die Russen im eigenen Land.
Die Preiserhoehung war doch gestaffelt und der erste Kompromiss war die 2. Vereinbahrung mit der Ansage, dass dann 1 Jahr spaeter zum Jahresende wieder eine Erhoehung ins Haus steht und wie unfair von den Russen, immer noch weit entfernt vom marktueblichen Preis. "Schlagartig" geht anders.
Natuerlich erhalten kleine Geschenke die Freundschaft, nur wenn die Freundschaft nicht gewuenscht ist, fallen logischerweise auch die Geschenke etwas rar aus.
Xottabych hat geschrieben:
Axel Henrich hat geschrieben:Mal daran gedacht, dass die Ukraine genau darauf spekuliert hat, dass beim Schliessen der Gasleitung Europa "natuerlich" ueber Russland herfaellt - im Sinne von unzuverlaessiger Partner?
Ja, darüber habe ich gerade nachgedacht, und halte es für sehr unwahrscheinlich.
Molodjez!

-ah-
Antworten

Zurück zu „Politisches Forum“