manuchka hat geschrieben:Aber mich regt es schon ein wenig auf, wenn manche Aussiedler hier in ihrem russischsprachigen "Ghetto" wohnen und sich nur mit ihresgleichen abgeben, selbst nichts oder wenig tun, um sich als Deutsche, als die sie ja nun mal "zurück in die Heimat" kommen, zu integrieren (und damit meine ich in erster Hinsicht Sprache lernen und so), aber meckern, dass sie keine qualifizierte Arbeiten bekommen. Wie denn, wenn der Arbeitgeber sich mit ihnen nicht verständigen kann?
Aus Sicht gut des gut integrierten Bildungsbürgertums mag das alles Sinn machen. Aber mir scheint, dass du die Situation, in der sich viele Aussiedlier in ihren "Wohngettos" befinden, verkennst. Da weitestgehend mittellos, werden Aussiedler (genau wie Asylanten) gleich nach ihrem Umzug nach Deutschland vom Staat erstmal in irgendwelche Außenbezirke der jeweiligen Städte gesteckt, wo sie mit Anderen, die eine ähnliche Reise hinter sich haben, in großen Betonklötzen wohnen. Niemand spricht deutsch, entsprechende Kurse bekommt man auch nicht umsonst, mit Deutschen hat man keinen Kontakt und wenn, dann sind sie von der Verwaltung des sozialen Wohnungsbaus, unhöflich, autoritär, dumm. Arbeit findet man wegen mangelnder Sprachkenntnisse auch nicht. Außerdem kommen die meisten Aussiedler aus irgendwelchen Dörfern oder verarmten Gegenden in ihren Heimatländern, wo sie selbst arbeitslos waren und keinerlei Ausbildung bekommen haben. Was folgt, ist Frustration. Die Kinder wachsen auf in einem Umfeld des sozialen Siechtums und geraten leicht in kriminelle Kreise. Bei Jugendlichen geht der Frust schnell über in Aggression. Richtungsweisende Vorbilder oder Mentoren gibt es keine, die Eltern sind es schon lange nicht mehr.
Manche fordern sogar: "Wir Russen (sic!) sind mittlerweile viel mehr als Türken und Jugoslawen in Deutschland. Warum gibt es in den Bankautomaten z.B. keine russischen Menüs?"
Ich finde diese Frage, ehrlich gesagt, gar nicht so unberechtigt. Von Türken verlangt man zwar auch ein gewisses Maß an sozialer Integration, bekannter Fakt aber ist, dass sich die deutsche Umwelt genauso an diese Subkultur anpasst (z.B. in Form türkischsprachiger Menüs in Bankautomaten). Dass das für eine in RUssland aufgewachsene Minderheit anders sein soll, ist aus Sicht der Aussiedler nichts als Diskriminierung.
Und dann wird Arbeitslosengeld und Sozialhilfe kassiert und nebenbei schwarz gearbeitet (gut, das machen Deutsche auch) und Versicherungen werden beschissen (das machen Deutsche auch) und an Regeln und Verbote hält man sich nicht, denn das ist man ja so aus Russland gewöhnt... Ich habe nichts dagegen, wenn die Leute die Kultur pflegen, in der sie groß geworden sind. Aber bei manchen Dingen sage ich mir: Wenn du so leben willst wie in Russland, dann musst du eben in Russland leben. Und wenn du in Deutschland leben willst, dann musst du dich eben an gewisse elementare Regeln halten, auch wenn du die in Russland nie einhalten würdest.
Genau das lernt man aber nur durch gute Integration, die zu einem großen Anteil von Anfang an in der Verantwortung des deutschen Staates liegt. Aussiedler sind eben Deutsche. Dass sie sich selbst oft als Russen bezeichnen, liegt wohl eher daran, dass sie von ihren deutschen Mitbürgern als Russen gesehen und auch so betitelt werden.
Ich arbeite zwei- dreimal im Monat ehrenamtlich in einem Laden, der Lebensmittel an Bedürftige austeilt. Ein Großteil der Kundschaft dort kommt aus GUS-Staaten. Meistens sind es die (Groß-)Mütter oder (Groß-)Väter, die zu uns kommen, den jüngeren ist es vermutlich peinlich. Mein Eindruck ist, dass viele von ihnen sich einfach schämen, so schlecht Deutsch sprechen zu können. Aber woher soll das auch kommen? Viele haben nicht einmal einen vernünftigen Schulabschluss und sind mittlerweile auch schon recht alt, nochmal eine Sprache von grundauf neu zu lernen. Wenn es ihnen denn überhaupt angeboten würde.